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00:15 12.03.2014
Von Sonja Fröhlich
Foto: Wenn Gäste im Appartment unterkommen, treffen sie ihre Gastgeber schon mal 
im Garten zum Plausch: Christine Sasstedt, Tochter Eni und Labrador Bolle und 
Lars Wichmann.
Wenn Gäste im Appartment unterkommen, treffen sie ihre Gastgeber schon mal 
im Garten zum Plausch: Christine Sasstedt, Tochter Eni und Labrador Bolle und 
Lars Wichmann. Quelle: Thomas
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Hannover

Jetzt sind wieder Messegäste zur Familie Wichmann nach Limmer gekommen. Diesmal sind es Stephan und seine zwei Kollegen. Über Stephan und seine Kollegen wissen die Gastgeber Lars Wichmann und seine Frau Christine Sasstedt bloß, dass sie aus Saarbrücken kommen und für ein internationales Unternehmen auf der CeBIT arbeiten. Mehr nicht. Vier Tage bleiben Stephan und seine Kollegen, vielleicht trinkt man mal ein Bier zusammen. „Mal gucken, wie es passt“, sagt der 42-jährige Wichmann. So locker geht es bei der Vermietung ihres Appartements eigentlich immer zu. Die Wichmanns sind als Gastgeber im Internet-Portal airbnb registriert.

Dort bietet das Paar ein 30 Quadratmeter großes Appartement mit Zugang zum Garten, drei Schlafmöglichkeiten, Küchenzeile, TV, HiFi und WLAN an. Mehrere Bilder zeigen die Zimmer im Anbau der Familie, außerdem stellen sich die Gastgeber kurz auf Englisch vor. Bei airbnb duzt man sich, Interessenten melden sich per E-Mail, abgerechnet wird über den Vermittlungsservice, der für die Benutzung seiner Plattform drei Prozent Gebühr verlangt (Gäste zahlen sechs bis zwölf Prozent).

Der Gedanke der Shared Economy, also das Teilen von Gegenständen, liegt voll im Trend – das ist bei Autos gleichermaßen so wie bei Immobilien. Mit ihrem einfachen Konzept ist das 2008 in Silicon Valley gegründete Unternehmen Airbed and breakfast (zu Deutsch: Luftmatratze und Frühstück) mittlerweile das weltweit führende Internet-Portal für das Teilen privater Unterkünfte auf Zeit. Weltweit buchen mehr als drei Millionen Menschen jährlich über die airbnb-Seite eine Bleibe.

Sucht man dort nach privaten Domizilen in Hannover, zeigt das Portal 643 Angebote. Die reichen vom kleinen Zimmer mit Bett für 20 Euro in Linden bis zum luxuriösen 250-Quadratmeter Loft über drei Etagen mit zwei Garagen, 3D-Fernseher und Whirlpool für 349 Euro in der Innenstadt – pro Tag. Gezeigt werden stets Bilder von ordentlichen, stilvoll eingerichteten Zimmern und von Gastgebern mit (gast-)freundlichem Lächeln. Oft kann man auch lesen, was sie beruflich und privat so machen. Da ist der Vermieter einer Drei-Zimmer-Wohnung: Phillip, Marketing Manager, reist gern und entdeckt gern neue Plätze. Und da ist Bianca, Sekretärin, die aus einer „fußballverückten Familie“ stammt und bunte Farben liebt, wie auf den Bildern ihrer Altbauwohnung am Maschsee zu sehen ist.

Und da sind eben Lars Wichmann, seine Frau Christine Sasstedt und die zehn Jahre alte Tochter Eni und der Labrador Bolle. Der Produktdesigner und die Innenarchitektin haben den Anbau ihres Hauses eigens sanieren lassen, um darin Gäste zu beherbergen. Das Zwei-Zimmer-Appartement vermieten sie für 69 Euro am Tag – zu Messezeiten etwas teurer. Die Nachfrage ist groß. Seit sie sich vor 14 Monaten registriert haben, gingen schon ein Dutzend Buchungen ein. Und es geht weiter: Für die Hannover Messe im April haben sich Gäste aus Spanien einquartiert, im Mai kommen welche aus Südkorea, im Juni kommt Colin Nice – wie nett – aus England, und für den Sommer gibt es bereits die Anfrage eines Paares aus Massachusetts, die immerhin zwei Wochen in Hannover weilen wollen. „Ich hatte erst keine Vorstellung, dass es so gut läuft“, sagt der Gastgeber.

Hotels, Pensionen und auch Messezimmervermittlern sind die Privatunterkünfte indes ein Ärgernis. Auch nicht jedem Eigentümer dürfte die regelmäßige Beherbergung von Gästen in Mietwohnungen recht sein. Deshalb gibt es viele Gastgeber, die ihren vollen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen wollen. Ihre Vermieter wissen nichts von dem Nebenerwerb. Auch die rechtliche Seite wirft viele Fragen auf (siehe Extratext).

Für Lars Wichmann und Christine Sassedt ist das weniger ein Problem – sie teilen ihr eigenes Appartement. Auch wenn ihnen die Vermietung in einem Jahr gut 5000 Euro Umsatz eingebracht hat, sei dies lediglich ein nettes Zubrot, sagt Wichmann. Denn in der Pauschale seien eben auch die tägliche Reinigung, das Waschen von Bettwäsche und Handtüchern, Einkauf und der Regelsteuersatz von sieben Prozent für Beherbergungsleistungen enthalten, die Wichmann an den Fiskus abführen muss. Zudem müssen die Selbstständigen fürs Beherbergung ihrer Gäste einige Zeit aufbringen. „Uns geht es nicht darum, viel Geld damit zu verdienen. Wir machen das aus Spaß – und wenn wir uns darüber einen Urlaub finanzieren können, umso besser“, sagt Wichmann. Wie die meisten Anbieter bei airbnb sind die Gastgeber aus Limmer selbst reise- und kontaktfreudig.

Wichmann hat das Internet-Portal schon als Gast ausprobiert – er buchte mit zwei Freunden ein Appartement am Stadtrand Kopenhagens. „Für uns war es toll, im sozio-kulturellen Umfeld einzutauchen. Wir haben gesehen, wie die Kopenhagener leben, und wenn wir wollten, sind wir mit dem Fahrrad ins Zentrum gefahren.“ Zudem sei ein netter Kontakt mit dem Vermieter entstanden.

Für die meisten airbnb-Gastgeber ist genau das ein wesentlicher Aspekt. Zu Wichmann und seiner Familie kamen schon Gäste aus Israel, Russland, Lettland, Indien, der USA. Die Russen berichteten von der Korruption in ihrer Heimat, mit den Letten trank man den mitgebrachten Wodka, zwei Holländerinnen kamen für ein Taekwondo-Seminar nach Hannover. „Der Austausch ist immer wieder bereichernd“, stellt Lars Wichmann fest. Auch mit der Familie aus Süddeutschland gab es einen netten Plausch, die Kinder spielten zusammen.

Die Bewertungen, die das Paar aus Limmer denn auch auf der Plattform erhält, sprechen für sich. Etwa die: „Wir haben schöne Tage bei Lars und seiner Familie verbracht. So gut haben wir in Hannover noch nicht übernachtet.“

Wenn der Mieter zum Vermieter wird

Bis Jahresanfang konnten sich Mieter, die auf Sharing-Börsen vermieten, auf der sicheren Seite wähnen. Wohnungsteilung galt als Untervermietung. Im Januar hat sich das grundlegend geändert. In einem Prozess wegen einer strittigen Untervermietung hatte der Bundesgerichtshof (BGH) bemerkt, dass die tageweise Vermietung der Wohnung an Touristen rechtlich keine Untervermietung sei. Im Urteil heißt es, die Überlassung der Wohnung an beliebige Touristen unterscheide sich von einer „gewöhnlich auf gewisse Dauer angelegten Untervermietung“. Darum sei sie nicht ohne Weiteres von der Erlaubnis zur Untervermietung gedeckt.

Wohnungseigentümer sind nicht betroffen. Mieter aber, die ihre Wohnung oder einzelne Zimmer auf Portalen wie airbnb anbieten, können Probleme bekommen. Auch eine Untervermietung muss dem Vermieter angezeigt werden. Für ein Verbot der Untervermietung müssen jedoch besondere Gründe vorliegen. Auf die Untervermietung können sich Mieter jetzt nicht mehr berufen. Wollen sie sich keinen Ärger einhandeln, müssen sie sich die kurzfristige Vermietung an Touristen durch den Eigentümer speziell genehmigen lassen. Anders als bei der Untervermietung muss der Vermieter diesem Begehren nicht zustimmen. Wer ohne Erlaubnis vermietet, dem droht am Ende die Kündigung wegen Zweckentfremdung des Mietobjektes. Die Kritik des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes richtet sich vor allem gegen Geschäftemacher, die unter dem Deckmantel des Teilens eine professionelle Zimmervermietung betreiben. Der Verband will eine Gleichbehandlung zum Beispiel bei der Bettensteuer und eine stärkere Kontrolle der Einnahmen durch die Finanzämter erreichen.

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