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Stadt Hannover Wie der Vahrenwalder Karna Deeke seine nepalesische Familie wiederfand
Aus der Region Stadt Hannover Wie der Vahrenwalder Karna Deeke seine nepalesische Familie wiederfand
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19:15 10.10.2019
Zwei Familien finden sich (von links): Karna, Katrin Rosemeier, Vater Dan, Jaya und Rainer Deeke. Quelle: privat
Vahrenwald-Kathmandu

Zwei Geschichten: Die eine beginnt in einem Reihenhaus in Vahrenwald, knapp 60 Meter über dem Meer. Hier wohnt Karna-Bahadur – kurz: Karna – mit seinem Vater Rainer Deeke und seiner Mutter Katrin Rosemeier. Von ihrem Haus aus unterstützt die Familie junge Menschen in einem einzigartigen Bildungsprojekt in Nepals Hauptstadt Kathmandu. Und in Nepal beginnt die Geschichte von Karnas älterem Bruder Jaya. Er wohnt mit dem leiblichen Vater Dan und mit seiner Tochter Amantika im Dorf Chandannath im Distrikt Jumla, knapp 2500 Meter über dem Meer. Ein Drama trennte beide Brüder. In diesem Sommer sahen sie sich nach langer Zeit zum ersten Mal wieder.

Rosemeier und Deeke können keine eigenen Kinder bekommen. Aber es gibt Netzwerke, die Adoptionen ermöglichen. Über den Verein Eltern-Kind-Brücke kamen die Hannoveraner 2003 nach Nepal. Deeke kannte als Touristikfachmann das Land bereits. Rosemeier, die heute Schüler auf den Berufseinstieg vorbereitet, war offen für Neues. Im Waisenhaus Bal Mandir in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu trafen sie auf die Erzieherin Bina Basnet. „Eine Powerfrau“, erzählt Rosemeier.

Dreijähriger kommt aus Nepal nach Vahrenwald

Basnet und ihre Kollegen bemühten sich liebevoll um die Kleinen. Um so gegensätzlicher wirkte die heruntergekommene Einrichtung, wo die Kinder in verrosteten Stockbetten schliefen. Wie in anderen nepalesischen Waisenhäusern auch, war die Herkunft der Kinder oftmals verschleiert. Die Korruption blühte so sehr, dass auch Kinder in Heimen landeten, die gar keine Vollwaisen waren. Durch Spenden, Adoptionsgebühren oder Bettelei – die Kinder brachten den Beteiligten Geld ein. Die Verhältnisse waren oft so verworren, dass Deutschland vor einigen Jahren die Adoption aus Nepal unterband. All das erfuhren Rosemeier und ihr Mann erst nach und nach. Karna aber, damals drei Jahre alt, kam noch zu beiden nach Vahrenwald. Vom Himalaja ans Leineufer.

Auch dafür muss Zeit sein: Karna bringt Kindern im Orchid Garden Nepal Fußball bei. Quelle: privat

Berufswunsch: Lehrer für Sport und Chemie

Karna lebte eine deutsche Kindheit, kickte für die Hannover-96-Jugend, besuchte das St.-Ursula-Gymnasium und ging nach dem Abitur für ein soziales Jahr als Erste-Hilfe-Ausbilder zu den Johannitern. In Köln beginnt er im Oktober ein Studium. Karna will Lehrer für Sport und Chemie werden. Seine Adoptiveltern hielten weiter Kontakt zur Erzieherin Basnet, die 2006 mit dem Orchid Garden Nepal (OGN) in Kathmandu ein eigenes Projekt gründete. „Im Waisenhaus war sie nicht mehr glücklich“, sagt Rosemeier.

Das OGN betreut in einem Kindergarten und in einer Grundschule rund 200 Kinder. Die meisten mit Familienanschluss. Sie erhalten Ganztagsbetreuung, gesundes Essen und auch die Chance auf eine weiterführende Schulbildung. Und das OGN arbeitet mit den Eltern der Kinder zusammen. Das Haus findet weltweit Anerkennung. Ein europäisches Netzwerk unterstützt die Arbeit durch Patenschaften und Spenden. Rosemeier und Deeke helfen von Hannover aus. Auch sie haben mehrere Patenkinder. Karna weiß von seiner Herkunft, machte bei Schulbasaren zugunsten des OGN mit und reiste als Kind einmal mit den Eltern nach Kathmandu. „Aber lange habe ich das alles nicht so richtig begriffen“, sagt er. Das OGN war für ihn ein exotischer Ort. Inzwischen wissen seine Adoptiveltern: Karna hat in Nepal noch immer eine Familie.

Die Suche nach den Wurzeln

Ein Freund, auch er stammt aus Nepal, durchforstete 2018 in eigener Sache alte Waisenhausunterlagen. Er stieß auf den Namen Bahadur. Wie Karna-Bahadur. Deeke und Rosemeier forschten nach und fanden Jaya, der seinerseits nach seinem verloren geglaubten jüngeren Bruder suchte. Jaya, inzwischen 28 Jahre alt, ist Einzelhändler in seinem Dorf im Distrikt Jumla. Mit Hilfe von Basnet knüpften Rosemeier und Deeke Kontakte zu Jaya und organisierten eine gemeinsame Reise. Im August sah Karna, der keine Erinnerungen an die Zeit vor dem Waisenhaus hat, seine nepalesische Familie zum ersten Mal. Vater Dan, der Jumla noch nie verlassen hat, den Bruder und die Nichte Amantika. „Ich war so aufgeregt“, berichtet Karna. „Aber dann herrschte schnell eine tiefe Vertrautheit.“ Basnet organisierte das Treffen im Orchid Garden und half beim Übersetzen.

Mit seinen Adoptiveltern und den leiblichen Verwandten tauchte Karna tief in die eigene Geschichte ein. Wie andere Distrikte auch litt Jumla unter einem Bürgerkrieg zwischen Regierungstruppen und maoistischen Rebellen. Der tobte ab 1996 zwölf Jahre lang im Land und bedeutete plötzliche Armut für zahllose Familien. Karnas und Jayas Mutter starb an den Folgen einer Hungersnot. Vater Dan übergab den kleinen Karna in seiner Verzweiflung in staatliche Obhut. Dass junge Kinder wie Karna als angebliche Waisenkinder ins Ausland vermittelt wurden, wusste die Familie nicht. Der Junge verschwand aus ihrer Welt. Bis zu diesem Sommer.

Nach 16 Jahren wieder vereint: Karna (rechts) und sein Bruder Jaya. Quelle: privat

Die Heimat bleibt Vahrenwald

Karnas Heimat ist und bleibt Vahrenwald. Aber Nepal ist jetzt auch ganz bewusst ein Teil von ihm. Er bleibt Jumla verbunden, das gilt auch für seine Adoptiveltern. Die Hannoveraner wollen als Familie Jaya, Amantika und Vater Dan unterstützen. Gemeinsam schreiben sie nun eine neue Geschichte.

Die Familie Deeke-Rosemeier organisiert weitere Patenschaften für das Orchid Garden Nepal. Weitere Informationen erhalten Interessierte nach einer E-Mail an Karna.Deeke@gmail.com.

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