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Leserbriefe Cannabis nicht erste Wahl, aber eine Bereicherung
Mehr Meinung Leserbriefe Cannabis nicht erste Wahl, aber eine Bereicherung
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20:29 27.03.2019
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Zur Verordnung von Cannabisblüten ist anzumerken, dass diese noch aus den Niederlanden beziehungsweise Kanada importiert werden müssen und seit geraumer Zeit Lieferengpässe bestehen. Die vom Gesetzgeber angeschobene bundesweit kontrollierte Cannabisproduktion wird frühestens 2020, wahrscheinlich erst 2021 liefern können.

Die Verordnung von Blüten, es gibt 14 verschiedene Sorten mit sehr unterschiedlicher Zusammensetzung, erfordert sehr detailliertes Wissen über die Wirkcharakteristika der einzelnen Sorte. Seit Jahren etablierte Indikationen für die Behandlung sind schwere Spastiken bei Aids-Erkrankten und Appetitlosigkeit bei Krebskranken. Darüber hinaus gab es bis zur Gesetzesänderung Genehmigungen für die Cannabistherapie bei mehr als 50 verschiedenen Erkrankungen, was die breite Indikationsstellung für Cannabis belegt. Deshalb hat der Gesetzgeber auf die Benennung einer Indikation im Gesetz verzichtet. Es obliegt allein der behandelnden Ärztin, dem Arzt, die Indikation zu stellen und die Verordnung gemäß den Anforderungen des Gesetzes zu begründen. Ich betone ausdrücklich, dass der Gesetzgeber nicht gesagt hat, der Betroffene müsse „ausbehandelt“ sein. Dem MDK (Medizinischer Dienst der Krankenkassen) ist nicht gestattet, in dem Antragsverfahren alternative Behandlungsvorschläge zu machen.

Mit der Verordnung verbunden ist die Forderung des Gesetzgebers, dass die/der Verordnende an einer anonymisierten Begleiterhebung beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte teilnimmt. Anträge müssen für Erkrankte in der Spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) innerhalb von drei Tagen genehmigt sein, für andere Patienten innerhalb von maximal fünf Wochen. Das beschriebene Antragsverfahren gilt nur für gesetzlich Versicherte, Privatversicherte können mit einem Betäubungsmittelrezept direkt zur Apotheke gehen.

Das Rezepturarzneimittel Dronabinol (THC) und das Fertigarzneimittel Sativex (THC und CBD) sind bewährte Arzneimittel und, insbesondere bei hartnäckiger Übelkeit und Erbrechen indiziert, bei chronischem Schmerz und insbesondere neuropathischen Schmerzen eine gute Therapieoption. Cannabis ist kein Wundermittel und sicher nicht Therapie der ersten Wahl. Aber es ist eine Bereicherung des therapeutischen Spektrums und in bestimmten Behandlungssituationen ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Friedhelm Henze

Stadthagen

Facharzt für Allgemeinmedizin und Palliativmedizin