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20:06 21.09.2018
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Dass dieser Mann einer Ehrung unwürdig war, wurde immerhin in einem Wortbeitrag erwähnt. Die Behauptung, dass die Kriegsverbrechen, die Scheer zumindest mitzuverantworten hatte, keine Völkerrechtsverletzungen waren, nur weil es noch keine völkerrechtliche Vereinbarung gegeben habe, ist zumindest „umstritten“ – so der Referent in dem Vortrag am 10. September Jedenfalls hat Prof. Epkenkan Scheers Beteiligung 1917 an den beiden vollstreckten Todesurteilen zweier Matrosen wegen angeblicher Meuterei als „Justizmorde“ bezeichnet.

Der weitere Hinweis im Rat, dass Scheer vielfach auch schon während der Weimarer Republik hohes Ansehen genoss, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein wesentlicher Grund für das Scheitern dieser ersten Demokratie auf deutschem Boden war, dass es zu viele Antidemokraten (wie Scheer) und zu wenige Demokraten gab. Jedenfalls spielte Scheer als Anhänger der Dolchstoßlegende auch während der Weimarer Zeit eine ganz üble Rolle. Hierüber wird in der von Gerhard Radke angekündigten Vortragsveranstaltung am 16. November mehr zu erfahren sein.

Für mich bleibt allerdings das entscheidende Argument, Admiral Scheer die Ehrungen im öffentlichen Raum zu entziehen, weil diese reine Propaganda-Shows der Nazis waren. Bis 1933 gab es aus guten Gründen in Obernkirchen für Scheer keine Ehrungen. Das haben Ratsherren der SPD und KPD verhindert. Dies war nach der sogenannten Machtübernahme durch die Nazis nicht mehr möglich. Die SPD-Stadtverordneten Fritz Bartels, Heinrich Behme und Willi Hormann sowie Karl Abel von der KPD waren am Tage der Anbringung der Gedenktafel am Geburtshaus von Scheer am 10. Juni 1933 bereits im KZ.

Der Kirchplatz wurde hier als „Aufmarschgebiet“ der Nazis missbraucht. Das sogenannte Horst-Wessel-Lied wurde gegrölt. Ein Foto im Buch „Jüdisches Leben in der Provinz“ von Rolf-Bernd de Groth vermittelt einen Eindruck von dem Brimborium.

Ganz abgesehen davon, dass der Text auf der Gedenktafel eine bewusste Fälschung war und ist. Scheer war kein „siegreicher“ Führer der Skagerrakschlacht. Er wurde dafür gehalten. Aber auf die Wahrheit kam es den Nazis nicht an. Sie brauchte „Helden“ für ihre Ideologie. Seine wahrscheinlich einzige „Heldentat“ war, dass er die Flucht seiner Flotte in die Heimathäfen kommandierte. Zur Komplettierung wurde dann noch 1934 die ehemalige Friedrich-Ebert-Straße zur Admiral-Scheer-Straße umbenannt.

Es hätte jetzt die Gelegenheit bestanden – statt aufwendiger Erläuterungstafeln – sich dieser Überbleibsel der Nazipropaganda im öffentlichen Raum zu entledigen. Eine Aufbewahrung im Museum mit entsprechenden Erläuterungen wäre ein guter Kompromiss gewesen. Aber leider wurde die Chance verpasst.

Wilfried Bartels, Obernkirchen