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Leserbriefe Das Elysium des Lehrerseins
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15:03 23.08.2019
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Da haben diese Menschen, wie jedermann weiß, vormittags Recht und nachmittags frei sowie zwölf Wochen Urlaub im Jahr – und verdienen dabei sogar mehr als Polizisten, bekommen quasi, nach oft weniger als sechs Jahren Studium, ein Akademikergehalt. Was aber tun sie, die Lehrer? Jammern.

Stellen wir uns spaßeshalber einmal vor, jemand käme auf die kluge Idee, den niedersächsischen Polizeibeamten – da sie ja ohnehin auf Streife gehen sollen – aufzutragen, nebenbei noch die Post auszutragen. Mehr Bezahlung ist natürlich unnötig, die Burschen laufen ja jetzt schon herum. Und sollten sie tatsächlich mal Verbrecher jagen müssen, können sie den Rest der Post ja während der Nachtschicht oder am Wochenende verteilen, kein Problem. Ach ja, und da sie nun ja ohnehin zu jeder Haustür laufen, können sie gleich noch den Strom ablesen. Muss auch nicht jeden Monat sein. Danke.

Lehrer sind in dieser beneidenswerten Situation, sich derart um die Gesellschaft verdient machen zu können. Neben dem, was sie schon seit 70 Jahren tun, dürfen sie sich mittlerweile auch für Drogen- und Mobbingprävention, Berufsorientierung, Gesundheitsvorsorge, Hochbegabtenförderung, Integration, Inklusion und digitale Bildung verantwortlich zeigen. Weitere Aufgaben können nach Bedarf ergänzt werden; der Nachmittag ist ja noch frei. Die Bemühungen sind bitte gerichtsfest zu dokumentieren. Danke.

Wer sich dermaßen umfassend für das Allgemeinwohl engagieren darf, sollte eigentlich überschäumen vor Freude und Dankbarkeit. Was aber tun die Lehrer? Sie reduzieren reihenweise ihre Stundenzahl und verzichten damit auf Einkommen, um angeblich nicht zu viel arbeiten zu müssen, und gehen dann auch noch allzu oft mit angeblichem Burn-out in die Frühpension. Nur gut, dass, nach Erkenntnissen von Herrn Finke, wirklich so gut wie jeder unterrichten und somit die entstehenden Lücken stopfen kann: Förster, Biologen oder Chemiker könnten sich monats- oder jahresweise von ihrem anstrengenden Job erholen und zeitweise ins Elysium der Lehrtätigkeit eintreten. Super. Eigentlich verwunderlich, dass es angesichts der paradiesischen Arbeitsbedingungen in der Schule immer noch halbwegs intelligente Menschen in unserer Mitte gibt, die ernsthaft etwas anderes werden wollen als Lehrer.

Niedersachsen bekommt seine ausgeschriebenen Stellen für Lehrkräfte seit Jahren nicht hinreichend besetzt. Doch auch dafür hat Herr Finke eine Erklärung: Schuld daran sind – ausnahmsweise – die Lehrer. Sie jammern.

Tobias Warner,  Wendthagen