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Leserbriefe Gekommen, um zu bleiben
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16:01 31.05.2019
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Diese Kränkung erfahre ich durch Menschen, die der „jungen Generation“, zu der ich mich noch immer zähle, vorwerfen, durch das Internet manipuliert zu werden.

Oftmal handelt es sich dabei auch noch um Personen, die ihre eigene „Meinung“ eins zu eins aus Publikationen wie etwa der Bild-Zeitung entnehmen. Seit der Urheberrechtsreform wird regelmäßig in Richtung meiner und der etwas jüngeren Altersgruppen geschossen – sei es bei den Fridays-for-Future-Demonstrationen oder jetzt dem „Rezo-Video“.

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Nun bin ich ja auch schon 27. Das ist jetzt nicht mehr wirklich jung, aber auch noch nicht sonderlich alt. Ich bin mir bewusst, dass die meisten der Vorwürfe sich eher auf unsere 18-jährigen Mitmenschen, also die, die bei der vergangenen Wahl Erstwähler waren, beziehen.

Doch möchte ich auch hier auf etwas hinweisen: Diesen jungen Menschen wird vorgeworfen, sie seien leicht zu manipulieren und somit auch, dass sie sich nur schwerlich bis gar keine eigene Meinung bilden könnten. Des Weiteren auch, dass sie sich kein Bild davon machen könnten, wie ihre Zukunft gestaltet werden solle.

Da möchte ich doch einmal fragen: Seid Ihr Euch bewusst, was ihr damit auch sagt? Es gibt zwei Institutionen, die dafür zuständig sind, Jugendliche zur Selbstständigkeit zu erziehen. Zum einen sind das die Eltern höchstselbst. Wer den ‚jungen Leuten‘ also vorwirft, leicht manipulierbar zu sein, der gesteht sich also ein, einen miserablen Job gemacht zu haben, sie in die Selbstständigkeit zu führen.

Zum anderen sind es die Schulen. Welche zwei großen Parteien waren es noch gleich, die in den vergangenen zwanzig Jahren die meiste Zeit die Bildungspolitik bestimmt haben?
Es gibt aber noch eine zweite Sache, die mir sehr am Herzen liegt. Dies geht in erster Linie in Richtung von Frau Kramp-Karrenbauer: Youtuber sind KEINE Journalisten.

Dies wurde auch am vergangenen Mittwoch, 28. Mai, auch von Frank Überall, dem Vorsitzenden des deutschen Journalisten-Verbandes, bestätigt, indem er sagt, dass Youtube-Videos mehr mit dem journalistischen Kommentar, der Glosse oder Satire zu vergleichen seien und wir uns somit im Bereich der Kunst befänden. Youtuber sind Künstler, sehr geehrte Frau Kramp-Karrenbauer.

Sie scheinen aber auch absolut kein Problem damit gehabt zu haben, als Ihre eigene Partei Prominente für Werbefilme engagierte, um dazu aufzurufen, CDU zu wählen. Wenn eine Privatperson ein sachlich fundiertes Video produziert und unentgeltlich Eure Politik auseinandernimmt, ist das ein Problem. Wenn Ihr Leute dafür bezahlt, nichtssagende Werbespots zu drehen, die Leute anregen sollen, Euch zu wählen, ist das in Ordnung.

Der einzige Grund, weshalb Sie und vermutlich auch weitere Teile Ihrer Partei dies als asymmetrischen Wahlkampf verspürt haben, ist, dass die alteingesessenen Parteien, besonders die CDU, derart steif und unflexibel sind, dass ihr den Eintritt in das 21. Jahrhundert komplett verschnarcht habt.

Es hat Basta Schröder gebraucht, um Euch zu zeigen, wie man als Politiker mit dem Privatfernsehen umzugehen hat und nun braucht es meine und die mir nachfolgenden Generationen, um Euch zu zeigen, wie man mit dem Internet umgeht.

Des Weiteren sagte Herr Überall übrigens auch, dass es durchaus legitim für 70 Zeitungen sei, in Form eines Kommentars dazu aufzurufen, eine Partei nicht zu wählen, sollten diese die Meinung vertreten, dass diese Partei eine absolut desaströse Politik betreibt. Damit ist auch Ihr Beispiel entkräftet.

Ich möchte an Sie aber noch eine weitere Frage richten: Demokratie ist die Regierungsform, die der Bevölkerung erlauben soll, den politischen Kurs zu bestimmen. Was bitte ist demokratischer als Bürger, die in den Wahlkampf eingreifen und versuchen, andere von ihrem Weg zu überzeugen, auf dass die entsprechenden Politiker mehr Zuspruch bekommen? Das ist doch genau das, was in den vergangenen Jahren verloren gegangen ist; der Zwang, gute Politik zu machen, um das Wohlwollen der Bürger zu bekommen.

Abschließend möchte ich diejenigen, die derzeit versuchen, die jüngeren Generationen zu diskreditieren, dazu aufrufen, sich doch endlich zu entscheiden. Jahrelang habt Ihr gemault, die Jugend sei politik-verdrossen. Nun sind wir da.

Wir engagieren uns und gehen so wählen, wie wir es für richtig halten, statt blind dasselbe zu wählen, was auch Mama und Papa schon gewählt haben. Jetzt haben wir auf einmal keine Ahnung und sollen uns doch wieder raushalten.

Aber keine Sorge: Wir sind gekommen, um zu bleiben.

Florian Zimmermann, Rinteln