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Leserbriefe Politik nach Gutsherrenart ‒ Wer braucht so etwas?
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22:28 23.07.2019
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Die drei großen Türen zur Schulwiese waren voll geöffnet, der geringe Verkehr auf der B65 war deutlich neben der Apotheke zu sehen. Die Fahrgeräusche blieben so minimal, dass jeder alles ohne Mikrofon verstand.

Lediglich ein schlecht eingestelltes Moped störte die mäßig engagierte Ratsversammlung zum Lärmaktionsplan, die selten von Beiträgen und wenig Diskussion getragen war. Am Ende kam die Vorstellung der Studie „Stadtverkehr für alle“, einer weiteren Videoverkehrszählung tagsüber sowie einer Schätzung nachts in Nienstädt, Lärmaktionsplan (LAP) 3 genannt. Die untersuchende Firma „PGT“ stellte fest, dass die angeblich unqualifizierten Einwände zum LAP keiner Erörterung bedürften und daher auch nicht vorgestellt wurden.

Der Vortragende fügte lediglich hinzu, dass auch 80 Zweiräder in 13 Stunden gezählt, jedoch wegen der geringen Bedeutung nicht in der Studie genannt wurden. Wer dazu Fragen hätte, könne sich ja an die „PGT“ wenden, er müsse jedoch den Zeitaufwand selbst bezahlen. Es sollte zur Abstimmung kommen, da brach der „Monolith“. Ein Antrag auf Zweiteilung der Abstimmung weckte die Ratsmitglieder teilweise. Dann stimmte ein Ortsbürgermeister des Monoliths diszipliniert für eine Umgehung, die er vorher im Gemeinderat abgelehnt hatte. Er meinte hinterher, er habe die Abstimmungsfrage falsch verstanden. War das die Hitze oder Heuchelei?

Am 12. Juli äußerte sich Frau Reckmann weitgehend faktenfrei im Interview dieser Zeitung. Nachdem praktisch alle ihre Argumente zur Umgehung aus dem Parteitagsbeschluss in Sülbeck widerlegt sind, wirft sie anderen angebliche Fehler vor. Als Nichtzugezogener erläutere ich es ihr auch gern in Gegenwart von ihren Experten und Neutralen. Das ist ein ernstgemeinter Vorschlag. Wenn 60 Prozent als Durchgangsverkehr in Nienstädt wegfallen würden, blieben immer noch 40 Prozent für die 200 Anwohner der B65 übrig. Sie könnten auch heute schon mit weiteren Lärmschutzmaßnahmen versehen werden. (Von einem Verkauf der Häuser hat niemand gesprochen.) Dahinter liegende Gebäude sind wie die Grundschule an jenem Abend kaum nennenswert belastet.

700 andere Bewohner durch eine Umgehung ohne Lärmschutz zu belasten, ist dabei völlig widersinnig. Als Treppenwitz ergibt sich, dass ein wichtiges Nienstädter Parteimitglied wegzieht, das diese Umgehung samt zusätzlicher Auffahrt in 50 Meter Abstand unmittelbar „genießen“ könnte. Hätte man hier nicht mindestens eine Stimmenthaltung erwarten sollen?

Die verglichenen Ortsumgehungen in Bückeburg, Stadthagen und Rinteln ersetzen sehr enge Ortsdurchfahrten durch absolute Citylagen. In Stadthagen zum Beispiel circa sechs Meter zwischen Rathaus und Lebensmittelmarkt, jede Begegnung von zwei Lastwagen bedrohte den Bürgersteig. Es kann also gar kein brauchbarer Vergleich sein.

In Nienstädt hat man eine gut einsehbare vierspurige Straße, zu 50 Prozent offenes Gelände, weitere Rasenflächen und eben keine Geschäfte an der Straße. Nienstädt lebt auch heute schon raumordnerisch von den Nachbargemeinden. Es hat zu wenig Arbeitsplätze, Zentralität und Schulen. Es hat bereits jetzt 40 Prozent seiner Fläche durch Haus und Verkehr versiegelt. Neues Gewerbegebiet und eine Umgehung, für die die Gemeinde keine Ausgleichsfläche im Ort finden wird, verschlechtern die Bilanz. Die monierten landwirtschaftlichen Flächen werden für Grundwassergewinnung und Frischluftgewinnung sowie zur Freizeit benötigt. Von Insekten und Vögeln reden wir nicht mal.

Die im Lärmaktionsplan sowie im noch gültigen Regionalen Raumordnungsplan geforderte Abgrenzung ruhiger Gebiete kann nur in anderen Gemeindeteilen der Samtgemeinde gewährleistet werden. Das heißt, andere sollen die Kohlen aus dem Feuer holen. Angesichts der wegbrechenden Industrie müssten Großraumverkehr, Ökologie, medizinische Versorgung und Finanzen Thema sein. Faktenleugnung und Festungsdenken gerade der Monolithpartei sind weder hilfreich noch wahlwirksam.

Ernst Gülker, Helpsen