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Leserbriefe Seenotretter verdienen Lob und Anerkennung
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20:08 12.07.2019

Bezogen auf die Seenotrettung der „Sea-Watch 3“ und ihrer mutigen Kapitänin Carola Rackete bezeichnet der Leserbriefschreiber, Günter Wilkening, ein ehemaliger Richter am Amtsgericht Stadthagen, die Retter abschätzig als „selbsternannte Seenotretter“, die als „Seenotaktivisten selbst Seenotfälle provozierten“.

Wilkening geniert sich auch nicht, verklausuliert von den Seenotrettern Unmenschliches zu fordern, nämlich die geretteten Flüchtlinge in die „Hölle der ,KZ-ähnlichen‘ libyschen Lager“ zurückzubringen, obwohl dort „systematisch allerschwerste Menschenrechtsverletzungen“ stattfinden, wie es in dem im Internet veröffentlichten Diplomatenbericht aus dem Auswärtigen Amt heißt. „Exekutionen nicht zahlungsfähiger Migranten, Folter, Vergewaltigungen, Erpressungen sowie Aussetzungen in der Wüste“ seien dort an der Tagesordnung. Statt diese seit 2017 bekannten Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzuprangern, kriminalisiert Wilkening die Retter, indem er sie bezichtigt, „Gehilfen der kriminellen Schlepper“ zu sein.

Entsprechendes gilt für den rechtspopulistischen, großmäuligen italienischen Innenminister Salvini. Dass dieser eher die Flüchtlinge vor der Küste Italiens sterben ließe, als ihnen im Hafen Erste Hilfe zu gewähren, ist höchstgradig kriminell, zumal es verbindliche Zusagen anderer EU-Länder – unter anderem auch von Deutschland – gab und gibt, die Flüchtlinge aufzunehmen. Dass es unabhängig davon eine Schande ist, dass sich einschlägige Mitgliedstaaten der EU einer gerechten Verteilung der Flüchtlinge widersetzen, steht außer Zweifel. Nur der Rechtspopulist Salvini sollte sich darüber nicht beschweren, denn es sind seine Gesinnungsgenossen, die eine gerechte und solidarische Verteilung innerhalb der EU verhindern.

Der Kapitänin gebührt jedenfalls Dank und Anerkennung für ihren Mut, sich angesichts eines übergesetzlichen Notstandes über Salvinis Blockadeanordnung hinweggesetzt zu haben. Für den ehemaligen Amtsrichter Wilkening ist das Verhalten der Kapitänin jedoch „nicht nur eine Straftat, sondern auch eine Heuchelei“. Dazu passt die unberechtigte Kritik des Leserbriefschreibers am Bundespräsidenten wegen dessen angeblich sinngemäßer Äußerung im ZDF-Sommerinterview, wer Menschenleben rette, könne kein Verbrecher sein und weiter, er habe erwartet, „dass Italien mit einem solchen Fall anders umgehe“.

Wilkening sieht darin eine Neutralitätsverletzung des Bundespräsidenten, weil er damit Partei für die Kapitänin ergriffen habe, ohne die Interessen Italiens zu berücksichtigen. Abgesehen davon, dass es eine Neutralitätspflicht zugunsten von Menschenrechtsverletzungen nicht gibt und auch nicht geben darf, sollte die Parteinahme für die Kapitänin und damit für die Menschlichkeit für jeden anständigen Menschen eine Selbstverständlichkeit sein, und zwar ohne Wenn und Aber.

Die Interessen Italiens wurden in diesem Fall sehr wohl berücksichtigt, denn, wie bereits erwähnt, lagen und liegen – abweichend von einer für Italien ungerechten Rechtslage – Aufnahmegarantien einiger gutwilliger EU-Länder vor, auch von Deutschland. Die Kritik am Bundespräsidenten war also nichts als billige Polemik. Das Gleiche gilt für die Kritik am niedersächsischen Ministerpräsidenten.

Ich wünsche dem Amtsrichter a.D. Wilkening wirklich nichts Böses, aber er sollte einmal für kurze Zeit das Schicksal dieser Flüchtlinge in den „KZ-ähnlichen Lagern“ in Libyen erleiden müsse. Es wäre sicherlich heilsam. Dies gilt auch für Wilkenings Gesinnungsgenossen Juergen Seegers aus Apelern, der sich am 10. Juli voll des Lobes zu dem Leserbrief von Wilkening geäußert hat.

Wilfried Bartels

Obernkirchen