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Gedrucktes Comic-News - Mai 2019
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14:58 24.05.2019
Quelle: pr

Nicht dass das sein vorrangiges Anliegen war, aber da Humor schon immer Ängste abgebaut hat (warum er immer im argwöhnischen Fokus der Mächtigen lag), wuchs sein Werk vom guten zum bedeutenden Comic heran.

In der Rückschau ist es imposant, wie wenig sich Ralf König auf den erworbenen Meriten ausruhte. Immer neue Themen machten aus dem bewegten einen bewegenden Mann, der vor keinem Thema zurückschreckte, wenn es ihm denn wesentlich - und erzählenswert - erschien. Selbst diverse Weltreligionen wurden knollennasig vorgeführt: Wer den Blick in den (humoristischen) Spiegel scheut, sollte sich schon fragen, warum eigentlich?!

Nun ist das neueste Werk erschienen und bereits ausgiebig in den Kulturteilen der Zeitungen abgefeiert worden. Dabei stand meist nicht das Buch selbst, sondern seine Begleitgeräusche im Vordergrund: Die massiven Vorwürfe aus der Queer-Ecke, die König Rassismus und Transphobie vorwerfen. Ein absurder Vorwurf an einen Karikaturisten, der sich dann in den sozialen Medien genötigt sieht, seinen Job zu erklären. Hallo Welt? Es hat schon Gründe, dass Napoleon sagte, nach der Eroberung Englands kämen erstmal die Karikaturisten auf’s Schafott. Ralf König ist einer der wenigen, die noch bereit sind, Grenzen zu betreten. Das macht ihn zu einem ganz großen. Soviel dazu.

Doch was ist mit dem „Stehaufmännchen“? Ein wenig erinnert es an sein grandioses Frühwerk „Lysistrata“, weil die Story wieder als Theaterinszenierung aufgebaut ist und somit auch die Zuschauer vorführt. Nur, dass diesmal die Primaten Evolution spielen - und der Homo sapiens als Zuschauer lieber Aussicht auf sein Luxury Resort hätte. Ein großer, doppelbödiger Spaß, wie der Homo Erectus zum Alphamännchen und Fleischprediger wird, während eine kleine Zahl veganer Anachronismen den Homo sapiens gründet. Dabei ist es auch ein wenig der langen Werkschau Königs geschuldet, dieser lustvollen Story Tiefe anzudichten, die sie mehr andeutet als benennt. Viel schöner trifft eigentlich seine eigene Begründung: „Entspannend war wie immer das meditative Stricheln der Körperbehaarung. Ehrlich gesagt war das sogar die Ur-Idee: irgendwas mit Haaren überall.“ (Rowohlt Verlag)

Noch eine Schlagzeile geisterte durch die Gazetten: ein deutscher Zeichner darf Lucky Luke zeichnen! Puh. Was ist das für eine Nachricht? Erstens ist es nicht irgendein Zeichner, sondern Mawil, also darf er nicht, sondern wollte. Zweitens brauchen wir gute Comics – und die bekommen wir aus aller Herren und Frauen Länder!

Ganz ehrlich: es ist toll, dass die altgedienten Serien wie Spirou, Valerian&Veronique oder Lucky Luke sich solchen Einzelbänden geöffnet haben, die dit Janze gegen den Strich bürsten. Echte Perlen waren schon dabei, und wirkten meist wie eine Frischzellenkur auf die Originalserie, die vor lauter Vorgaben gern mal in Langeweile versandet. (Man kann sich nur fragen, wann Asterix endlich den Mumm hat, dies ebenfalls zu tun. Den Alben könnte es jedenfalls nicht mehr schaden…)

Das mal so zum Drumrum. Zu Mawil: Immerhin Max-und-Moritz-Preisträger und mit „Kinderland“ schon unter die Bestseller-Autoren der deutschsprachigen Comics zu zählen. Als alter Lucky Luke-Fan ist ihm mit „Lucky Luke sattelt um“ ein gelungener Spin-Off der Legende gelungen, in dem er vermeintlich respektlos den lonesome Cowboy auf den Drahtesel verfrachtet hat. Das liest sich gut, Timing und Grafik sind stimmig und machen Laune. Sogar der historische Hintergrund, gute Tradition im Luke’schen Universum, ist gegeben.

Allein… Mawil wurde oft als Woody Allen der Comicszene bezeichnet: wegen seiner Anti-Helden und der selbstironischen Melancholie zwischen den Zeilen. Bei einem Saubermann wie Lucky Luke, der immer von seinen Sidekicks gelebt hat, wirkt der erzählerische Drang Mawils etwas gebremst. Heimliche Hauptfigur, und das kann in diesem Fall nicht überraschen, wird Jolly Jumper: vom ewigen Gefährten für einen Drahtesel verlassen? Da bleibt nur die melancholische Fresssucht. Schönes, kurzweiliges Album, das Lust auf mehr macht – aus beiden Welten. Nur: wann darf Brösel endlich Spiderman zeichnen? Wir warten! (Egmont Comic Collection)

Und noch so einer: im bereits 27. Band der Reihe „Spirou und Fantasio spezial“ verquicken Denis-Pierre Filippi (Story) und Fabrice Lebeault (Zeichnungen) das altgediente Rummelsdorf mit ganz viel John Difool’schem Moebius und Valerian’schem Mézières zu „Stiftung Z“ – Spirou als Science Fiction mit realistischen Zeichnungen, kann das gut gehen? Es kann, auch wenn die grafische Übersetzung bei den Nasen gehakt zu haben scheint. Stefani wird kurzerhand zur rebellischen Schwester und zieht den braven Verwaltungsmenschen Spirou in eine- Moment?! Brav? Verwaltung??

Natürlich ist nicht alles so, wie es scheint. Aber um die Rettung der Welt muss es ja bei SciFi wohl immer gehen, so auch dieses Mal. Vor allem aber die Neuerfindung Fantasios als mysteriöser Helfer gibt der Story Fahrt und Tiefe. Auch an visuellen Ideen mangelt es nicht. Nur – soviel Spoiler muss sein – das Ende ist zumindest fragwürdig. Die Auflösung der komplex angelegten Geschichte erschien dem Autor dieser Zeilen dermaßen unbefriedigend, dass es nicht unerwähnt bleiben soll. Dennoch ein spannendes Experiment, das im Sinne der o.a. Frischzellenkur einiges in Wallungen bringen sollte. (Carlsen Verlag)

Und nach soviel bekannten Universen noch der besondere Tipp: „Negalyod“ von Vincent Perriot kommt wie eine Mischung aus Blade Runner und Jurassic Park mit Moebius’schem Strich daher. Tja, und genau das ist es: Rasant erzählt, virtuos gezeichnet und mit einer vielschichtigen Dystopie zum Thema Wasser ein fulminantes Paket, das „All-in-One“ auf über 200 Seiten über den Tisch geht! Klarer Kauftipp! (Carlsen Verlag) [Volker Sponholz]