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Gedrucktes Comicfestival München
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14:57 25.06.2019

Zum besten deutschsprachigen Comic wurde „Spirou in Berlin“ von Flix gekürt (Carlsen) und setzte sich gegen Mawils „Lucky Luke sattelt um“ (Egmont), Katja Klengels „Girlsplaining“ (Reprodukt), Mikael Ross’ „Der Umfall“ (avant Verlag) sowie Barbara Yelins „Das Wassergespenst von Harrowby Hall“ (Carlsen) durch. Als bester europäischer Comic wurde „Gérard - 5 Jahre am Rockzipfel von Depardieu“ von Mathieau Sapin (Reprodukt) ausgezeichnet, zum besten nordamerikanischen Comic „Batman: Der weiße Ritter“ von Sean Murphy (Panini) gewählt. Eine illustre Reihe sehr guter Comics, bei der jede/r selbst seine Favoriten finden mag!

Ein Augenmerk in diesem Monat liegt auf einem Album, das auf den ersten Blick wirkt wie ein Comic der Vergangenheit: „Kaiserin Charlotte“ von Fabien Nury (Story) und Matthieu Bonhomme (Zeichnungen). Die Prinzessin von Belgien wählt den Erzherzog Maximilian von Österreich zum Gemahl, den jüngeren Bruder von Kaiser Franz Joseph. Das klingt erstmal wie ein Sissi-Abklatsch, und wenn im klassischen frankobelgischen Stil historische Stoffe daher kommen, knistert es nicht gerade.

Doch schon die Anbahnung ihrer Vermählung wird zu einem Cocktail aus Politik, Taktik, höfischem Charme und echten Gefühlen – weiblichen und väterlichen. Das scheinbar glückliche Paar gerät jedoch in Verwicklungen zwischen Habsburgern und Napoleon III. und findet sich nicht mehr ganz so glücklich in Mexiko wieder – ganz ohne Spoileralarm kann man das erzählen, weil die Qualität des Albums im Wie liegt. Nury zeigt feine Nuancen der monarchischen Ränke, neben patriarchischem Gehabe auch die stillen, brutalen Wege der Frauen in diesem Geschäft und zu dieser Zeit. Das Geschehen wird ständig von einem tragischen Unterton begleitet, der das Leben Charlottes auch nicht mehr verlassen wird. Dennoch wird es zu einer großen Freude, diese fein erzählte und aufgebaute Geschichte Nurys zu verfolgen – nicht zuletzt wegen des allzeit eleganten Striches und der gelungenen Kompositionen Bonhommes, den viele erst durch sein großartiges Album „Der Mann, der Lucky Luke erschoss“ wahrgenommen haben. Ein Comic, der auf eine unaffektierte Art vieles richtig macht! (Carlsen Verlag)

Die Schwestern Mariko und Jillian Tamaki sorgten mit „Ein Sommer am See“ für einen Comic, der wie ein leichter Sommerwind das Coming-of-Age-Genre bediente. Nun hat der Berliner Verlag Reprodukt auch den Vorgänger-Comic „Skim“ der beiden veröffentlicht, der 2008 für den kanadischen Literaturpreis Governor General`s Award nominiert war. Tatsächlich war nur Autorin Mariko Tamaki nominiert, was zu einem offenen Brief vieler amerikanischer Comic-Künstler führte, die auf die Gleichberechtigung von Text und Bild als Erzählinstanz pochten.

„Skim“ arbeitet viel mit der Spannung zwischen diesen beiden Erzählinstanzen. Während der Text das Tagebuch der 16jährigen Kimberly Keiko Cameron (genannt Skim) wiedergibt, zeigen die Bilder das (vermeintlich) tatsächliche Geschehen und ergänzen Details. Diese Spannung gehört zu den großen Qualitäten des Mediums Comic! Da die Leser ihr Tempo selbst bestimmen können, kann man ihnen auch mehr zumuten als z.B. beim Film, wo durch das vorgegebene Tempo auch mal jemand abgehängt werden kann. Im Comic kann man die Leser auch verlieren, allerdings eher durch Langeweile – oder Überreizen dieses Spagats zwischen Text und Bild. Doch das ist den Tamaki-Schwestern schon bei Skim gut gelungen. Und das mit einer Protagonistin, die mit einer Selbstverständlichkeit erzählt wird, die Schule machen sollte. Unbedingt reinschauen!

Weniger gelungen sind „Die vier Schwestern“ von Malika Ferdjoukh und Lucie Durbiano. Vier Schwestern und eine ältere, die sich seit dem Tod der Eltern um alles kümmert, und die allesamt in einer Villa am Meer leben, scheinen ein guter Pool für Geschichten zu sein. Doch in seinen doppelseitigen Episoden versandet die Dynamik in viel Text und recht simplen Illustrationen – was die oben erwähnte Bild-Text-Spannung angeht, tut sich hier nicht viel. Es sind eben verplauderte kleine Geschichten, die durch ihre Kürze recht charmant rüberkommen, nach ein paar Folgen aber auch ermüden. So sehr ich Bilder liebe, hier hätte ich die reine Textform vorgezogen! (Reprodukt)

von Volker Sponholz