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Interviews Booka Shade
Interviews Booka Shade
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14:06 05.05.2017

Szene: Euer neues Album „Galvany Street“ ist zusammen mit dem Ex-Archiv-Sänger Craig Walker entstanden. Wie genau kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Booka Shade: Wir haben schon kurz nach der Veröffentlichung unseres letzten Albums „EVE“ mit der Produktion neuer Songs begonnen. Die Resultate waren aber nicht sonderlich zufriedenstellend. Wir hatten das Gefühl, dass wir nicht so weitermachen konnten wie bisher. Eine Veränderung musste her. Wir haben schließlich Craig Walker im Riverside Studio in Berlin getroffen und ihn gefragt, ob er Interesse hätte, etwas für uns zu schreiben. Er kannte uns von den Remixen, die wir für Depeche Mode/Dave Gahan und MOBY gemacht haben und natürlich von ein paar Booka-Shade-Produktionen. Wir waren Fans seiner Arbeiten für THE AVENER und ARCHIVE. Die ersten Ideen, die er uns vorgespielt hat, haben uns überzeugt. Also haben wir weiter zusammen an Songs gearbeitet.
Nach ein paar Monaten hatten wir schließlich einige Songs zusammen und der Gedanke eines gemeinsamen Albums hat sich gefestigt. Alles lief sehr natürlich ab.

Der Sound und die Songs des neuen Albums unterscheiden sich erheblich von euren letzten Alben. Wie kam es, dass ihr euch vom Dance-Sektor entfernt habt?
Wir hatten einfach das Gefühl, in dem Bereich Techno/ TechHouse alles gesagt zu haben und dass diese Musikrichtung zur Zeit in einem kreativen Loch steckt. Alles klingt gleich, wenig inspiriert und wird nach ganz gewissen Formeln produziert. Wir haben schon immer das Besondere und Zeitlose gesucht und mussten einfach einen Neuanfang wagen.
Wir haben uns nicht von tanzbarer Musik entfernt, die Ausrichtung der Grooves geht jetzt nur wieder eher in Richtung Disco und Electronica als in den klassischen, melodischen TechHouse.

Welchen Einfluss auf den Sound der Platte hatte Craig Walker, der mit ARCHIVE ja mehr im Indi-Sektor unterwegs war?
Allein sein Gesang und Songwriting hat uns von Anfang an mehr in Richtung Indie-Pop geleitet als in klassischen Dance.
Wir hatten miteinander mehr ein Band, als das klassische „Dance Projekt hat mit Sänger gearbeitet“-Gefühl und das sollte sich auch in dem Album widerspiegeln.
Craig brachte auch sehr interessante Kooperationspartner ins Spiel, wie zum Beispiel Produzentenlegende und Mixing-Engineer Mark Plati, der mit uns an drei Song gearbeitet hat und besonders für seine Arbeiten für David Bowie, The Cure, New Order oder Prince bekannt ist oder die isländische Sängerin Urdur von der Band GUS GUS.

Wie genau lief das Songwriting zwischen euch und Craig Walker ab? Habt ihr alle zusammen im Studio gearbeitet oder wurden die Dateien hin und her geschickt?
Das Gute war, dass Arno sein Studio ebenfalls im Riverside Studio hat und wir mit Craig in ständigem direkten Austausch arbeiten konnten. Wir haben ihm unsere Demos gegeben und er hat erst mal seine Ideen skizziert, die wir dann gemeinsam verfeinert haben.
Es gab mehrfach den Fall, dass er auf eine Demo-Version geschrieben hat, die sich in Groove, Harmonien und auch Tempo später deutlich von der finalen Version unterschieden hat. Dieser „Alles geht“-Ansatz war sehr erfrischend, hat viel Spaß gemacht und obwohl wir seit 2013 an dem Album gearbeitet haben, hat es sich nie zermürbend angefühlt.

Welcher Song auf „Galvany Street“ ist euer persönlicher Favorit und gibt es dafür besondere Gründe?
Es ist immer schwierig, einen Song als Favoriten zu wählen, wenn man gerade erst ein Album fertiggestellt hat, da sie einem alle ans Herz gewachsen sind. „PEAK“ ist allerdings ein Song, der uns besonders gut gelungen ist. Der Song kam sehr natürlich zusammen und es hat viel Spaß gemacht, ihn zu produzieren. Außerdem hat der australische Sänger Yates eine großartige Vokalperformance abgeliefert.

Babylon“ war die erste Single des Albums, wie kam es dazu, dass gerade dieser Song als erste Single ins Rennen geschickt wurde und nicht zum Beispiel „Broken Skin“?
Wir hatten uns eigentlich schon für „Numb the Pain“ als erste Single entschieden, hatten aber kurz vor Fertigstellung des Albums das Gefühl, dass wir - um unsere Veränderung noch klarer zu machen - mit etwas absolut Booka Shade untypischem starten sollten.
So ähnlich wie es Depeche Mode mit „I feel you“ bravourös gelungen ist.
Babylon“ war dann der Song, der in letzter Sekunde aus einer Live-Session mit Craig heraus entstanden ist und ein bisschen den Manchester-Spirit Ende der 80er wieder aufleben lässt.

Gibt es schon einen Kandidaten für die zweite Single und wird es dazu gegebenenfalls auch ein Video geben?
Wir sind noch in der Diskussionsphase, aber es sieht wohl so aus, dass wir „Numb the Pain“ als zweite Single auswählen werden. Leider wurden uns in der Vergangenheit nicht wirklich zufriedenstellende Videoproduktionen zu unseren Songs abgeliefert, sodass wir uns vorgenommen haben, erst wieder Videos produzieren zu lassen, wenn uns wirklich außergewöhnliche Ideen vorliegen.
Vielleicht ist das ja bei „Numb the Pain“ der Fall… Wir lassen uns gerne überraschen.

Könntet ihr euch vorstellen, weiterhin solche Songs zu produzieren oder wird es in absehbarer Zeit eine Rückkehr zum Dance-Sound geben?
Wir sind sehr froh, dass wir dieses Album jetzt endlich fertiggestellt haben und die Songs in den Liveshows mit Craig unserem Publikum präsentieren können. Wir sind schon fleißig am Proben und im April geht`s endlich auf Tour. Alles Weitere wird man dann sehen. Sag niemals nie!

Wie steht ihr derzeit der EDM und Electro-Szene gegenüber? In einem Interview, das Oliver Koletzki mit welt.de geführt hat, mahnt er den rein kommerziellen Aspekt der EDM-Festivals/ -Szene vor allem in den USA an und spricht der Szene den Bezug zur Musikkultur ab. Seht ihr das ähnlich?
EDM war zum größten Teil von Anfang an eine Money-Making-Machine mit Höher, Weiter, Schneller-Haltung. Allerdings hat EDM auch sehr dazu beigetragen, elektronische Tanzmusik den Amerikanern näher zu bringen und auch uns, obwohl wir einen völlig anderen Sound spielen, eine größere Plattform gegeben. Derzeit ist EDM auf dem Rückzug und das ganze bewegt sich in den USA Richtung Trap.
Wir haben größtenteils großartige Shows in Amerika gespielt und ein sehr treues Publikum dort, das für Alternativen zum kommerziellen, formelhaften EDM offen ist und deshalb zu unseren Konzerten kommt. Zu den schönsten Booka-Shade-USA-Erinnerungen gehört unser Konzert in den Red Rocks, lollapalooza Festival, in Chicago oder unsere Coachella Festival Auftritte.

Kommen wir kurz zurück auf eure anstehende Tournee: In den zurückliegenden Jahren war es bei euch so, dass ihr im Rahmen eurer Tourneen recht selten in Deutschland Shows gespielt habt. Woran lag das und wie sieht es bei der diesjährigen Tournee aus : Wird es mehr Konzerte in Deutschland geben?
Da sprichst du einen wunden Punkt an. Wir fanden es in den ersten Jahren einfach sehr spannend, als deutsche Band die Welt zu bespielen und haben dadurch Deutschland sträflich vernachlässigt. Wir wollen auf jeden Fall wieder mehr in Deutschland spielen und planen für Herbst eine Deutschlandtour. Außerdem werden wir Anfang April ein Albumpräsentationskonzert in Berlin spielen. Mehr Konzerte in unserem Heimatland richten sich natürlich nach dem Erfolg der Platte. Wir sind uns durchaus bewusst, dass in dieser Neuerfindung auch ein großes Risiko liegt. No Risk, No Fun!

Bevor wir das Interview beenden, verratet uns doch mal, was eure derzeitigen Lieblingsalben/Künstler sind und inwiefern diese euch selbst möglicherweise beeinflusst haben.
Es gibt zur Zeit im Pop-Bereich, im Gegensatz zu Techhouse, wirklich spannende und innovative Musik. Während der Albumproduktion hat uns zum Beispiel Tame Impala sehr begleitet. Auch The Weekend hat in den letzten Jahren tolle Sachen abgeliefert. Das Ahoni-Album ist sehr interessant und manche Diplo-Produktionen haben tolle Ideen. Flume ist ebenfalls ein sehr talentierter Künstler, auch wenn er nicht unbedingt unseren Musikgeschmack trifft, aber seine Herangehensweise ist sehr frisch und innovativ.

Die letzten Worte gehören euch!
Ohne Veränderung kein Fortschritt!

Danke für das Interview und viel Erfolg mit dem Album und auf der anstehenden Tournee!

von Ronny