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Interviews Who Killed Bruce Lee
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13:57 03.11.2016

Aus Beirut ist das Indie-Quartett vor einer Weile zunächst der Musik zuliebe nach Münster gezogen, nächstes Jahr geht es nach Berlin, wo auch das Debut-Album "Distant Rendezvous" aufgenommen wurde. Mit den SN sprachen Sänger Wassim Bou Malham und Keyboarder Hassib Dergham über Chuck Norris, Fallstricke und Flüchtlinge.

Eure Tour bringt euch in Großstädte und kleinere Kommunen gleichermaßen. Bückeburg ist eher klein. Gibt es einen Unterschied zwischen Großstadt- und Kleinstadtpublikum?

Wassim: In kleineren Städten ist es oft gemütlicher. Wir verbringen off stage mehr Zeit mit den Leuten. Manchmal hat man auch das Gefühl, das Publikum freut sich mehr, dass man da ist, weil eben sonst nicht so viel los ist wie in einer Großstadt.
Was hat es mit eurem Bandnamen auf sich? Seid ihr Kung-Fu-Fans?

Wassim: Wir sind alle so Mitte der Achtziger geboren, und Bruce Lee war schon ein Held für uns, als wir Kinder waren. Das Ding ist, Who Killed Bruce Lee ist keine Frage, sondern ein Statement, und wenn ich dir jetzt sagen würde, was es wirklich damit auf sich hat, müsste ich dich umbringen.
Mit einem Kung-Fu-Move?

Wassim: Ja, mit dem, äh, wie heißt der, Fünf-Finger-Todesstern ...
Hassib: ... Five-Inch-Punch ...
Wassim: ... der aus Kill Bill. Irgendwas ziemlich Kompliziertes.
Und den kannst du?

Wassim: Ja, ich habe 13 Jahre lang geübt. Ich habe ihn an meinen Cousins ausprobiert, weil ich sehr viele davon habe.
Inzwischen dann wohl nicht mehr.

Wassim: Nein, es sind jetzt viel weniger. Also, der Bandname ist einfach so ein Insider-Joke, und wir haben die Frage schon so oft vollkommen unterschiedlich beantwortet, dass wir da jede Glaubwürdigkeit verloren haben. Wenn wir gefragt werden, wer denn nun Bruce Lee umgebracht hat, sagen wir einfach, es hätte was mit Chuck Norris zu tun. Einige behaupten ja auch, die CIA würde da drin stecken. Für uns ist das auch eine Einstellungsfrage. Wir nehmen uns selbst nicht zu ernst.
Wie würdet ihr eure Musik beschreiben, im Detail? Einfach nur Rock? Wer hat euch inspiriert?

Wassim: Wenn du das Album hörst, wird dir auffallen, dass es ein ziemlich breites Spektrum ist, aber immer innerhalb von Rock‘n‘Roll. Einiges ist sehr dreckig, Stoner Rock, Richtung Queens of the Stone Age. Anderes ist dann wieder absolut tanztauglich, so ein Post-Elektro-Punk-Sound. Ich denke, das, was es mehr Rock‘n‘Roll als alles andere macht, ist einfach die Art, wie wir es auf die Bühne bringen. Wir benutzen keine Laptops, wir sind eine pure Garagenband.
Ist eure Bühnenshow aggressiv?

Wassim: Nein, wir sind einfach wir selbst und schauen, wie das Publikum drauf ist. Ein paar Songs zum Warmwerden, und letzten Endes wollen wir dann alle zum Tanzen bringen. Wenn es keine Party ist, hören wir nicht auf zu spielen, bis es eine Party wird.
Ihr habt euer Album über Crowdfunding finanziert. Das klingt sehr nach Do-it-yourself-Attitüde, nach Punk und Hardcore.

Wassim: Das war bei uns eine sehr spezielle Situation. Wir wollten aus dem Libanon in den europäischen Markt, aber wir wollten absolut unabhängig bleiben. Wir sind selfmade, aber wir sind jetzt nicht die derbste Underground-Band. Ich sage nicht, dass wir hundertprozentig radiotauglich sind, aber wir machen auch keine Underground-Musik. Wir halten Geschäft und Musik einfach gern auseinander. Der geschäftliche Teil ist, wir sind unabhängig, aber das hat nichts mit der Musik zu tun. Wir könnten jetzt auch chinesischen Death-Jazz-Metal spielen, das hat nichts mit unserer Meinung über diese Industrie zu tun. Wir wollten einfach nur das erste Album komplett selbst machen. Alles daran.
Aber wenn jetzt ein großes Label anruft?

Wassim: Das haben sie schon. Es gab viel Interesse daran, das erste Album zu produzieren. Aber wir müssen erstmal die ganzen Fallstricke kennenlernen, die dieses Business so birgt. Diese Industrie existiert gar nicht wirklich, da wo wir herkommen.
Hassib: Die Firma, die sich jetzt um uns kümmert, ist im Süden Bayerns beheimatet, weit weg von Orten wie Berlin oder München. Die sind schon seit über 20 Jahren im Musikbusiness tätig, für große und kleine Bands. Der Chef macht seinen eigenen Honig. Das hat von diesem ganzen Independent-Spirit einfach viel besser zusammengepasst als mit den großen Labels, die bei uns angefragt haben.
Könnt ihr denn von eurer Musik leben?

Wassim: Es ist jedenfalls alles, was wir tun. Wir haben unsere Jobs zu Hause aufgegeben und unsere Autos verkauft. Wir haben erst gedacht, wir kommen hier rüber, machen das Album, spielen ein paar Shows, mal gucken. Und dann hat sich einfach alles so entwickelt, das war sehr organisch. Jetzt wohnen wir alle zusammen in einem Haus und touren die meiste Zeit. Fünf Konzerte die Woche. Wir sind bis nächstes Jahr ausgebucht. Das hatten wir so nicht erwartet.
Das Album heißt Distant Rendezvous. Was bedeutet das?

Wassim: Die Songs sind alle in einem ziemlich runtergekommenen Jam-Keller im Haus meines Großvaters in Beirut entstanden. In allen geht es um die Lebensumstände im Libanon jetzt, und außerdem um die der goldenen Jahre, vor dem Bürgerkrieg. In unseren Köpfen ist das so ein Fantasieland. Damals war es das Paris des Mittleren Ostens. Unsere Eltern waren die letzte Generation, die das noch erlebt hat. Distant Rendezvous ist erst einmal zusammengemischt aus Englisch und Französisch. Libanesen machen das gern, auch Arabisch wird dann noch mit reingeworfen. Für uns drückt das aus, dass wir vielleicht niemals zu dieser Zeit zurückkehren werden. Dieses Rendezvous ist weit weg.
Habt ihr manchmal Angst, dass eure Musik in den Hintergrund tritt und die Leute euch nur cool finden, weil ihr „die Band aus dem Libanon“ seid?

Wassim: Klar, es gibt Leute, die hören dein Album, weil du für sie aus einem exotischen Ort kommst, von dem sie nicht viel wissen. Das macht dich interessant. Aber wir werden auch wirklich immer libanesischer, jetzt wo wir alle zusammen wohnen, und jetzt wo die Band alles ist, was wir haben. Die Leute sehen das auch auf der Bühne. Im Moment ist das eine nette Art, jemanden für unsere Musik zu interessieren. Und irgendwann sind wir nur noch die Band aus Berlin.
In Bückeburg gab es bis vor einigen Monaten eine große Notunterkunft für Flüchtlinge. Das ist ja auch ein Thema im Libanon. Wie guckt ihr auf die Situation hier?

Wassim: Wenn Menschen so wie hier ihre Türen öffnen, um anderen eine zweite Chance zu geben, die alles verloren haben, dann respektieren wir das auf jeden Fall. Aber die Situation im Libanon ist eine andere. Dort gibt es bei vier Millionen Einwohnern zwei Millionen Flüchtlinge, das kann man nicht miteinander vergleichen. Deutschland macht sich auf jeden Fall besser als andere europäische Länder und die USA. Und die arabischen Länder tun einen Scheiß für Flüchtlinge, speziell die Golfstaaten, die das ganze Geld aus dem Erdöl haben, das ist echt eine Schande.
Wer noch nie etwas von euch gehört hat und darüber nachdenkt, nach Bückeburg zu kommen: Was kann der erwarten?

Wassim: Er sollte bequeme Schuhe anziehen und bereit sein, viel zu schwitzen. Ich hoffe, die haben eine gute Klimaanlage in der Schraub-Bar.

Interview: Jan-Christoph Prüfer