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Der Norden Allianz gegen Elbvertiefung
Nachrichten Der Norden Allianz gegen Elbvertiefung
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19:37 29.04.2012
Von Karl Doeleke
Foto: Der Widerstand gegen eine erneute Elbvertiefung wächst.
 Der Widerstand gegen eine erneute Elbvertiefung wächst. Quelle: dpa
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Jork

Der Gedanke ist einfach. „Wenn wir uns zusammenschließen, dann stehen 100.000 Menschen dahinter“, sagt Gerd Hubert, der parteilose Bürgermeister von Jork im Alten Land. Hubert hat eine Allianz geschmiedet mit zwei Amtskollegen an der Niederelbe zwischen Hamburg und Cuxhaven. Das Ziel der drei Bürgermeister, die ungefähr 100.000 Menschen vertreten, die zum Teil kaum 50 Meter vom Deichfuß entfernt leben: Noch einmal die Kräfte gegen die Elbvertiefung mobilisieren. Die Genehmigung zum Ausbaggern des Flusses haben die Behörden in der vergangenen Woche erteilt - was nicht heißt, dass die Bürgermeister damit ihren Kampf aufgegeben haben. „Die Pläne liegen aus. Unsere Rechtsbeistände prüfen jetzt, ob wir dagegen klagen können“, sagt Hubert.

Es ist ein grundsätzliches Misstrauen, das ihn und seine Kollegen Harald Zahrte aus der Samtgemeinde Land Hadeln im Kreis Cuxhaven und Hans Jarck aus der Samtgemeinde Lühe im Kreis Stade antreibt: Sie glauben den Prognosen über die Auswirkungen einer weiteren Baggerei im Fluss nicht. „Die Erfahrungen der letzten Elbvertiefung waren durchweg negativ“, sagt Zahrte und zählt auf, was die Elbe seitdem so viel gefährlicher gemacht hat für die Leute hinterm Deich: Sie fließt viel schneller, die Strömung reißt Stücke vom Watt weg und dazu noch die Steine aus dem Deckwerk der Deiche, die den Wellenschlag aufhalten. „Der Fluss verhält sich immer anders, als die Gutachter voraussehen“, sagt Zahrte. Wir wollen die Auswirkungen jetzt stärker verifiziert wissen.“ Er sei gespannt, was von den Einwendungen der Kommunen in den Planungsunterlagen aufgegriffen worden sei.

Der vehemente Widerstand der Elbanrainergemeinden ist auch deshalb besonders, weil im Gegensatz dazu zwei andere, stark betroffene Gruppen ihren Frieden mit der nunmehr neunten Fahrrinnenanpassung gemacht haben, die die Elbe in 200 Jahren erleben musste: Die Deichverbände und die Obstbauern. Der Bund übernimmt in Zukunft sämtliche Kosten, die für Reparaturen an den Deichen entstehen. Den Obstbauern zahlen der Bund und Hamburg eine große Summe Geld, um auszugleichen, dass das salziger werdende Elbwasser für die Beregnung der Plantagen eventuell nicht mehr taugt.

Obwohl auch dieser Friede im Alten Land, dem größten zusammenhängenden Obstanbaugebiet Europas, trügerisch sei, sagt Bürgermeister Hubert aus Jork: „Zufrieden sind die Verhandlungsführer.“ Wenn man mit dem einzelnen Obstbauern spreche, sehe das anders aus. „Hier ist noch salzfreies Wasser. Das wollen wir erhalten.“ Dass die Häfen verschlicken und das Revier für die Segler durch die stärkere Strömung immer schwieriger wird, sind weitere Argumente der Bürgermeister, die in ihren Orten auch auf den Tourismus angewiesen sind. Sie wurden in Hamburg und im noch viel weiter entfernten Hannover aus Sicht der Bürgermeister nicht ausreichend gewürdigt.

Und sie haben sich von der Landesregierung in Hannover überrumpelt gefühlt, als diese im April plötzlich ihre Zustimmung zur Vertiefung erteilt hat: „David McAllister hat immer gesagt, er lässt sich Zeit, er lässt sich nicht unter Druck setzen“, sagt Hans Jarck (SPD). „Und dann stellt man fest - die haben ihr Einvernehmen durchgewinkt.“ Wenigstens ein paar Tage hätte man noch warten können, meint Jarck. Denn ursprünglich wollten sich die Gemeinden Mitte April noch einmal treffen, um ihre Argumente der Landesregierung vorzutragen. Die Entscheidung kam ihnen zuvor. „Das hat zu großem Unmut in der Region geführt“, sagt Jarck.

Hollern-Twielenfleth und Grünendeich, zwei Mitgliedsgemeinden in der Samtgemeinde Lühe, liegen direkt am Deich. Hier sind die Sorgen der Bürger vor einer Sturmflut besonders groß, meint Jarck. Wie beängstigend so eine Sturmflut sein kann, hat Harald Zahrte vor etwa 15 Jahren einmal selbst erlebt: „Wenn der Deich wackelt, ist das wie Wackelpeter, wie ein Erdbeben. Da habe ich Respekt gelernt.“

Die Betroffenen fühlen sich auch von der Hafenwirtschaft in Hamburg respektlos behandelt. Kaum war das Einvernehmen aus Niedersachsen erteilt, habe man dort schon von der übernächsten Elbvertiefung gesprochen, erregt sich Hubert.

29.04.2012
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