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Der Norden Celle wird zum Bauhaus-Magneten für Touristen
Nachrichten Der Norden Celle wird zum Bauhaus-Magneten für Touristen
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19:37 03.11.2019
Die Wohnanlage Italienischer Garten ist ein besonderes Schmuckstück. Quelle: Celle Tourismus Marketing
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Celle

Im Kaffeehaus Kiess und Krause am Großen Plan haben sie gut zu tun. Schon allein, weil die Fenster den Blick auf das Fachwerkensemble der Celler Altstadt freigeben. Und neuerdings strömt noch eine besondere Gästegruppe hinein: die Bauhaus-Touristen. Im frisch renovierten Haesler-Raum im ersten Stock erfreuen sie sich an mit rotem Samt bezogenen Sitznischen und Stühlen aus den Dreißigerjahren sowie Vorhängen und Tapeten in Schwarz, Weiß und Grautönen. „Toll, diese Wagenfeld-Lampen“, sagt eine Dame mittleren Alters zu ihrer Freundin, vergisst für einen Moment ihren Kirschstreuselkuchen und hebt den Glassockel einer original Bauhaus-Leuchte von der Fensterbank an. „Ui, ganz schön schwer.“

Celle kann in Sachen Bauhaus-Architektur mit Städten wie Weimar und Dessau mithalten. Zu verdanken hat die Stadt das dem Architekten Otto Haesler.

Fachwerk und Barock treffen Bauhaus – das wird hier unweit des Celler (Barock-)Schlosses besonders sichtbar. Fotos an den Wänden des Cafés lassen ahnen, welche Schätze Otto Haesler, einer der herausragendsten Architekten des Neuen Bauens, in Celle hinterlassen hat: auf Funktion, Bezahlbarkeit und soziales Miteinander ausgerichtete Flachdachgebäude mit vielen Fenstern und Oberlichtern, in denen das Tageslicht und die Offenheit zur Umgebung eine entscheidende Rolle spielen. Haeslers Renommee war zu Lebzeiten so groß, dass Fachleute selbst aus der Hauptstadt Berlin zu Besichtigungen seiner Bauten nach Celle kamen – und Eintritt zahlten. Sein Erbe aber ist später von der Stadt Celle und ihren Bewohnern nicht immer geschätzt worden und hat sogar um die Jahrtausendwende für ausgiebigen Zoff bis hin zum Teilabriss einer Haesler-Wohnanlage gesorgt.

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Celle spielt bei Bauhaus in der ersten Liga

2019 jedoch, das bundesweite Jubiläumsjahr zu 100 Jahren Bauhaus, hat etwas verändert. Nicht nur Denkmalinteressierte aus ganz Deutschland, auch viele Einheimische erkennen erst jetzt, was Celle in Sachen Moderne zu bieten hat – mehr Gebäude nämlich als die Bauhaus-Lehrstädte Dessau und Weimar zusammen. „Bei den hochwertigen Wohnungs- und Schulbauten aus dieser Zeit spielen wir bundesweit in der ersten Liga“, sagt Stadtbaurat Ulrich Kinder. Das Interesse daran sei nun deutlich gewachsen: „Da hat das Bauhaus-Jahr richtig Schub gegeben.“

Bauhaus trifft Fachwerk: Blick vom Haesler-Kaffeehaus Kiess und Krause – mit Wagenfeld-Lampe – auf die Celler Innenstadt. Quelle: Gabriele Schulte

Publikumsliebling Italienischer Garten

Klaus Lohmann, Geschäftsführer der Tourismus-Gesellschaft, zeigt sich „vom Besucheransturm überwältigt“. Allein von April bis September hätten rund 3000 Bauhaus-Interessierte an einem der neu geschaffenen Führungsangebote teilgenommen. „Dieses Potenzial soll über das Jubiläumsjahr hinaus genutzt werden“, erklärt er. Zu Fuß, mit dem Rad oder mit der elektrischen Bimmelbahn machen sich Alt und Jung auf die Bauhaus-Runde. Haeslers Arbeiterwohnsiedlungen, Villen und Schulgebäude sind über die Stadt verstreut. Publikumsliebling ist die kleine Wohnsiedlung Italienischer Garten südöstlich der Altstadt. Die 1925 fertiggestellte Häuserreihe wurde 2006 in ihre ursprüngliche kontrastreiche Farbigkeit zurückversetzt und strahlt seitdem wieder in leuchtendem Blau und Rot.

Glasschule ist eines der wichtigsten Bauhaus-Gebäude

Als mögliches Unesco-Weltkulturerbe ins Spiel gebracht wurde die nahe gelegene Altstädter Schule. Das als Glasschule bekannte Gebäude, das Haesler 1928 fertigstellte, zählt nach Angaben der Haesler-Stiftung international zu den zehn wichtigsten Bauwerken des Bauhaus-Stils. Es wird bis heute als Grundschule genutzt, zurzeit laufen Gespräche mit dem Landkreis zu einer Übernahme und möglichen Umwandlung in eine Sprachheilschule. Nachdem Risse im Mauerwerk aufgefallen waren, hat der Bund Mittel für eine Sanierung bewilligt. „Das ist ein Denkmal von bundesweiter Bedeutung“, sagt Stadtbaurat Kinder. Unter den von Haesler gebauten Bürgerhäusern sticht die Direktorenvilla am Französischen Garten mit ihrem markanten Treppenhaus besonders hervor. In das sanierte zweistöckige Haus ist eine Galerie eingezogen; eine Vortragsreihe zum Bauhaus lockt ein großes Publikum.

Im Haesler-Museum ist eine komplett ausgestattete Frankfurter Küche zu sehen. Quelle: Gabriele Schulte

Streit um Haesler-Wohnanlage

Beim neu gestalteten Haesler-Museum am Blumläger Feld fährt an diesem Nachmittag ein Bus aus Osterode vor. Die Gruppe lässt sich in der ehemaligen Arbeitersiedlung von Ehrenamtlichen die Gemeinschaftseinrichtungen Bade- und Waschhaus sowie eine komplett eingerichtete Frankfurter Küche, Urtyp einer modernen Einbauküche, zeigen. Mit den Häuserreihen in konsequenter Ost-West-Ausrichtung – wegen des Lichteinfalls – hatte Haesler 1930/1931 am Stadtrand ein frühes Meisterstück sozialen Wohnungsbaus geschaffen: bezahlbare Kleinstwohnungen für Familien mit Mietergärten vor der Tür. Jahrzehnte später entwickelte sich der günstige Wohnraum zum sozialen Brennpunkt, das war ein wesentlicher Grund für den Abriss eines großen Teils der Gebäude im Jahr 2003.

Die Zukunft eines weiteren Teils des Blumläger Felds ist ungewiss. In Stahlskeletten ist Rost entdeckt worden. Nachdem die städtische Wohnungsbaugesellschaft Ende 2017 die Mieter mit Verweis auf die Sicherheit hinauskomplimentiert hat, untersucht die Stadt nun, wie und zu welchem Preis saniert werden könnte.

Bauhaus-Jahr bringt neuen Schwung

„Wir stehen wieder vor ähnlichen Fragen wie vor dem Teilabriss 2003“, sagt Carsten Maehnert von der Haesler-Initiative, die sich seit Langem für den Erhalt des Blumläger Felds einsetzt. Nach der landesweit beachteten Diskussion darum sei es in Celle im Hinblick auf das Haesler-Erbe aber bergauf gegangen, meint er. Das Bauhaus-Jahr habe nochmals Schwung gebracht. Auch der frühere hannoversche Architekturdozent Sid Auffahrt, der damals vergeblich für die Haesler-Wohnblocks kämpfte, zeigt sich hoffnungsvoll. „Das Blumläger Feld ist es wert, erhalten zu werden“, hob er unlängst bei einem Vortrag in Celle hervor.

Kleinere negative Begleiterscheinungen hat der Bauhaus-Boom mit sich gebracht: Bei Kiess und Krause beschwerten sich Besucher zuletzt über „Touristenpreise“ beim Kuchen. Den Cafébetreibern wiederum kam eine wertvolle Wagenfeld-Lampe von einer der Fensterbänke abhanden. Ein Zeugenaufruf über Facebook sei erfolglos geblieben, erzählt eine Mitarbeiterin. Das ändere aber nichts an der Hoffnung, die auch das Kaffeehaus auf Celles neue Popularität als Bauhaus-Stadt setzt.

Celle bietet Leitfaden zu Bauhaus-Touren auf Otto Haeslers Spuren

Otto Haesler (1880–1962) war einer der bedeutendsten Vertreter des Neuen Bauens in der Weimarer Republik und setzte vor allem beim Wohnungsbau Impulse. Er selbst hatte nicht am Bauhaus studiert, wohl aber Mitarbeiter seines Büros. Haesler war 1928 als Nachfolger von Walter Gropius als Direktor am Bauhaus in Dessau im Gespräch, wollte aber lieber weiter als freier Architekt arbeiten. Seine in den Jahren von 1924 bis 1930 in Celle entstandenen Bauten und Siedlungen sind überwiegend im Originalzustand erhalten und werden fast alle in ihrer ursprünglichen Funktion genutzt.

Celle hat sich im Bauhaus-Jubiläumsjahr verstärkt auf diesen Teil seines Stadtbilds besonnen. Im Mai wurde das neu gestaltete Haesler-Museum in der Haesler-Wohnsiedlung Blumläger Feld eröffnet. Gleichzeitig stellte die Stadt einen Leitfaden für selbst organisierte Touren auf Haeslers Spuren vor. Vor den Gebäuden wurden Stelen mit Informationstafeln und QR-Codes aufgestellt. Der 4,5 Kilometer lange Rundweg ist gut zu Fuß zu bewältigen. Angeboten werden sollen auch im kommenden Jahr die neuen geführten Bauhaus-Touren per Rad, Segway oder Kleinelektrobahn. Näheres unter www.neuesbauen-celle.de.

Zum Ausklang des Bauhaus-Jahres veranstaltet die Bundesstiftung Baukultur mit der Stadt Celle und der Otto-Haesler Stiftung am 13. November in der Alten Exerzierhalle den Baukulturdialog „Baugeschichte und Stadtmarketing“. Zum Auftakt wird um 10.30 Uhr eine Stadtführung mit dem Thema „Bauhaus in Celle“ angeboten. Ende des Baukulturdialogs ist gegen 18.30 Uhr. Die Veranstaltung ist kostenlos, um Anmeldung wird gebeten.

Von Gabriele Schulte