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Der Norden Ein Kinderschänder wird gejagt
Nachrichten Der Norden Ein Kinderschänder wird gejagt
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09:15 08.05.2012
Von Gabriele Schulte
Nachbar Wladis Poberezny wundert sich, dass der Täter ohne Polizei zur Wohnung zurückkehren durfte.
Nachbar Wladis Poberezny wundert sich, dass der Täter ohne Polizei zur Wohnung zurückkehren durfte. Quelle: Gabriele Schulte
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St. Andreasberg

In St. Andreasberg im Harz sind die Straßen steil, heißen „Glückauf-Weg“, „Halde“ und „Arme-Sünder-Straße“. Normalerweise ist es still auf den Hängen mit idyllischem Talblick. Am Freitagnachmittag war es anders: Heinrich W., 63, verletzte sich oder wurde verletzt auf der Flucht vor Eltern, deren acht und neun Jahre alte Töchter er schwer missbraucht hatte.

Es gab einen Knall und Geschrei, ein Dutzend Nachbarn liefen hinaus auf die Straße. W. war ein langjähriger Freund. „Die Kinder nennen ihn Onkel Heini“, sagt die Mutter der Achtjährigen. Er sei eine Art „Leihopa“ gewesen.

Ein Fall von Selbstjustiz, gar ein Lynchmob wie im Fall der sich zusammenrottenden Menge nach dem Mord an der elfjährigen Lena? Eine Parallele zumindest scheint es zu geben: Die Polizei hat ihre Schutzfunktion nicht hinreichend wahrgenommen. Nur zwei offenbar arglose psychiatrische Pfleger, ein Mann und eine junge Frau, begleiteten den bereits geständigen Andreasberger Rentner zu seiner Wohnung, dem Tatort. Von dort sollte er ein paar Sachen mitnehmen in die Klinik, in die er sich begeben hatte, als alles aufgeflogen war. Unter anderem packte er Eier und Eisbein aus dem Kühlschrank in eine Tüte.

So viel wohl steht fest: Im Flur traf W. auf den Vater der Neunjährigen, an der er sich vor Ostern vergangen hatte. Die Schilderungen zum anschließenden Geschehen unterscheiden sich jedoch: Die Polizei teilte mit, dass der 41-Jährige den Rentner „unvermittelt angriff, auf ihn einschlug und würgte.“ Dann habe sich auch die 38 Jahre alte Mutter an der Auseinandersetzung beteiligt. Die „Goslarsche Zeitung“ fügte hinzu, W. sei bei einem Handgemenge mit hinzueilenden Nachbarn krankenhausreif verletzt worden und in ein nahes Wäldchen geflohen. Nach einer halbstündigen Verfolgungsjagd habe er sich der Polizei gestellt.

Auch die Eltern der betroffenen Mädchen äußern sich ausführlich selbst. Lars N. erzählt: Seine Tochter und ihre Freundin hätten am Freitagnachmittag beim Spielen gesehen, wie der Täter zu seiner Wohnung gegenüber zurückkehrte. „Sie haben riesige Angst bekommen, sofort in der Küche nach Messern gegriffen.“ Er selbst habe einen Anruf bekommen, sei schnell zu dem Mehrfamilienhaus gefahren und habe W. im Hausflur erwischt. „Ich habe ihn am Kragen gepackt und beschimpft“, sagt der kräftige 41-Jährige. Heinrich W. sei dann die Straße hochgerannt, habe aber eine Kehrtwende gemacht, um N.s ebenfalls herbeitelefonierter Ehefrau auszuweichen.

Ein direkter Nachbar, der alles beobachtet hat, bestätigt: Heinrich W. sei beim Wegrennen die Jogginghose über die Füße gerutscht, er sei über einen Gully gestolpert und auf den Asphalt geschlagen. Der junge Zeuge zeigt auf Eierschalen am Wegesrand: „Da ist ihm die Tüte runtergefallen.“ Das hätten auch rund ein Dutzend Nachbarn beobachtet, die sich wegen des Tumults auf der Straße zusammengefunden hatten.

Viele Familien von Missbrauchsopfern scheuen die Öffentlichkeit. Lars N., seine Frau und auch die Eltern der Achtjährigen drängt es jedoch, ihre Kritik an der Polizei loszuwerden. Seine Tochter habe sich am Mittwoch nach Ostern Ärzten in einem Krankenhaus offenbart, das sie wegen psychisch bedingter Atemnot aufgesucht hatte, erzählt N. Die Polizei habe den Täter aber erst eine Woche später befragen wollen. Dieser habe in der Zwischenzeit von den Vorwürfen erfahren und einem Nachbarn gestanden: „Ich habe Mist gemacht, ich habe zwei Mädchen vergewaltigt.“ Auch danach kam W. nicht ins Gefängnis. Die Staatsanwaltschaft sieht keine Wiederholungsgefahr, die Selbsteinweisung in die Psychiatrie reiche aus.

Seit vergangenem Jahr wiederholt missbraucht hat W. den Eltern zufolge die Achtjährige, die jahrelang im selben Haus und seit einiger Zeit gegenüber wohnte. Deren Vater kannte „Onkel Heini“ aus seiner Kinderzeit in Sachsen-Anhalt. Der frühere LPG-Mitarbeiter W., der inzwischen Invalidenrente bezog, zog der jungen Familie nach St.Andreasberg nach.

„Beide Seiten haben voneinander profitiert, so sah es jedenfalls aus“, meint Wladis Poberezny, er jätet ein paar Gärten weiter Unkraut. W. habe den Yorkshireterrier des berufstätigen Elternpaares ausgeführt und das Mädchen und ihren jüngeren Bruder zur Schule und zum Kindergarten gebracht. Der allein-stehende Mann kochte auch mal für die Kinder, ließ sie bei sich übernachten. Er sah dem Mädchen und ihrer Freundin beim Schminken zu und beim Verkleiden als kleine Prinzessin. „Wie konnte man ihn bloß ohne Polizei hier wieder vorbeischicken?“, fragt sich der Nachbar. „Hier wo jeder doch jeden kennt?“ Von Verfolgungsjagden und Lynchen hält der Ingenieur nichts.

Das sieht auf Andreasbergs Straßen manch einer anders. Viele haben für die Eltern großes Verständnis. „Das würd’ ich machen mit so einem“, sagt ein älterer Mann und hebt die flache Hand - zur Geste des Halsabschneidens.

Michael B. Berger 07.05.2012
07.05.2012
07.05.2012