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Der Norden „Ein großer Schock“: Wie die Heimat einer IS-Rückkehrerin reagiert
Nachrichten Der Norden „Ein großer Schock“: Wie die Heimat einer IS-Rückkehrerin reagiert
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12:10 13.11.2019
Die Luftaufnahme zeigt die Stadt Lohne (Aufnahme mit einer Drohne). Katholisch, tiefschwarz und wirtschaftlich boomend. Quelle: Mohssen Assanimoghaddam/dpa
Lohne

Vor Jahren muss ihr Weg in den Irak hier in Lohne begonnen haben. Das Haus, in dem die angebliche IS-Rückkehrerin Jennifer W. gelebt hat, steht in einer ruhigen Straße am Rande der Stadt. Viel Platz bis zum Nachbarhaus. Ein idyllischer, ruhiger Ort in der niedersächsischen Provinz.

Seit April dieses Jahres muss sich Jennifer W. am Oberlandesgericht München verantworten. Sie soll als Anhängerin der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) tatenlos zugesehen haben, wie ihr irakischer Ehemann ein fünfjähriges Kind bei praller Hitze verdursten ließ.

IS-Anhänger kehren nach Deutschland zurück

Der 28-Jährigen werden unter anderem Mord durch Unterlassen und Kriegsverbrechen vorgeworfen. Sie ist eine der ersten IS-Rückkehrerinnen, der der Prozess gemacht wird. Aber sie dürfte nicht die letzte sein. Die Türkei beginnt in dieser Woche damit, mutmaßliche IS-Anhänger nach Deutschland abzuschieben.

Lesen Sie auch: Mutmaßliche IS-Anhängerin schweigt vor Gericht

Im Video: Wie die Heimat der IS-Rückkehrerin reagiert

Bereits am Donnerstag soll eine siebenköpfige Familie aus der Türkei zurückgebracht werden, die dem salafistischen Milieu in Hildesheim zugerechnet wird. Am Freitag sollen zwei Frauen kommen, die in einem Lager in Syrien gefangengehalten worden waren, darunter eine Konvertitin aus Hamburg-Tonndorf.

Was diese Menschen getan haben, wo sie nach ihrer Rückkehr leben werden, ob sie in Deutschland vor Gericht gestellt werden – vieles ist im Moment noch unklar. Jennifer W., 2016 schwanger nach Deutschland zurückgekehrt, stand seitdem unter Beobachtung der Sicherheitsbehörden. Als sie im Juni 2018 erneut zum IS ausreisen wollte, griffen die Behörden zu.

Verändert Extremismus vor der Haustür eine Stadt?

Welche Spuren hat die Frau in ihrer Heimat hinterlassen? Und verändert sich etwas in einer Stadt, wenn der IS und religiöser Extremismus so nah an die eigene Haustür kommen? Jennifer W. ist Deutsche und in Lohne aufgewachsen, bevor sie 2014 mit ihrem irakischen Ehemann in den Dschihad gezogen sein soll.

Das Rathaus von Lohne. Quelle: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Lohne hat rund 29.000 Einwohner. Der Stadt an der Autobahn 1 zwischen Osnabrück und Bremen geht es wirtschaftlich gut. Politisch hat in der Region die CDU das Sagen. Bei der letzten Bundestagswahl hat mehr als jeder Zweite die Union gewählt. Und die Kirche ist hier immer noch stark – die meisten Einwohner (60 Prozent) sind katholisch.

Tobias Gerdesmeyer (CDU) ist seit 2012 Bürgermeister in Lohne. Der Münchner Prozess gegen Jennifer W. sei in der Gemeinde kein großes Thema, sie sei in der Stadt nicht in Erscheinung getreten, sagt er. Sie komme aus einem „bürgerlichen Haus“, eine radikalisierte religiöse Szene gebe es in Lohne seines Wissens nach nicht.

„Für mich ist eine zentrale Frage, wie wir in Lohne friedliches Miteinander organisieren“, sagt Gerdesmeyer. Die Stadt hat sich in den vergangenen Jahren verändert, die Bevölkerung ist wegen der boomenden Wirtschaft gewachsen und die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund gestiegen. 2009 lag der Anteil der Ausländer bei unter 10 Prozent – 2019 sind es 16,1 Prozent. Auch die Flüchtlingswelle 2015 spielte eine Rolle, damals kamen rund 1000 Menschen vor allem aus Syrien und dem Irak.

Bürgermeister Tobias Gerdesmeyer. Quelle: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Diesen Wandel managen die Verantwortlichen im Rathaus. Beispielsweise achte die Stadt bei der Bauplatzvergabe darauf, dass es in Neubaugebieten auch im Hinblick auf Nationalitäten eine Durchmischung gibt. Mietwohnungsbau, den es in Lohne wenig gibt, werde gleichmäßig über die Stadt verteilt. „Wenn Leute nichts miteinander zu tun haben, bringt das Vorurteile“, sagt Gerdesmeyer.

Fast alle Kinder gingen in den Kindergarten. Der Schlüssel sei, dass dort erste Freundschaften entstehen, sagt Gerdesmeyer. Die Kommune finanziere vier Sozialarbeiterstellen für Grundschulen aus eigener Tasche – das Land Niedersachsen zahle für alle Grundschulen nur zwei Stellen, was er kritisch sieht. Und Gerdesmeyer setzt auf ehrenamtliches Engagement etwa im Sportverein. Die vielen Maßnahmen greifen offensichtlich. Größere Kriminalitätsprobleme gibt es in der Stadt seinen Worten zufolge nicht.

Wie ist die Stimmung in der Moschee?

Vom Rathaus zur Lohner Moschee dauert es mit dem Auto nicht einmal fünf Minuten. Dass in dem ehemaligen Fabrikgebäude heute ein Gotteshaus ist, sieht der Betrachter erst bei der Betrachtung der Rückseite des Hauses. Darauf ist die Silhouette einer Moschee gemalt.

Die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) in Lohne zählt zwischen 130 und 140 Familien als Mitglieder. Die IGMG ist ein muslimischer Verband und steht der türkischen Regierungspartei AKP nah. Früher war die Gemeinde türkisch geprägt, doch seit der Flüchtlingswelle 2015 kommen Menschen aus vielen Nationen.

Dirk Vulhop, Sprecher der Moschee in Lohne, steht im Gebetsraum der Moschee. Quelle: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

„Für uns war das ein großer Schock, als die Vorwürfe gegen Jennifer W. bekannt wurden“, sagt Dirk Vulhop (45). Er ist Sprecher der Moschee und stellvertretender Vorsitzender der IGMG Lohne. Es sei „unvorstellbar“, was Jennifer W. getan haben soll und wegen welcher Verbrechen sie angeklagt ist. „Im Vorstand war sofort die Frage da: Was passiert mit uns in der Moschee?“

Jennifer W. ist nach Vulhops Angaben nie in der Moschee in Lohne gewesen. Sie war dort kein Mitglied - und weder vom Namen noch vom Sehen bekannt. Als die Vorwürfe bekannt wurden, sorgte er sich dennoch um Konsequenzen. „Unsere Angst war, dass sich dadurch unsere gute Zusammenarbeit mit vielen Akteuren in der Stadt ändert.“

Moschee und Stadt arbeiten zusammen

Die Moschee ist in der Stadt auf vielerlei Weise eingebunden: Es gibt einen ökumenischen Arbeitskreis und enge Verbindungen zur katholischen Kirche. Nach einem verheerenden Brand bei einem der wichtigsten Arbeitgeber haben über 100 Muslime und Christen im Sportstadion einen gemeinsamen Gottesdienst gefeiert.

Es ist eine Zusammenarbeit, die über die Jahre entstanden ist. „An der guten Zusammenarbeit in der Stadt hat sich zum Glück überhaupt nichts geändert“, sagt Vulhop. Und dennoch: Als vor wenigen Monaten in einem Nebengebäude der Moschee wegen eines technischen Defekts ein Feuer ausbricht, fürchtet er kurz, es könnte ein Anschlag sein.

Holger Teuteberg, 55 Jahre alt, ist der AfD-Vorsitzende in Lohne – er war der Gegenkandidat des Bürgermeisters. Er empfängt in der Küche seines Wohnhauses. Teuteberg ist 2013 unter Bernd Lucke in die AfD eingetreten. Vom Fall Jennifer W. hat er das erste Mal in der Regionalzeitung gelesen. Auch er sagt, dass der Prozess in der Stadt kein großes Thema sei. „Es hat mich niemand darauf angesprochen – privat nicht und in der Partei auch nicht“, sagt er. Jennifer W. kenne er nicht.

Selbst AfD-Politiker lobt Integration in Lohne

Beim Thema Integration hört man vom ihm kaum Kritisches. „Ich muss der Stadt ein gutes Zeugnis ausstellen“, sagt er. Während der Flüchtlingswelle sei die Hilfsbereitschaft groß gewesen. Die Stadt, die Bevölkerung und die Vereine hätten das toll gemacht. Mit Sorge hat er allerdings gesehen, dass die Stadt für den Bau eines neuen Flüchtlingsheims einen Kredit von fünf Millionen Euro aufgenommen hat.

Ursula gr. Holthaus, Vorsitzende des Runden Tischs Lohne. Quelle: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Zum Schluss noch ein Besuch beim Runden Tisch Lohne. Der Verein setzt sich seit den 1990er Jahren für Integration in der Stadt ein. Gegründet wurde er nach den ausländerfeindlichen Übergriffen in Mölln und Rostock-Lichtenhagen, wie die heutige Vorsitzende Ursula große Holthaus erzählt. Der Gedanke sei damals gewesen, dass es auch in Lohne Ausländer gibt und so etwas verhindert werden muss.

Natürlich laufe bei der Integration nicht alles glatt, sagt große Holthaus. Die meisten wollten sich integrieren, aber einige auch nicht. Sie sieht auch, dass manche mit so konservativen Einstellungen kommen, dass ihre Ansichten mit der Demokratie schwer vereinbar sind.

Gerade liest sie ein Fachbuch, das Schulbücher mehrerer Länder wie Afghanistan, Irak und Syrien vergleicht. Große Holthaus hat bis zu ihrer Pensionierung eine Grundschule geleitet. Als die Flüchtlinge kamen, wollte sie so erfahren, was die Kinder bislang durchgenommen haben. Sie sei erstaunt gewesen, wie negativ in den Büchern der Westen dargestellt wird. Trotzdem glaubt sie fest daran, dass nur eine Minderheit sich nicht integrieren lässt. „In Lohne strecken wir die Hand aus“, sagt sie und schiebt nach: „Und wir halten auch fest.“

Wo wurde Jennifer W. radikalisiert?

Was hat der Besuch gezeigt? Die Radikalisierung von Jennifer W. hat mit der Stadt vermutlich nichts zu tun. Sie muss andernorts passiert sein –vielleicht im Internet. Und umgekehrt ist die Stadt auch nicht sonderlich beunruhigt. Angst vor Parallelgesellschaften in ihrer eigenen Mitte - das erscheint vielen absurd.

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Von Kristin Kruthaup (dpa)

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