Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Der Norden Insekten als Futter für Schweine und Hühner?
Nachrichten Der Norden Insekten als Futter für Schweine und Hühner?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:00 13.04.2019
„Wir brauchen Massen an Insekten“: Sebastian Demtröder von der Hochschule Bremerhaven züchtet Mehlkäfer-Larven. Quelle: Carmen Jaspersen/dpa
Bremerhaven/Hannover

Heuschrecken am Spieß? Mehlwürmer in Schokoladensoße? Zumindest hierzulande hat sich das Verspeisen von Insekten bislang nicht so richtig durchgesetzt. Dabei enthalten Insekten viel Protein. Wie wäre es also, sie in der Vorstufe der menschlichen Nahrung einzusetzen, beim Nutztier? Mit Insekten als Eiweißquelle im Viehfutter befasst sich Rainer Benning, Professor für Lebensmitteltechnologie an der Hochschule Bremerhaven. „Hühner in Freilandhaltung picken auch Würmer und Insekten aus dem Boden“, sagt er. „Und Rinder trennen auf der Weide nicht das Gras von Kleingetier.“

Das stimmt natürlich. Die Futterexperten von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen würden dennoch das eine oder andere Fragezeichen an das Projekt machen: Die Rechtslage steht dem Verfüttern von verarbeiteten Insekten entgegen.

Proteine bekommen Nutztiere wie Hühner und Schweine heutzutage meist in Form von Soja. Auch wenn es inzwischen gentechnikfreies Soja aus Österreich gibt, wurden nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums 2017 immer noch 2,7 Millionen Tonnen Sojaschrot importiert, hauptsächlich aus Brasilien – Umweltschützer nennen noch höhere Werte. Soja aus Übersee ist umstritten, weil unter dem Anbau der Regenwald leidet. Die Alternative? „Insekten können eine Lösung sein“, sagt Rainer Benning.

Zusammen mit den Unis Göttingen und Erlangen sowie der Forschungsgemeinschaft Futtermitteltechnik Braunschweig untersucht die Hochschule Bremerhaven, wie Insekten gemästet, blanchiert, getrocknet und gemahlen und verfüttert werden können. Allerdings: „Wenn wir Soja und Fischmehl ersetzen wollen, brauchen wir Massen an Insekten“, sagt Sebastian Demtröder, ein Mitarbeiter von Benning.

Bisher ist die Zucht von Mehlkäfer-Larven vor allem Handarbeit. Um große Mengen produzieren zu können, müsste das Verfahren automatisiert werden. „Die Maschinen müssen erkennen, wann die Tiere groß genug sind, gleichzeitig darf aber auch nicht zu lange gewartet werden, damit sich die Larven nicht verpuppen“, sagt Demtröder. Außerdem soll die Maschine erkennen, wie hoch der Gehalt von Fett und Protein ist.

Im Labor werden die Larven auf Weizenkleie aufgezogen. In dem Glaskubus herrschen 26 Grad Celsius und 70 Prozent Luftfeuchtigkeit. Rund 100 Kilo Mehlwürmer winden sich in den Edelstahlbehältern. Im Raum nebenan kommen sie in ein Gerät, das die Tiere von Kot und Kleie trennt. Dann wird getrocknet. „Mit Gefriertrocknung haben wir die besten Ergebnisse erzielt“, sagt Benning. „Sie ist aber auch am teuersten.“

Nicht teurer als Soja

In Versuchen der Uni Göttingen zeigte sich, dass Hühner, Schweine und Barsche mit Insektennahrung mindestens genauso gut wachsen wie mit herkömmlichem Futter. Das Insektenfutter werde auch nicht teurer werden als Soja, sagt Benning. Demtröder: „Man kann Soja also ohne Einbußen ersetzen.“

Vielleicht sagen wir besser: man könnte. Wenn die EU ihre Vorschriften ändert. Denn seit der BSE-Krise ist laut niedersächsischem Verbraucherschutzlandesamt Laves die Verfütterung von verarbeitetem tierischem Protein in der EU untersagt.

Es gebe Ausnahmen, erläutert Andrea Meyer, Fütterungsexpertin der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Milch etwa gehöre dazu, auch Fischmehl. Insekten kann man Hühnern und Schweinen zudem so viele vorsetzen, wie man will – wenn die Insekten leben. Aber wenn sie verarbeitet sind, ist das nicht erlaubt, es sei denn, das Futter ist für Fische.

Wichtig ist laut Meyer: Welche Insektenarten kommen zum Einsatz, heimische oder ausländische, die im Falle eines Entschlüpfens die hiesige Fauna schädigen könnten? Ist der Futterwert stabil? Was ist mit der Schadstoffanreicherung in Insekten? Und: Wie mästet man das künftige Futter? Mit organischem Abfall oder mit Lebensmitteln? Ersteres wäre nicht gut fürs Image (sagt Benning), letzteres eine Nahrungsmittelkonkurrenz gegenüber den Menschen (sagt Meyer). Auf all diese Fragen gibt es noch keine Antworten.

Aber es ist ja noch Zeit. Rainer Benning will sein Projekt innerhalb der nächsten zwei Jahre marktfähig machen. Bis dahin könnte vielleicht sogar die EU ihre Bestimmungen ändern.

Von Bert Strebe und Janet Binder