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Der Norden Noch einmal 3000 Menschen: Friedland nimmt Geflüchtete aus UN-Hilfsprogramm auf
Nachrichten Der Norden Noch einmal 3000 Menschen: Friedland nimmt Geflüchtete aus UN-Hilfsprogramm auf
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21:00 08.08.2019
Die Geflüchteten absolvieren während ihrer Zeit in Friedland einen „Wegweiserkurs“. Die Pause nutzen sie für einen Spaziergang auf dem Gelände. Quelle: Heidi Niemann
Friedland

Hagop Shahinian weiß, wie schwer es ist, wenn man seine Heimat verlassen muss und in einem völlig fremden Land landet. In einem Land, wo die Menschen eine andere Sprache sprechen und andere kulturelle Gepflogenheiten haben. Hagop Shahinian stammt aus der zweitgrößten syrischen Stadt Aleppo, die inzwischen zu großen Teilen zerstört ist.

Der armenisch-orthodoxe Geistliche war schon vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland geflohen. Hier hat er nicht nur eine neue Heimat, sondern auch eine neue Aufgabe gefunden: Shahinian ist als Diakon in der Inneren Mission im Grenzdurchgangslager Friedland tätig, wo er vor allem Geflüchtete aus arabischsprachigen Ländern betreut.

Diakon Hagop Shahinian (li.) ist im Grenzdurchgangslager Friedland ein gefragter Ansprechpartner für Geflüchtete. Auch der aus Nordsyrien stammende Shaikho Khalid (Mitte) holt sich mit seiner Ehefrau und dem jüngsten seiner drei Kinder bei ihm Rat. Quelle: Heidi Niemann

Er hat gut zu tun: Deutschland hat sich bereit erklärt, rund 10.200 Geflüchtete, die als besonders schutzbedürftig gelten, über ein gesondertes humanitäres Hilfsprogramm aufzunehmen. Sie kommen aus Flüchtlingslagern in Ägypten, Äthiopien, Jordanien und dem Libanon und wurden vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) und vom UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR überprüft und ausgewählt.

800 Aufnahmeplätze bietet Friedland – in den vergangenen Jahrzehnten war das Grenzdurchgangslager erste Anlaufstelle für Millionen Menschen in Deutschland. Quelle: Heidi Niemann

Am 20. August soll die nächste Gruppe aus dem „Resettlement“-Programm mit einem Charterflugzeug in Deutschland eintreffen. Nach der Landung kommen sie zunächst in das Grenzdurchgangslager Friedland, wo sie zwei Wochen verbringen, ehe sie nach einem festgelegten Schlüssel auf die einzelnen Bundesländer verteilt werden.

Friedland ist das „Tor zur Freiheit“

Als „Tor zur Freiheit“ hat Friedland eine jahrzehntelange Erfahrung mit der Aufnahme von Vertriebenen, Flüchtlingen und Heimkehrern. Dass Friedland auch jetzt wieder eine zentrale Rolle in der Flüchtlingsaufnahme spielt, ist allerdings kein Selbstläufer.

Vor genau 20 Jahren habe dem Grenzdurchgangslager das Aus gedroht, erzählt der stellvertretende Leiter der Einrichtung, Lorenz Große. Damals wollte das Bundesinnenministerium das Lager schließen, weil die Zahl der Spätaussiedler stark zurückgegangen war. Nach starken Protesten revidierte das Ministerium seine Pläne. Heute ist Friedland einer von vier Standorten der Landesaufnahmebehörde Niedersachsen und die einzige Erstaufnahmeeinrichtung für alle neu ankommenden deutschstämmigen Spätaussiedler in Deutschland.

Noch immer viele Spätaussiedler

Wie sehr Friedland weiterhin gebraucht wird, zeigt sich unter anderem daran, dass auch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer immer noch zahlreiche Spätaussiedler aus Osteuropa nach Deutschland kommen. 250 der insgesamt 800 Plätze werden daher ständig für Spätaussiedler bereitgehalten. „Jede Woche kommen hier zwischen 150 und 200 Spätaussiedler an“, berichtet der stellvertretende Standortleiter. Im vergangenen Jahr seien rund 7000 Spätaussiedler nach Deutschland gekommen, in diesem Jahr sei mit einer ähnlichen Zahl zu rechnen.

„Jede Woche kommen hier zwischen 150 und 200 Spätaussiedler an“: Der stellvertretende Standortleiter Lorenz Große. Quelle: Heidi Niemann

500 weitere Plätze sind für die Flüchtlinge reserviert, die über die humanitären Hilfsprogramme nach Deutschland kommen. Nach den Planungen des Bamf sollen bis zum Jahresende noch einmal 3000 der besonders schutzbedürftige Personen nach Deutschland geholt werden. „Wir rechnen damit, dass jede Woche 180 Personen hier eintreffen“, sagt Große.

Gezielt ausgesuchte Flüchtlinge

Die gezielt ausgesuchten Flüchtlinge haben erstmals seit vielen Jahren eine gesicherte Bleibeperspektive: Sie müssen keinen Asylantrag stellen und haben Aufenthaltstitel für zunächst drei Jahre mit der Möglichkeit der Verlängerung. Außerdem haben sie einen Anspruch auf Sozialleistungen und Zugang zum Arbeitsmarkt.

Zu den besonders Schutzbedürftigen, die im Rahmen der humanitären Hilfsprogramme nach Deutschland kommen, gehören zahlreiche Familien mit Kindern. Für sie gibt es viele Schul- und Spielangebote. Quelle: Heidi Niemann

Diese Perspektive haben auch die 177 Flüchtlinge, die aktuell in Friedland untergebracht sind. Sie haben zuvor in Flüchtlingslagern in der Türkei gelebt und sind über ein anderes humanitäres Aufnahmeprogramm nach Deutschland gekommen, das die EU mit der Türkei abgeschlossen hat. In Friedland absolvieren sie unter anderem einen „Wegweiser-Kurs“, um sich auf das Leben in Deutschland vorzubereiten.

Shaikho Khalid will eine neue Existenz in Deutschland

Einer von ihnen ist Shaikho Khalid. Der 42-Jährige ist mit seiner Frau und drei Kindern aus Afrin in Nordsyrien geflohen und hat danach mehrere Jahre in der Türkei gelebt. In Afrin habe er ein Schuhgeschäft gehabt, erzählt er. Jetzt brennt er darauf, sich in Deutschland eine neue Existenz aufzubauen.

Auch Diakon Hagop Shahinian unterstützt ihn mit hilfreichen Tipps. Da er arabisch und kurdisch spricht, ist er ein gefragter Ansprechpartner. Der Aufenthalt in Friedland habe für die Flüchtlinge eine ganz wichtige Bedeutung, sagt er: „Friedland ist eine Station auf dem Weg aus der Dunkelheit zum Licht.“

Das ist das Lager Friedland

In Friedland lassen sich 70 Jahre bundesdeutscher Geschichte wie unter einem Brennglas beobachten: Auf Anordnung der britischen Besatzungsmacht wurde hier am 20. September 1945 auf dem Gelände einer landwirtschaftlichen Versuchsanstalt der Uni Göttingen ein Lager eingerichtet: Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Osten wurden hier übergangsweise in Nissenhütten einquartiert. In dem Dorf, das heute rund 1300 Einwohner zählt, gab es einen Bahnhof, zudem lag Friedland im äußersten Süden Niedersachsens nahe an Grenzen zur sowjetischen und zur amerikanischen Zone.

Für mehr als vier Millionen Menschen wurde Friedland seither das „Tor zur Freiheit“: Nach den Vertriebenen sind dort Hunderttausende deutsche Kriegsheimkehrer untergebracht worden. Später fanden DDR-Übersiedler und deutschstämmige Aussiedler aus Osteuropa in dem Grenzdurchgangslager eine erste Bleibe: Friedland wurde der Ort, an dem Deutschland seine verlorenen Söhne und Töchter willkommen hieß. Seit 2002 ist hier die einzige deutsche Erstaufnahmeeinrichtung für Spätaussiedler.

Außerdem fanden hier 1956 Ungarnflüchtlinge eine Bleibe. Chilenische Asylbewerber wurden hier 1973 ebenso untergebracht wie 1978 vietnamesische Boatpeople oder in den Neunzigerjahren Juden aus der früheren Sowjetunion. Große politische Beben, Kriege, Flüchtlingsbewegungen – das niedersächsische Dorf Friedland wurde so zum Seismografen für viele globale Katastrophen.

Seit 2011 ist Friedland zudem eines von derzeit vier Erstaufnahmelagern Niedersachsens für Asylsuchende. Flüchtlinge – etwa aus Syrien – werden hier registriert und dann auf die einzelnen Bundesländer verteilt. In dem Lager, das eigentlich nur für 700 Bewohner ausgelegt ist, wurden auf dem Höhepunkt des Flüchtlingszuzugs bis zu 3000 Menschen untergebracht.

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Von Heidi Niemann

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