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Der Norden Traditionsschiff „Prinz Heinrich“ wieder auf Tour
Nachrichten Der Norden Traditionsschiff „Prinz Heinrich“ wieder auf Tour
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16:29 22.02.2019
Wolfgang Hofer an Bord: Das Traditionsschiff „Prinz Heinrich“ im Hafen von Leer. Quelle: Foto: Bert Strebe
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Leer

Also, sagt Wolfgang Hofer zu Beginn des Interviews. Er müsse jetzt mal was sagen. Nämlich, dass es schon gut wäre, wenn Stephan Weil mal käme.

Der Himmel über Leer in Ostfriesland ist ein bisschen grau an diesem Tag. Doch die Atmosphäre im Speisesalon der „Prinz Heinrich“ ist gemütlich und gediegen. Poliertes Teak und Mahagoni, Leuchten aus Glas und Messing, alles glänzt, und weil es so nah über dem Wasser dann doch manchmal kühl ist, bullert hinter den rotgestreiften Sitzpolstern die Heizung. Wolfgang Hofer lehnt sich auf seiner Bank zurück und sagt, dies alles hier, das sei ursprünglich nichts weiter als eine „Schrottlaube“ gewesen.

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Zum Lachen und zum Heulen

„Stimmt“, sagt Frits van Lier. „Ich hätte, wenn ich damals schon dabeigewesen wäre, das Abwracken empfohlen.“ Hofer nickt. „Es ist überhaupt nur was geworden, weil ich von Tuten und Blasen keine Ahnung hatte.“ Denn sonst, sagt er, hätte er das Projekt gar nicht angefasst. Hofer und van Lier lachen. Jetzt können sie das. In den vergangenen Jahren war ihnen manchmal zum Heulen.

Das Schiff, auf dem das Gespräch stattfindet, die „Prinz Heinrich“, wurde 1909 als Post- und Passagierdampfer von der Papenburger Meyer-Werft gebaut, Baunummer 240, Preis: 104.500 Reichsmark. Ihr Aufgabengebiet waren Fahrten zwischen Emden und Borkum. 60 Jahre lang tat das Schiff brav seinen Dienst, wenn auch mit Modifikationen: Ende der Fünfzigerjahre kam jemand auf die seltsame Idee, den Dampfer in „Hessen“ umzubenennen, und dann wurden auch noch zwei stillose Dieselmotoren eingebaut.

Schließlich wurde der Pott Ende der Sechziger nach Lübeck verkauft, wo er unter dem auch nur mäßig norddeutschen Namen „Mississippi“ als Museumsschiff am Kai liegen musste. Am Ende rostete er in Rostock vor sich hin, und das war kein Kalauer, sondern bitterer Ernst.

Während der Dampfer rostete, hörte im fernen Leer der Zahnmediziner Wolfgang Hofer gesprächsweise davon, dass es das Schiff noch existiere. Er kannte es. Er hatte die Bilder im Kopf, wie die „Prinz Heinrich“ im Winter zum Überholen in Leer im vereisten Hafen lag, als Hofer, Jahrgang 1944, ein kleiner Junge gewesen war. Und er mochte ja sowieso alles, was mit Küste und Inselverkehr zu tun hatte. Sein Großvater hatte auf Spiekeroog gelebt, Wolfgang Hofer war ständig rübergefahren, und wenn er zurück musste, war das immer schlimm gewesen für ihn. Der Gedanke, das Schiff zurückzuholen und zu restaurieren, war einfach unausweichlich.

„Das ist der einzige niedersächsische Passagierdampfer“, sagt Hofer. „Den könnte doch das Land mal mit einem Besuch des Ministerpräsidenten unterstützen. Oder?“

Hofer ist in Leer eine Größe. Er engagiert sich vielfach im Gemeinwesen, er hat sich für die Restaurierung des Wasserschlosses Evenburg in Leer-Loga eingesetzt. Nun gründete er den Verein „Traditionsschiff Prinz Heinrich e.V.“. Der kaufte den Kahn 2003 und brachte ihn nach Leer. Und dann konnte die eigentliche Arbeit beginnen, wobei von Vorteil war, dass die „Prinz Heinrich“ ziemlich umgehend vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege als bewegliches Denkmal anerkannt wurde.

Den Beruf verfehlt

Und noch etwas war von Vorteil: Wolfgang Hofer. Wenn es nicht so despektierlich wäre, müsste man sagen, der Zahnarzt habe seinen Beruf verfehlt. Er könnte jeden Fundraisingjob übernehmen, Hofer ist ein Meister darin, Leute von etwas zu überzeugen. Er spricht sachlich, gewinnend, charmant, aber er blendet nicht und schwindelt nicht und verschweigt kein Problem.

Dennoch (oder deswegen) schafft er es, Menschen zu begeistern. Wenn nicht sofort, dann beim zweiten oder dritten Gespräch. Hofer ist beharrlich. Wenn ihn ein potenzieller Sponsor nicht unterstützen will, fragt er eben später noch mal nach. Und wenn das nicht hilft, dann noch mal.

Es gab Leute, die erst kategorisch Nein gesagt haben, nach drei Unterhaltungen mit Hofer aber Feuer und Flamme waren. An dieser Stelle flicht Hofer übergangslos den Satz „Wir sind ja auch Repräsentanten des Landes Niedersachsen“ ins Interview ein. „Da müsste doch die Landesregierung mal jemanden schicken.“ Und man kann gar nicht widersprechen.

Eine Million Euro hat der Leeraner Schiffsliebhaber auf seine geduldige Art gesammelt. Und der Traditionsschiffverein, der 570 Mitglieder bis runter nach Bayern und in der Schweiz hat, machte sich an die Arbeit.

Es war ein Wust von Arbeit. Fachfirmen halfen, benachteiligte Jugendliche arbeiteten mit, die Ausbildungswerkstatt der Meyer-Werft und die Werft selbst engagierte sich. Und viele Freunde traditioneller Schiffe aus Leer und Umgebung machten sich mit ans Werk, mit dieser Mischung aus Liebe und Kompetenz, die solche Projekte zum Erfolg führt. Und manchmal muss man auch die richtigen Gene haben: Die Großväter mancher dieser Männer hatten in der Zeit der Entstehung der „Prinz Heinrich“ auf der Meyer-Werft gearbeitet.

Den Fachmann für das Maschinelle fand Hofer in seiner eigenen unmittelbaren Nachbarschaft: Frits van Lier, der sein ganzes Leben lang als Maschinist zur See gefahren war, war seiner Frau wegen in Leer heimisch geworden. Er hatte zwar auf modernen Schiffen gearbeitet, musste aber Notaggregate bedienen können, die mit Dampf arbeiteten.

Unter van Liers Regie wurde die „Prinz Heinrich“ wieder zum Dampfer, mit zwei Maschinen von 1922, gebaut in Holland, aufgetrieben bei einem britischen Händler. Es sah erst nicht so aus, als würde man sie wieder ans Laufen kriegen. Aber als sie sich dann das erste Mal ein Stück bewegten, „habe ich hier gestandene Männer weinen sehen“, erzählt van Lier. Wenn sie heute laufen, schnurren sie leise wie zwei Nähmaschinen.

2018 war die „Prinz Heinrich“, die als das älteste Seebäderschiff und der älteste Doppelschrauben-Post-und-Passagierdampfer Deutschland als Nationales Kulturdenkmal eingestuft worden ist (was auch ein bisschen Geld brachte), wieder betriebsbereit. Die nächste Saison beginnt im Mai, dann geht es ein bisschen die Ems rauf und runter. Früher passten mal 390 Passagiere drauf, heute, im Traditionsbetrieb, sind noch 120 zugelassen.

Im Juni das große Wiedersehen

Und am letzten Juni-Wochenende steht die große Wiedersehensfeier mit der alten Dampferstrecke an: Erst geht die Fahrt von Leer nach Emden, dann weiter nach Borkum. Dort sollen die Passagiere vom historischen Dampfschiff in die historische Borkumer Dampflokeisenbahn umsteigen können, an derselben Stelle, an der die „Prinz Heinrich“ auch 1909 angelegt hatte. „Das ist an der ganzen Nordseeküste, von Belgien bis zum Skagerrak, einzigartig“, sagt Wolfgang Hofer. „Wir drehen die Zeit um 110 Jahre zurück.“

Eine Erfolgsgeschichte. Wolfgang Hofer sitzt da in den Polstern und ist ganz entspannt. Nur dass der jährliche Betrieb noch nicht völlig gesichert ist, macht ihm Sorgen, 20.000 Euro braucht er, für Versicherungen und Treibstoff und die Liegegebühren im Leeraner Hafen, die Hofer „Strafgebühren“ nennt. 40.000 Euro werden es, wenn irgendwas schiefgeht und das Schiff in die Werft muss.

Da könnte sich, sagt Hofer, und seine Stimme fällt wie von selbst in die Sponsorenüberzeugungstonlage, vielleicht auch mal das Land etwas engagieren. Im Übrigen habe er ja kürzlich diese Ehrung bekommen, das Verdienstkreuz am Bande. Dafür müsse er sich doch dringend mal bedanken. Am besten beim Ministerpräsidenten. „Dazu werde ich Stephan Weil einladen.“ Hofer lächelt. Gewinnend. Charmant. Und ein ganz klein wenig schelmisch.

Feuerschiffe und Segelschoner

Die Menschen sprechen meist von Museumsschiffen, wenn sie schöne, historische, noch schwimmfähige Schiffe meinen. Korrekt wäre der Begriff Traditionsschiffe. Museumsschiffe liegen am Kai und beherbergen ein Museum. Traditionsschiffe sind fahrfähig und sicherheitsüberprüft und für Passagiere zugelassen.

Es gibt mehr als 100 Traditionsschiffe in Deutschland. Knapp 20 liegen allein in Niedersachsen, die größte Traditionsschiffdichte gibt es in Wilhelmshaven, wegen des Marinemuseums.

Ein paar weitere Schmuckstücke:

Feuerschiff Borkumriff: Seit 1875 wurden vor Borkum Feuerschiffe stationiert, im Laufe der Zeit waren es vier. Das letzte wurde 1988 außer Dienst gestellt und liegt heute im Borkumer Schutzhafen. Infos unter www.feuerschiff-borkumriff.de.

Greundiek: Das Küstenmotorschiff wurde 1950 zu Wasser gelassen, hieß damals aber noch „Hermann-Hans“ und war eines der ersten nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in Deutschland gebauten Schiffe. Nach mehreren Verkäufen bekam die Greundiek 1994 einen Liegeplatz im Stader Hafen und wurde restauriert. Infos unter www.greundiek.de.

Feuerschiff Amrumbank: Das Boot wurde 1915 gebaut und fungierte ab 1917 als schwimmender Leuchtturm auf mehreren Positionen in der Nordsee. 1983 wurde es außer Dienst gestellt und renoviert. Ein Jahr später bekam es einen Platz im Ratsdelft von Emden, mitten in der Stadt. Infos unter www.amrumbank.de.

Großherzogin Elisabeth: 1909 in Holland gebaut, war das Schiff, damals noch unter anderem Namen, der erste mit einem Dieselmotor ausgerüsteten Frachtsegelschoner der Welt. Nach wechselvoller Geschichte gelangte er als „Großherzogin Elisabeth“ 1982 nach Elsfleth. Das Schiff ist ein Segelschulschiff und immer noch im Dienst, man kann aber mitsegeln. Infos unter www.grossherzogin-elisabeth.de/

Von Bert Strebe

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