Niedersachsen wird 75: Buch zeigt Geschichte mit 75 Dokumenten
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Der Norden Historie in Häppchen: Niedersachsens Geschichte in 75 Kapiteln
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Niedersachsen wird 75: Buch zeigt Geschichte mit 75 Dokumenten

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09:00 24.05.2021
Harte Zeiten: Ein Plakat warb in der Nachkriegszeit fürs Torfstechen, um Brennmaterial zu gewinnen.
Harte Zeiten: Ein Plakat warb in der Nachkriegszeit fürs Torfstechen, um Brennmaterial zu gewinnen. Quelle: Landesarchiv Niedersachsen
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Hannover

Es herrschte blanker Hunger. Ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fehlte es an Arbeitskräften, die Produktion von Lebensmitteln stockte, gleichzeitig mussten Massen von Flüchtlingen aus dem Osten versorgt werden. Auch Heizmaterial war knapp: „Mit einer Zuteilung von Kohlen oder Holz ist nicht zu rechnen“, hieß es in einer Anweisung der britischen Militärregierung lapidar. „Jedermann, der irgendwie die Möglichkeit dazu hat, bewerbe sich um einen Torfstich, um seinen Hausbrand selbst zu gewinnen.“

Ein Gründungsdokument: Der spätere Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf skizzierte im April 1946 einen Plan für die Gründung Niedersachsens. Quelle: Landesmuseum

Wörter wie „Hausbrand“ und „Torfstich“ klingen längst wie Begriffe aus einer sehr fernen Zeit. Doch der Aushang der Militärregierung – noch so ein altes Wort – stammt aus dem Jahr 1946. Aus jenem Jahr, in dem das Land Niedersachsen begründet wurde. Der schmucklose Zettel ist ein Zeitdokument. Und als solches hat er jetzt Eingang in ein Geschichtsbuch gefunden.

VW, Atomproteste und Expo

Der opulente Band „75 Jahre Niedersachsen“ zeichnet pünktlich zum Jubiläum im Herbst die Historie des Landes seit 1946 nach – anhand von 75 Dokumenten aus dem Landesarchiv, das mehr als 100 Regalkilometer von Akten hütet. Verfasst haben das Werk etwa 40 Autorinnen und Autoren um Niedersachsens Chefarchivarin Sabine Graf. Anhand einzelner Fotos, Behördenschreiben, Plakate oder Landkarten nehmen sie wichtige Ereignisse in den Blick, sie illustrieren langfristige Entwicklungen und erzählen von menschlichen Schicksalen.

Lernprozess Demokratie: Eine Bekanntmachung der britischen Militärregierung zu den Kommunalwahlen 1946. Quelle: Landesarchiv Niedersachsen

Es geht um die Entnazifizierung und die Erfolgsgeschichte des Volkswagenwerks, um Anti-Atom-Proteste im Wendland und die Aufnahme vietnamesischer Boatpeople in den Siebzigerjahren, um den Mauerfall und die Expo 2000, um Spätaussiedler und Waldsterben und um den Kampf Homosexueller für Gleichberechtigung. Es ist, als hätte Billy Joels Song „We didn’t start the fire“, in dem jede Zeile mit einem Stichwort ein epochales Ereignis aufruft, bei der Konzeption des Bandes Pate gestanden.

Trümmerlandschaft: Ein Foto zeigt Kriegszerstörungen in Osnabrück im Jahr 1944. Quelle: Landesarchiv Niedersachsen

Lob vom Ministerpräsidenten

Ein Schreiben des Innenministeriums von 1973 dokumentiert den Anwerbestopp für Gastarbeiter zur „Eindämmung der Ausländerbeschäftigung“ nach der Ölkrise. Ein Foto von einem Hubschrauber mit Wasserbombe erinnert an die Waldbrandkatastrophe in der Lüneburger Heide 1975. Ein Flugblatt aus den Achtzigern prangert „Berufsverbote“ gegen DKP-Mitglieder an.

Ein Zeitdokument: Anhand eines Artikels aus der HAZ von 1992 illustriert das Buch den langen Kampf Homosexueller gegen Diskriminierung. Quelle: HAZ

Die kurzen Beiträge dazu fallen mal besser, mal weniger anschaulich aus. Das wissenschaftlich fundierte, aber prinzipiell populär geschriebene Buch sei ein „gleichermaßen informativer wie kurzweiliger Rückblick“ auf Niedersachsens Historie, lobt Ministerpräsident Stephan Weil im Vorwort.

Entwurf für die Zukunft: Ein Industrieentwicklungsplan des Landes aus dem Dezember 1946. Quelle: Landesarchiv Niedersachsen

Noch vor einer Generation wäre ein seriöses Geschichtswerk niemals so wenig systematisch und so kleinteilig dahergekommen, so farbenfroh illustriert und so unterhaltsam. Der Band präsentiert ein Mosaik aus lauter kleinen Geschichten, die sich zum Gesamtbild eines Landes verbinden. Es ist ein buntes Wimmelbild. Historie in Häppchen. Einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt das Werk nicht.

Ein fokussiertes Wimmelbild

Vielleicht ist es ganz sinnvoll, gerade einen so assoziativen Zugang zu Niedersachsens Geschichte zu suchen. Als der frühere Ministerpräsident Ernst Albrecht 1993 anregte, Historiker sollten eine „lesbare Landesgeschichte“ schreiben, gaben etliche Autoren des groß angelegten Projekts nach einiger Zeit entnervt auf. Nach jahrelanger Arbeit kam die „Niedersächsische Geschichte“ heraus – 800 Seiten voller Stückwerk, von den alten Sachsen bis zur Gegenwart. Und die monumentale „Geschichte Niedersachsens“, von der seit 1977 mehrere Bände mit zigtausend Seiten erschienen sind, ist eher etwas für akademische Feinschmecker.

Willkommenskultur: Ministerpräsident Ernst Albrecht 1986 mit vietnamesischen Flüchtlingen. Quelle: Landesarchiv Niedersachsen

Ganz neu ist das Konzept des jetzt erschienenen Jubiläumsbuches nicht. Nach dem Erfolg von Neil MacGregors Band „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“ hatte ein Autorenkollektiv schon zum 70-jährigen Landesjubiläum vor fünf Jahren eine „Geschichte Niedersachsens in 111 Dokumenten“ veröffentlicht, die allerdings aus mehreren Jahrhunderten stammten. Im Vergleich dazu ist der aktuelle Band aber fokussierter, weil er nur den Zeitraum vom Torfstich-Jahr 1946 bis heute abdeckt. Man darf gespannt sein, was Historikern und Archivaren in fünf Jahren einfällt.

Cover Quelle: Wallstein

Sabine Graf, Gudrun Fiedler und Michael Hermann (Hg.): „75 Jahre Niedersachsen. Einblicke in seine Geschichte anhand von 75 Dokumenten“. Wallstein. 407 Seiten, 29,90 Euro.

Von Simon Benne