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Der Norden Welches Verlangen brachte den Krankenpfleger zum Töten?
Nachrichten Der Norden Welches Verlangen brachte den Krankenpfleger zum Töten?
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00:33 06.01.2019
Der wegen Mordes an 100 Patienten angeklagte Niels Högel sitzt am Prozesstag in Gericht in Oldenburg. Quelle: Mohssen Assanimoghaddam/dpa
Oldenburg

Der Tod kommt als Statistik in den Gerichtssaal. Grafik auf Grafik flimmert über die beiden großen Bildschirme. Tabellen, Diagramme, x- und y-Achsen. Blaues Kästchen heißt: Niels Högel hatte Spätdienst. Grünes Kästchen: Frühdienst. Rote Kästchen zeigen die Sterbefälle während der Dienstzeit des Ex-Krankenpflegers an. Die Arbeit von fast drei Jahren Soko „Kardio“. An deren Ende ist sich die Polizei sicher: Högel hat mindestens 100 Patienten in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst tot gespritzt – viele aus purer Mordlust.

Im Zeugenstand des Landgerichts Oldenburg hat am Donnerstag der langjährige Chefermittler Platz genommen: Kriminaldirektor Arne Schmidt, 48 Jahre alt, heute Leiter der Polizeiinspektion Cuxhaven. Der sechste Prozesstag beginnt, Schmidt ist der erste Zeuge im Verfahren. Fast drei Stunden schildert er die akribischen Ermittlungen – sachlich, nüchtern, schonungslos. Die Ermittlungen in der wahrscheinlich größten Mordserie in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg. „Es war eine große Herausforderung“, sagt Schmidt.

Lügen und Inszenierungen

Nicht nur für die Angehörigen der Opfer im Saal, auch für den Angeklagten selbst sind es harte Stunden. Schmidt wirft Högel gezielte Lügen und Inszenierungen vor. „Herr Högel sagt nicht durchgehend die Wahrheit.“ Er gebe immer nur das zu, was die Polizei ihm nachweisen könne. Bei der Auswahl seiner Opfer und bei den verwendeten Medikamenten etwa habe Högel immer wieder andere Varianten angegeben. Schmidt spricht von einem dreistufigen Modell: leugnen, erinnern, zugeben.

Der frühere Chefermittler bezweifelt auch, dass der Ex-Pfleger die Patienten nur aus Geltungsdrang getötet hat. Am Anfang sei es Högel vielleicht um Anerkennung für erfolgreiche Reanimationen gegangen. Doch das Motiv habe sich gewandelt. „Am Ende ging es bei Herrn Högel nur noch darum, zu töten“, sagt Schmidt. „Ich persönlich bin davon überzeugt, dass der Angeklagte auch heute noch ein Stück weit seinen Narzissmus auslebt.“ So wie er sich früher zum Herr über Leben und Tod aufgespielt habe, mache er das jetzt mit Wahrheit und Unwahrheit. Schmidt hat Högel nach eigenen Angaben sechs mal verhört, insgesamt 30 Stunden lang.

Ermittlungen seit 2014

Die Ermittlungen der Soko beginnen im Herbst 2014, während ein Prozess gegen Högel wegen fünf Tötungen im Klinikum Delmenhorst vor dem Landgericht Oldenburg läuft. Das erste Problem: Welche Todesfälle in den Kliniken soll man untersuchen? Schmidt entscheidet, alle Sterbefälle bis zu zwölf Stunden nach den Dienstzeiten Högels in den Blick zu nehmen. Man beschränkt sich auf Erdbestattungen, geht darüber hinaus Anzeigen nach. Ein Raster ist fertig.

Der Soko fällt auf, dass im Klinikum Delmenhorst bereits in den ersten 16 Arbeitstagen von Högel auf der Intensivstation Ende 2002 viele Patienten sterben. In einem von sechs Verdachtsfällen kann bei der späteren Exhumierung der Wirkstoff Ajmalin nachgewiesen werden. „Ich persönlich gehe davon aus, dass es viel mehr Taten waren, als jetzt angeklagt sind“, sagt Schmidt. „Es bleiben Lücken, die wir nie schließen können.“

Schmidt erklärt dem Gericht und den Zuhörern, dass sich 2003 eine „signifikante Häufung“ der Sterbefälle in den Spätdiensten von Högel findet, zudem 18 Doppelsterbefälle und acht Dreifachsterbefälle in dessen Schichten oder kurz danach. Nein, Mittäter habe es nicht gegeben, das habe man überprüft.

134 Leichen werden exhumiert

Für die toxikologischen Gutachten müssen 134 Leichen exhumiert werden. In der Rechtsmedizin in Oldenburg werden jeweils Gewebeproben unternommen und per Kurier in die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) geschickt. Auch die Experten von der Uni Lausanne in der Schweiz sind an den Untersuchungen beteiligt. Mit neuen technischen Methoden gelingt es schließlich neben Ajmalin auch Wirkstoffe wie Sotalol oder Lidocain nachzuweisen, mit denen Högel ebenfalls Patienten getötet haben soll.

Schmidt wirft den Kliniken schwere Versäumnisse vor. Nach der Vernehmung von mehr als 100 Zeugen ist er überzeugt davon, dass es in beiden Krankenhäuser einen Verdacht gegen Högel gegeben hat, die Beweise jedoch unterdrückt wurden. Den Verantwortlichen in Oldenburg habe bereits Ende 2001 eine Liste über die Häufung von Todesfällen während der Dienstzeiten von Högel vorgelegen. Der Pfleger sei aber nur intern versetzt und später mit einem guten Zeugnis weggelobt worden.

Auch im Rettungsdienst verdächtige Fälle aufgetaucht

In Delmenhorst hätten Mitarbeiter nach einer Manipulation durch Högel verdächtige Spritzen gefunden. Die ungewöhnlich hohe Bestellmenge eines Medikaments sei aufgefallen, der Zugriff für Pfleger aber sogar noch erleichtert worden.

Die Soko hat auch Högels Arbeit als Rettungsassistent beim Roten Kreuz im Landkreis Oldenburg überprüft und ein Dutzend verdächtiger Fälle gefunden. Patienten, ohne schwerwiegende Probleme, die plötzlich nicht mehr atmen konnten und intubiert werden mussten. Schmidt nennt das „besonders grausam“. Zum Glück sei niemand gestorben. Ein möglicher Vorwurf wegen Körperverletzung gegen Högel sei allerdings verjährt. Der Prozess wird heute fortgesetzt.

Von Marco Seng

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