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Der Norden Okkultismus und ein Mord: Das Horrorhaus von Lindau
Nachrichten Der Norden Okkultismus und ein Mord: Das Horrorhaus von Lindau
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00:17 08.06.2019
In diesem Haus in Lindau sollen Mitglieder des „Deutschen Hüterordens“ Geisterbeschwörungen und andere okkulte Rituale zelebriert haben. Auch der Angeklagte soll daran beteiligt gewesen sein. Quelle: Heidi Niemann/pid
Göttingen/Lindau

Schockierende Details sind bei einem Mordprozess bekannt geworden, über den das Landgericht Göttingen seit rund vier Monaten verhandelt. Teils glichen die Zeugenschilderungen Szenen aus einem Horror- oder Gruselfilm. Ein 27-jähriger Mann aus Landsberg am Lech ist angeklagt, im Dezember 2017 an seinem Wohnort in Katlenburg-Lindau (Kreis Northeim) einen 37-jährigen Hausnachbarn erdrosselt zu haben. Später soll er die Leiche zerstückelt und gemeinsam mit einem anderen Mitbewohner vergraben haben. Inzwischen hat das Gericht nicht nur viele Zeugen, sondern auch viel Gruseliges gehört: Der Angeklagte gehörte ebenso wie mehrere andere Hausbewohner einer obskuren Vereinigung an, die ihr Vermieter initiiert hatte. Dieser hatte gezielt esoterisch Interessierte als Mieter angeworben. Das Gebäude wurde so zu einer Art Geisterhaus, in dem okkultistische Handlungen und Rituale praktiziert wurden.

Haus wurde vorher vom Max-Planck-Institut genutzt

Der Spuk stand in starkem Kontrast zu der vorherigen Nutzung des Gebäudes: Es diente als Gästehaus für Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung – die bekanntlich mit rationalen Methoden den Geheimnissen des Universums auf die Spur zu kommen versuchen. Nachdem das Institut 2014 nach Göttingen umgezogen war, kaufte ein 31-Jähriger aus dem Raum Hildesheim das leer stehende Gebäude. Gleichzeitig betätigte sich der neue Besitzer der Immobilie als selbst ernannter Sprecher des sogenannten Deutschen Hüterordens. Dem mit düsteren Videos untermalten Internetauftritt zufolge sollte sich dahinter eine „besondere und geheimnisvolle Gemeinschaft“ verbergen. Folgt man den Aussagen einiger früherer Hausbewohner, verband der 31-Jährige mit seinem Geheimbund allerdings offenbar auch eine ganz profane Geschäftsidee. Interessenten, die sich von dem Mix aus Mystik, Okkultismus, Germanen-Gedöns und Verschwörungstheorien angezogen fühlten, animierte er dazu, nicht nur dem „Orden“ beizutreten, sondern auch eine Wohnung in dem Haus zu nehmen.

Allein lebende Männer aus ganz Deutschland als Bewohner

Nach und nach zogen allein lebende Männer aus ganz Deutschland in den südniedersächsischen Ort, in dem es weder einen Bahnanschluss noch einen Supermarkt gibt. Einige – wie das spätere Opfer – suchten nur eine billige Wohnung, andere nach Gleichgesinnten. Wer Mitglied im „Orden“ werden wollte, musste zuvor verschiedene Aufnahmerituale durchlaufen. Wie diese abliefen, wollte jedoch keiner der vor Gericht befragten Zeugen so genau sagen. Sie hätten geschworen, nichts über den Geheimbund zu erzählen, hieß es. Ein in Celle stationierter Bundeswehrsoldat, der trotz der Entfernung ins mehr als 100 Kilometer entfernte Lindau gezogen war, berichtete, dass die Bewohner verschiedene Stationen vom Keller bis zum Dachgeschoss durchlaufen mussten.

Besonderere Ordensnamen für die Bewohner

Mit der Aufnahme bekam jeder einen Ordensnamen. Der Soldat wählte einen Namen aus einem Computerspiel. Der 31-jährige Initiator trat unter dem Namen „Kronum“ auf, der wohl seine höhere Stellung dokumentieren sollte. Ein 23-Jähriger, der anfangs von der Germanen-Mystik angetan war, nannte sich „Polarwolf“. Später habe ihn der Orden aber nicht mehr interessiert, weil „andere Sachen“ im Vordergrund gestanden hätten, erklärte er vor Gericht. Wegen dieser „anderen Sache“ rückte zweimal ein Sondereinsatzkommando der Polizei in dem Haus an: Einige Monate nach dem ersten SEK-Einsatz verurteilte das Landgericht Braunschweig den 23-Jährigen, der sich in dem Prozess als überzeugter Nationalsozialist zeigte, wegen Beihilfe zur Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat. Aktuell ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen ihn wegen des Verdachts der Gründung einer rechtsterroristischen Vereinigung.

Okkulter Onlineshop

Der Vermieter betrieb auch einen okkulten Onlineshop. Ein ehemaliger Hausbewohner berichtete, dass für die Internetpräsentation im Keller ein Altar hergerichtet worden sei, auf dem die Produkte drapiert wurden – „kein hochwertiges Zeugs“, sondern „krasse Dinge“ wie ein Totenkopf für mehrere Tausend Euro oder Schriftrollen mit Runen- oder Keilschrift. Die Polizei fand im Zuge ihrer Ermittlungen heraus, dass ein dem „Orden“ angehörender Metzger aus Sachsen-Anhalt die Pergamentrollen hergestellt hatte. Mehrere Zeugen berichteten, dass der Vermieter ihnen nahegelegt habe, die Rollen zu kaufen, um diese dann bei den entsprechenden Zeremonien als „Opfergabe“ zu verbrennen.

Suizidversucht eines Bewohners

Ein 33-jähriger aus Baden-Württemberg hatte anfangs an einem Treffen mit anderen an dem „Orden“ Interessierten in Thale im Harz teilgenommen. Dort hätten sie auf dem Hexentanzplatz und anderen mystischen Orten Spaziergänge „in der Vergangenheit von Tausenden von Jahren“ unternommen, berichtete er. Er sei fasziniert gewesen von dem Aufnahmeritual, bei dem die Teilnehmer mit Fackeln im dunklen Wald einen „Schwur vor der Gottheit“ geleistet hätten. „Es gab ein gewisses Zugehörigkeitsgefühl, das ich noch nie in meinem Leben hatte.“ Nachdem er in das Haus gezogen war, sei aus dem Gemeinschaftsgefühl aber ein Albtraum geworden. Die Geisteranrufungen bei den Séancen, die maskierten und in dunkle Roben gekleideten Mitglieder, die angsteinflößenden Geschichten über verärgerte Gottheiten – all das habe bei ihm einen „Horrorflash“ ausgelöst, der in einen Suizidversuch mündete. Vor allem der Angeklagte, der immer eine Puppe herumtrug, habe ihm große Angst gemacht. „Für mich war es das Geisterhaus schlechthin“, sagte der 33-Jährige.

Angeklagter trug Gruselpuppe mit sich

Die mysteriöse Puppe trug den Namen Anneliese und war offenbar von großer Bedeutung für den Angeklagten. Die Ermittler vermuten, dass der Name mit einem Aufsehen erregenden Exorzismusfall in Zusammenhang steht. 1976 war die Studentin Anneliese Michel nach Teufelsaustreibungen durch katholische Priester gestorben. Der Angeklagte soll nach dem Mord in Lindau gegenüber einem Mitbewohner geäußert haben, dass es ein erhabenes Gefühl gewesen sei, einen Menschen sterben zu sehen und zu erleben, wie die Seele den Körper verlasse. „Ich hab’s endlich getan“, habe er erklärt. Acht Monate später bekam er offenbar Gewissensbisse. Im August beichtete er nach einem Suizidversuch, seinen Hausnachbarn getötet und die Leiche zerteilt zu haben. Anders hätte er diese nicht wegschaffen können, sagte er vor Gericht.

Leichenteile im Müll entsorgt

Bei der Bergung stellten die Ermittler fest, dass die beiden Oberarme und ein Oberschenkel des Getöteten fehlten. Angeblich wurden diese Leichenteile im Müll entsorgt. Auch das Messer, mit dem die Leiche äußerst akkurat zerteilt wurde, ist verschwunden, ebenso die mysteriöse Puppe. Ob ihr Verbleib noch geklärt werden kann, ist zweifelhaft. An Freitag dieser Woche sollen die Plädoyers gehalten werden, das Urteil ist für nächste Woche geplant.

Von Heidi Niemann

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