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Der Norden Rentner wird doch noch angeklagt
Nachrichten Der Norden Rentner wird doch noch angeklagt
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18:59 24.04.2012
Von Thorsten Fuchs
Für den erschossenen Labinot S. wurde neben dem Grundstück des Rentners in Sittensen eine Gedenkstätte errichtet.dpa
Für den erschossenen Labinot S. wurde neben dem Grundstück des Rentners in Sittensen eine Gedenkstätte errichtet. Quelle: dpa
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Stade

Die Behörde hatte das Verfahren gegen den Schützen zuvor wegen Notwehr bereits eingestellt. Opferbeistand Thomas Kaemmer, der die Familie des getöteten Einbrechers vertritt, sprach von einem „Justizskandal“: „Es war klar, dass das niemals Notwehr sein konnte.“

Ernst B., Bestattungsunternehmer im Ruhestand, war am 13. Dezember 2010 in seinem reetgedeckten Haus am Rande Sittensens im Landkreis Rotenburg von vier jungen Männern überfallen worden, als er gerade auf dem Weg zum Hundezwinger war. Die Angreifer warfen ihn zu Boden, hielten ihn fest, bedrohten ihn nach B.s eigenen Angaben auch mit einer Waffe und durchsuchten sein Haus. B. schien das ideale Opfer zu sein: Wohlhabend und wehrlos, da er nach einer Knieoperation auf Krücken angewiesen war. Der Rentner war jedoch auch passionierter Jäger und Waffenliebhaber. Als die Alarmanlage ansprang und die Einbrecher panikartig die Flucht ergriffen, schoss B. den Männern hinterher. Den Jüngsten, Labinot S., traf er in den Rücken. Der 16-Jährige verblutete im Schnee vor dem Haus. Die Polizei fand bei ihm das Portemonnaie des Rentners. Der Inhalt: 2143 Euro.

Die Komplizen, die wie Labinot S. aus Neumünster in Schleswig-Holstein kamen, stellten sich später der Polizei. Das Landgericht Stade verurteilte sie im Juli 2011 zu mehrjährigen Haftstrafen. Eine Anklage gegen den Schützen lehnte die Staatsanwaltschaft Stade jedoch ab. Ernst B. habe schießen dürfen, um sein Eigentum zu verteidigen, argumentierte die Behörde damals. Der Angriff sei schließlich noch in vollem Gange gewesen - obwohl sich die Angreifer eindeutig auf der Flucht befanden.

Inzwischen ist die Staatsanwaltschaft anderer Ansicht. „Die Schüsse waren nicht gerechtfertigt“, sagte Sprecher Burkhard Vonnahme. Welche möglicherweise neuen Fakten den Sinneswandel bewirkten, wollte er jedoch nicht sagen. Aufgrund der Beschwerde der Familie des Getöteten habe die Behörde die Ermittlungen erneut aufgenommen und die Komplizen von Labinot S. im Gefängnis nochmals befragt. Die Schlüsse der Staatsanwälte fielen nun anders aus: Sie klagen Ernst B. wegen Totschlags an. Vonnahme verteidigte am Dienstag aber auch das frühere Vorgehen der Behörde: „Das war von Anfang an eine sehr schwierige und knappe Abwägung.“

Für den Juristen und Opferbeistand Thomas Kaemmer war der Fall dagegen von Anfang an klar. Die Staatsanwaltschaft sei „offenkundig befangen“ gewesen. „Es ist beschämend, dass die Familie vier Kanzleien beschäftigen musste, um diese falsche Entscheidung zu korrigieren.“ Der Angriff auf B. sei eindeutig vorüber gewesen, als der Rentner abdrückte. Der 78-Jährige habe auch nicht in Todesangst oder Panik gehandelt. „Dass er auf Labinot schoss, war eine bewusste Entscheidung.“

Ob es zum Prozess gegen Ernst B. kommt, muss nun das Landgericht Stade entscheiden. Die Familie des Getöteten reagierte jedenfalls schon erleichtert auf die Wende. „Wir sind froh, dass jetzt etwas passiert“, sagte ein Onkel von Labinot S. „Wir wollen endlich die Wahrheit.“

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