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Der Norden Schüler dürfen bei Abiturprüfung Tablet und Smartphone nutzen
Nachrichten Der Norden Schüler dürfen bei Abiturprüfung Tablet und Smartphone nutzen
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00:17 15.12.2018
Das Wörterbuch im Tablet soll in Niedersachsen auch in Klausuren erlaubt sein. Quelle: Carmen Jaspersen/dpa
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Hannover

Schüler in Niedersachsen sollen Smartphones und Tablets nicht nur im Unterricht, sondern auch in Prüfungen benutzen dürfen. Einen entsprechenden Erlass hatte das Kultusministerium schon im Mai 2017 angekündigt, in Kraft treten soll er nun möglichst noch in diesem Schuljahr.

Damit wäre Niedersachsen das erste Bundesland, das digitale Endgeräte in Prüfungen zulässt. Da immer mehr Klassen mit digitalen Medien arbeiten, sei es nur konsequent, sie auch in Klausuren zuzulassen, argumentiert das Ministerium. Natürlich müsse sichergestellt sein, dass die Schüler nicht im Internet nach Lösungen suchen, sondern nur auf zugelassene elektronische Hilfsmittel wie Taschenrechner oder Wörterbuch zugreifen können.

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Welche Vorteile haben Smartphone und Tablet?

Die Schüler arbeiteten vielfach im Unterricht bereits mit digitalen Hilfsmitteln, antwortet das Ministerium. Gerade iPad-Klassen oder Schulen, die komplett auf gedruckte Schulbücher verzichten, wie die Oberschule Gehrden in der Region Hannover, könnten davon profitieren.

Außerdem müssten Eltern dann nicht mehr mehrere Geräte wie grafikfähigen Taschenrechner und Wörterbücher anschaffen, sondern könnte mehrere Apps auf einem Tablet installieren, sagt eine Ministeriumssprecherin. Obwohl dies für Eltern ein finanzieller Vorteil sein könnte, warnt der Landeselternrat vor dem Einsatz privater Geräte.

Lernt man mit elektronischen Geräten denn besser?

„Dafür gibt es keinen wissentschaftlichen Beleg“, sagt Laura Pooth, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Smartphones und Tablets seien zwar inzwischen Alltagsgegenstände, aber die haptische und humanistische Bildung gehe verloren, wenn man an Schulen allzusehr auf digitale Medien setze.

Dieser Ansicht ist auch Horst Audritz vom Philologenverband: „Man lernt durchs Anfassen.“ Wenn man eine Vokabel in einem Wörterbuch nachschlage, präge sie sich besser ein und man sehe auf der Seite auch noch die Nebenvokabeln. Ein elektronisches Wörterbuch habe dies nicht.

Auch Mike Finke, Vorsitzender des Landeselternrates, findet, dass digitale Medien allenfalls eine Ergänzung sein sollen und kein Ersatz für analoge Medien. Grundfertigkeiten wie zum Beispiel die Kenntnis des Alphabets seien nötig, um Vokabeln im Wörterbuch schneller zu finden. Wenn die Arbeiten am Ende sowieso ausgedruckt werden sollen, wie der Erlass dies vorsehe, sei ohnehin nicht viel gewonnen.

Was genau kann man mit den Tablets dann machen?

Das Ministerium antwortet: Die Schüler werden mit dem mobilen Endgerät in der Prüfung auf die zugelassenen Hilfsmittel wie Formelsammlungen, Taschenrechner oder Wörterbücher zugreifen können. Hierfür wird es klare Regeln geben. Dazu gehört insbesondere der Prüfungsmodus. Diese Software soll sicherstellen, dass die Geräte nicht auf das Internet zugreifen können. Auch Verbindungen zu externen Speichern oder Geräten werden unterbunden sowie interne Kameras und Mikrofone deaktiviert. Die Lehrkräfte, die Aufsicht hätten, können stets erkennen, ob der Prüfungsmodus aktiviert ist. Nutzt jemand ein nicht zugelassenes Gerät, wird dies als Täuschungsversuch gewertet.

Ist das wirklich schummelsicher?

Das Land hat nach eigener Aussage umfangreiche Belastungstests unterschiedlicher Systeme durchgeführt. In der Abiturprüfung 2018 gab es einzelne Schulen, die elektronischer Hilfsmittel verwendet haben – dabei kam auch der Prüfungsmodus zum Einsatz.

GEW-Chefin Laura Pooth bleibt trotzdem skeptisch: „Die Schüler sind viel plietscher als es wir Lehrer jemals sein können, da findet bestimmt ein Jugendlicher schnell eine Möglichkeit zum Hacken.“ Audritz glaubt zudem, dass es für Lehrer viel zu aufwendig sei, alle Geräte vor den Prüfungen zu kontrollieren.

Sollen private Handys und Tablets eingesetzt werden?

Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) setzt klar auf die sogenannte Bring-your-own-Device-Strategie. Das bedeutet, die Schüler sollen mittelfristig die Geräte, die sie privat besitzen, auch im Unterricht einsetzen können. Damit hat die Landesdatenschutzbeauftragte Barbara Thiel erhebliche Probleme. „Bring your own Device ist aus Datenschutzgründen fragwürdig“, sagt ein Sprecher. Es sei ein Sicherheitsrisiko, das Prüfungsdaten des Landes Niedersachsen auf Hunderttausenden Schülergeräten gespeichert seien. Man könne auch nicht davon ausgehen, dass die Schüler immer den neusten Virenschutz auf ihren Geräten installiert hätten.

Landeselternratschef Finke sorgt sich ebenfalls um den Datenschutz – aber von der anderen Seite: Eine Software des Landes – also die Prüfungsmodus-App – habe auf privaten Geräten nichts zu suchen. Er fordert stattdesen, schuleigene Geräte zu nutzen, und findet Unterstützung von den Lehrerverbänden. Zudem sei die Chancengleichheit nicht gewährleistet. Der eine Schüler habe ein leistungsfähiges Gerät mit hoher Speicherkapazität, das schnell funktionierte. Beim anderen stürze das Tablet immer ab.

Auch die GEW-Vorsitzende Pooth warnt generell vor einer Vermischung von Privat- und Arbeitsgeräten an der Schule. Wer sein Handy sonst zum Chatten oder Spielen nutze, werde beim Lernen leicht abgelenkt.

Was ist mit den Familien, die sich keine Tablets leisten können?

Das Land will ein Unterstützungssystem für Schüler aus finanzschwachen Haushalten entwickeln, die über kein eigenes digitales Gerät verfügen.

Für welche Jahrgänge soll der Erlass gelten?

Taschenrechner sind bereits jetzt ab Jahrgang 7 Pflicht. Künftig könne dann auch die entsprechende App für Tablets eingesetzt werden. Elektronische Wörterbücher werden ebenfalls oft in der 7. Klasse angeschafft, manchmal auch schon früher.

Wie werden die Lehrer geschult?

Für die Mathematik-App wird es Schulungen über die regionalen Kompetenzzentren der Landesschulbehörde geben. Die Schulbuchverlage bieten auch Fortbildungen zu ihren digitalen Produkten wie elektronische Atlanten an.

Von Saskia Döhner

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