Streit um Gipsabbau im Harz: Rohstoff oder Naturschatz?
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Der Norden Rohstoff oder Naturschatz? Der harte Streit um den Gipsabbau
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Streit um Gipsabbau im Harz: Rohstoff oder Naturschatz?

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16:00 09.05.2021
Der Südharz ist reich an Gips, auf rund 570 Hektar darf der Rohstoff bereits abgebaut werden.
Der Südharz ist reich an Gips, auf rund 570 Hektar darf der Rohstoff bereits abgebaut werden. Quelle: Martin Schutt/dpa
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Osterode/Hannover

Sie galt als wissenschaftliche Sensation: die Entdeckung der ältesten nachgewiesenen Familie der Welt. 1980 fand eine Biologiestudentin Knochen in einer Höhle, die fast 3000 Jahre alt sind und von denen Forscher die DNA analysieren und Nachfahren ausfindig machen konnten. Der Harzer Geologe Firouz Vladi war dabei, als die junge Frau sich damals durch einen Spalt im Gestein quetschte und rief: „Hier liegt einer!“ Ein Wahnsinnsfund und für Vladi immer noch eine Wahnsinnsgeschichte, die ihm jetzt häufiger wieder einfällt. Denn sie hat viel zu tun mit dem Abbau von Gips und der Frage, was man vielleicht unwissentlich verliert, wenn man nicht bewahrt – eine Frage, die wieder sehr aktuell ist: Um den Gipsabbau im Harz wird erneut heftig gestritten.

Die Höhle mit der 3000 Jahre alten Familie sei nur durch Zufall vor der Sprengung bewahrt worden, sagt Vladi. Es war in den 1960er-Jahren, als eine Firma am Lichtenstein (Osterode) Gips abbauen wollte. Nun lag das geplante Areal zwischen zwei Gemarkungen, und im Hin und Her der Genehmigung für einen Wirtschaftsweg überlegte es sich der Chef anders und wechselte kurzerhand auf die andere Seite des Berges. „Hätte an der geplanten Stelle alles geklappt, hätte die Höhle niemand entdeckt“, sagt Vladi. „Sie wäre einfach mit weggesprengt worden.“

Petition an Ministerpräsident Weil

Der Geologe Firouz Vladi führt seit 23 Jahren Gruppen durch die Gipskarstlandschaft. Quelle: privat

Vladi kennt sich gut aus in der Gegend des Gipses. Der Geologe hat jahrzehntelang das Amt für Wasserwirtschaft und Naturschutz des einstigen Landkreises Osterode geleitet, der heute zum Landkreis Göttingen gehört. Er ist seit Jahren in Rente, doch um Natur und Landschaft seiner Wahlheimat dreht sich sein Leben noch immer. Schließlich hat Vladi den niedersächsischen Teil des Karstwanderweges erfunden, führt seit 23 Jahren Gruppen durch die Gegend und kümmerte sich bis vor Kurzem um die Beschilderung des reich mit Informationstafeln ausgestatteten Qualitätswanderwegs. Dieser zieht sich auf 265 Kilometern durch die Landschaft des Gipskarstes am westlichen Rand des Harzes, durch Wälder und Dörfer, vorbei an Erdfällen, Höhlen, Burgruinen – und Kirchen, die aus Gips gebaut sind.

Und um diese Natur- und Kulturlandschaft geht es. Die Landesregierung hat ein Raumordnungsprogramm auf den Weg gebracht, das eine Ausweitung der Gips-Abbaufläche um 40 Hektar vorsieht – eine Fläche halb so groß wie der Maschsee. Rund 570 Hektar im Südharz sind nach Angaben des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) bereits vom Gipsabbau betroffen. Der Protest gegen dieses Vorhaben hat sich bereits formiert: Naturschutzverbände, aber auch der örtliche Landkreis sind dagegen. Sie fürchten, dass eine für Europa bedeutende Naturlandschaft, der Südharzer Gipskarst, unwiederbringlichen Schaden erleiden könnte. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) nahm jüngst 3000 Unterschriften des Online-Appells „Den Harzer Gipskarst retten“ entgegen, den der BUND initiiert hatte.

Geologe kritisiert Ende des „Gipsfriedens“

„Die Südharzer Gipskarstlandschaft ist von internationaler Bedeutung“, sagt der Geologe Friedhart Knolle, der für den BUND streitet. Das Südharzer Gebiet, das sich auch in die Nachbarländer Sachsen-Anhalt und Thüringen erstreckt, sei ein Hotspot der biologischen Vielfalt. Auch deshalb habe man 2002 einen sogenannten Gipsfrieden geschlossen, der Abbaumöglichkeiten einschränkte. Durch eine veränderte Raumplanung würde dieser „Gipsfrieden“ aufgekündigt, argumentiert Knolle. Er findet es einen „Skandal“, dass der wertvolle Gips nach wie vor als einfacher Baustoff verwendet wird.

Bärlauchblüte am Lichtenstein. An dem Berg wurde 1980 die berühmt gewordene Lichtensteinhöhle entdeckt, mit Knochenfunden aus der Bronzezeit. Quelle: Firouz Vladi

Dagegen pochen Wirtschaftsverbände auf die Ausweitung. „Wir brauchen Gipsabbau für den Wohnungsbau“, sagt Volker Müller, Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Niedersachsen (UVN). Gips sei ein wichtiger Rohstoff, um dringend benötigten Wohnraum in Ballungsräumen zu schaffen. Zudem falle durch den Kohlekompromiss eine wichtige Gipsquelle aus: „Bisher waren von jährlich benötigten rund zehn Millionen Tonnen Gips in Deutschland rund sechs Millionen Tonnen sogenannter REA-Gips, der als Nebenprodukt der Kohlekraftwerke aus den Rauchgasentschwefelungsanlagen stammt“, so Müller. Durch das Abschalten der Kraftwerke müsse dieser Anteil nun importiert werden – das treibe die Preise der Wohnungen und damit letztlich auch der Mieten. Außerdem hingen allein im Harz 700 Jobs am Gipsabbau.

Das ist der Harzer Gipskarst

Die Harzer Gipskarstlandschaft erstreckt sich etwa 100 Kilometer lang und zwei Kilometer breit entlang des südwestlichen Harzrandes über Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Mit dem Wort Karst werden Landschaften beschrieben, bei denen wasserlösliche Gesteinsarten wie Kalk oder Gips direkt an der Oberfläche liegen. Wasser kann in das Gestein eindringen, es erzeugt Risse und höhlt es aus. Dadurch ist eine Karstlandschaft immer im Wandel begriffen

Landesregierung sucht Kompromiss

In der Landesregierung deutet sich nun Bewegung in dem Streit an: Offenbar sucht Umweltminister Olaf Lies (SPD) nach einer neuen Lösung. „Ziel ist, in den gemeinsamen Dialog zwischen Naturschutz und Wirtschaft einzutreten und zusammen zu erarbeiten, wie man den Gipsabbau in Niedersachsen auch perspektivisch entwickeln und wie man auch hier wirtschaftliche Interessen und Naturschutz in Einklang bringen kann – ganz so, wie es beim Niedersächsischen Weg auch schon gelungen ist“, erklärte das Umweltministerium auf HAZ-Nachfrage. Man befinde sich bei der Neuauflage des Landesraumordungsplans „noch mitten im Beteiligungsverfahren“, also im Entwurfsstadium. „Wir werden die vorgetragenen Argumente sehr genau prüfen“, sagte auch die für Raumordnung zuständige Ministerin Barbara Otte-Kinast (CDU).

„Der Dissens ist uralt“

Vladi weiß, wie eng die Region mit der Gipsindustrie zusammenhängt. Und wie lange der Streit schon währt. Die Debatte in der Landespolitik möchte er nicht kommentieren, sagt aber: „Der Dissens zwischen Naturschutz und Rohstoffgewinnung ist uralt.“ Auch er sieht Raum für Kompromisse in dem verfahrenen Streit: „Einen Wanderweg kann man verlegen. Und an einem Steinbruch kann man über die Geschichte des Abbruchs informieren“, denn schließlich habe auch der Abbau bereits eine lange Tradition im Harz. Und natürlich könne man einen Wald roden, Gips abbauen und die Fläche wieder aufforsten. „Aber das ist nicht mehr das reiche Ökosystem wie vorher.“

Der Geologe sieht es an der Zeit, jetzt über eine Umstrukturierung der Produktion nachzudenken. „Lieber jetzt über Alternativen nachdenken als dann, wenn die Vorkommen erschöpft sind. Ich würde den Gipsabbau niemals verurteilen. Aber ein geschütztes Vorkommen hat auch den Vorteil, dass es erhalten bleibt. Wenn wir es in der Zukunft einmal dringend brauchen sollten.“

Von Carolin George und Michael B. Berger