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Der Norden Bauern suchen bei der Agritechnica nach umweltverträglichen Lösungen
Nachrichten Der Norden Bauern suchen bei der Agritechnica nach umweltverträglichen Lösungen
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11:03 13.11.2019
Junge Landwirtinnen auf der Agritechnica: Hanna Netzker und Clara Schapp begutachten eine bodenschonende Drillmaschine. Quelle: Navid Bookani
Hannover

Bauernhofidylle ist von hier weit entfernt. Auf dem Messegelände bestimmen bei der Agritechnica Riesenmaschinen wie Mähdrescher und Rübenroder das Bild. An diesem ersten für Besucher offenen Messetag in Hannover klettern kräftige Männer mit kindlicher Freude unendlich hoch in die Kabinen still stehender Trecker. Oben drücken sie probeweise auf Knöpfe und stellen sich das Gefährt auf ihrem Acker vor. Nebenan erfüllen Kollegen beim „Hau-den-Lukas“ die Halle mit dumpfem Dröhnen. So geht es alle zwei Jahre zu bei der größten Landwirtschaftsmesse der Welt.

Umweltschutz zieht sich durch Agritechnica-Hallen

Doch diesmal ist etwas anders: Die Themen Klima- und Umweltschutz ziehen sich – in Form von Vorträgen, Vorführungen, aber auch von Maschinen – quer über das ganze Gelände. „Das sind die Zukunftsthemen“, fasst es Landwirt Hermann Hagen zusammen. Der Getreidebauer aus Kassel hört sich einen Vortrag über moderne Tröpfchenbewässerungssysteme an, die der neuerdings üblich zu werdenden Dürre entgegenarbeiten. „Bewässerung und Digitalisierung stehen bei mir im Fokus“ sagt der 55-Jährige. Angesichts neuer gesellschaftlicher Anforderungen helfe es nicht zu jammern, die Bauern müssten vielmehr nach Lösungen suchen. So könne etwa der Computereinsatz auf dem Acker helfen, effizienter mit Dünger und Pflanzenschutzmitteln umzugehen. „Die Dialogbereitschaft der Landwirte ist da“, sagt Hagen.

„Die Dialogbereitschaft ist da“: Hermann Hagen, Getreide Bauer aus Kassel interessiert sich für ressourcenschonende Bewässerungssysteme. Quelle: Navid Bookani

Auch Hanna Netzker, angehende Landwirtin aus Neubrandenburg, will sich die Stimmung nicht vermiesen lassen von Vorwürfen aus der Gesellschaft, die Bauern machten die Umwelt kaputt. Landwirte würden gebraucht, es werde sie weiter geben. Viele Fridays-for-future-Demonstranten und andere mit wenig Verständnis für den Agrarsektor malten leider oft den Teufel an die Wand, meint die 19-Jährige. Tatsächlich schadeten Glyphosat und andere Unkrautvernichtungsmittel doch nur, wenn sie in Massen eingesetzt würden. „Durch den Druck der Gesellschaft muss man jetzt umdenken“, sagt die 19-Jährige in nüchternem Ton: „Wir machen, was die Verbraucher verlangen.“

Breite Maschinen wirken Bodenverdichtung entgegen

Mit ihrer Freundin sieht sie sich eine Drillmaschine an. Die Scheibenschar soll den Boden so aufschneiden, dass er sich nach dem Säen und Düngen gleich wieder zusammenklappt. „Das schont das Bodenleben“, erklärt die 19-jährige Landwirtin Clara Schapp, die den Hof ihrer Eltern übernehmen will. Aus demselben Grund lägen auch Mähdrescher mit besonders breiten Schneidwerken im Trend und Raupensysteme mit breiten Auflageflächen, die den Acker nicht so fest zusammendrücken. Denn Bodenverdichtung beeinträchtigt das Pflanzenwachstum, erhöht den Dieselverbrauch bei der Bearbeitung und macht anfällig für Erosion.

Auf der Agritechnica in Hannover interessieren sich in diesem Jahr besonders viele Besucher für Landmaschinen, die dem Umwelt- und Klimaschutz dienen. Dazu gehören moderne Sämaschinen ebenso wie ein Grubber zur Unkrautbekämpfung, aber auch digitale Bodenvermessungssysteme.

Neben der Drillmaschine drängt sich eine Gruppe von Ukrainern um einen 8,40 Meter breiten Grubber. „Unsere Antwort auf die Glyphosat-Diskussion, auch für den konventionellen Landwirt“, erläutert ein Vertreter der Firma Lemken, die den Prototyp entwickelt hat. Unkraut entfernen, Stoppeln in den Boden einarbeiten, loses Wurzelwerk rausholen – das Gerät erledigt gleich mehrere Aufgaben. „Ein Traum, das hier zu sehen“, schwärmt Besucher Erron Leafloor aus Winnipeg, der sich dazugesellt hat. So weit seien die technischen Antworten auf die globalen Umweltprobleme zu Hause in Kanada noch lange nicht: „Aber auch wir müssen uns an den Klimawandel anpassen.“

Bauernhofidylle ist Vortragsthema

Am Stand der Fachzeitschrift „Land und Forst“ aus Hannover haben Bauern für die Kampagne „Was bewegt dich?“ auf Zettel geschrieben, was sie zurzeit umtreibt. „Es sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen“, berichtet Chefredakteurin Maren Diersing-Espenhorst. Zu viele Anforderungen in zu kurzer Zeit, gleichzeitig das schlechte Image der Bauern. „80 Millionen Landwirtschaftsexperten“, steht auf einem Zettel. Soll heißen: Jeder in Deutschland glaube, bei Agrarthemen mitreden zu können.

Studentin Hanna Netzker (li.) und Landwirtin Clara Schapp begutachten eine der riesigen Maschinen auf der Agritechnica. Quelle: Navid Bookani

Rudolf Fuchs von der niedersächsischen Landwirtschaftskammer berät Bauern zur umstrittenen Düngeverordnung. „Die Landwirte haben die Kraft, sich neuen Situationen zu stellen“, meint er. „Aber sie wünschen, dass ihnen die Zeit dafür gegeben wird.“ Nebenan auf einem Podium der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft kommt es dann zur Sprache – das Bauernhofidyll. „Zwischen Bauernhofidylle und moderner Landwirtschaft“, lautet das Thema, und nicht zuletzt geht es darum, allzu kritischen Verbrauchern und Nachbarn gegenüber nicht aggressiv zu werden.

Werner Schilmeier aus Franken hat aufmerksam zugehört. Er hat mit Nachbarn nicht nur gute Erfahrungen gemacht. „Als ich 1995 mit Biogas angefangen habe, waren alle begeistert wegen der nachwachsenden Rohstoffe“, erzählt er. „Vor zehn Jahren kippte das dann.“ Da ab 2020 auch die staatliche Förderung auslaufe, wollte der Landwirt zukünftig gemeinsam mit einem Kollegen die Wärme für ein Tomaten-Gewächshaus nutzen. Doch eine Bürgerinitiative sei so massiv dagegen, dass er das lieber lasse. „Sie wollen sich den freien Blick nicht verbauen lassen“, sagt Schilmeier. „Lieber lassen sie Tomaten aus Spanien herauffahren.“ Doch der 50-Jährige ist kein Typ, der sich schnell entmutigen lässt. „Hier auf der Agritechnica“, sagt er, „suche ich nach neuen Ideen.“

Trecker bremsen den Verkehr aus

Landwirte haben mit ihren Treckern am Dienstag den Berufsverkehr im Emsland und in der Grafschaft Bentheim gestört. Mindestens 200 Treckerfahrer fuhren am Morgen bei einer spontanen Demonstration langsam über Bundes- und Landesstraßen, wie die Polizei mitteilte. Im Feierabendverkehr kam es zu weiteren Behinderungen durch erneute Trecker-Kolonnen. Betroffen waren vor allem die Bundesstraßen 70, 213, 402 und 403.

Der Protest der Landwirte richtet sich gegen die nach ihrer Meinung zu strengen Umwelt- und Tierschutzauflagen. Trecker-Demos hatten bereits Ende Oktober den Verkehr in zahlreichen norddeutschen Städten lahmgelegt.

Am Donnerstag wollen mehrere Tausend Landwirte anlässlich der Umweltministerkonferenz in Hamburg gegen die Umwelt-, Agrar- und Handelspolitik demonstrieren. Insgesamt werden in der Hansestadt rund 4000 Trecker erwartet.

Die Polizei erwartet bereits am frühen Donnerstagmorgen im Landkreis Rotenburg erhebliche Störungen im Straßenverkehr. Eine Gruppe von 400 bis 500 Fahrern will demnach von Stade aus in Richtung Hamburg starten. Dazu ist noch mindestens eine weitere Kolonne von 200 Treckern aus dem Bereich Bremervörde geplant. Auch nach Abschluss der Veranstaltung in Hamburg werden Folgen für den Verkehr erwartet.

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Von Gabriele Schulte

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