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Der Norden Weniger Mädchengeburten in Gorleben
Nachrichten Der Norden Weniger Mädchengeburten in Gorleben
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18:57 27.04.2012
Von Margit Kautenburger
Foto: In der Region um das Atommüll-Zwischenlager Gorleben haben Wissenschaftler statistische Belege für einen Geburtenschwund bei Mädchen gefunden.
In der Region um das Atommüll-Zwischenlager Gorleben haben Wissenschaftler statistische Belege für einen Geburtenschwund bei Mädchen gefunden. Quelle: dpa
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Berlin/Gorleben

Eine neue Studie zur Wirkung radioaktiver Strahlung dürfte Unruhe in der Region Gorleben hervorrufen. Wissenschaftler haben festgestellt, dass seit Beginn der Castor-Transporte in das oberirdische Atommüllzwischenlager Gorleben auffällig weniger Mädchen geboren wurden. Dieses Phänomen der „verlorenen Mädchen“ wurde auch schon im Umfeld des maroden Atommülllagers Asse beobachtet und ähnelt ganz auffällig den Ergebnissen in Atomwaffentest-Regionen sowie rund um das 1986 havarierte Atomkraftwerk Tschernobyl. Allerdings sei es nirgendwo so deutlich wie 40 Kilometer um Gorleben, teilte die Deutsche Umwelthilfe (DUH) in Berlin mit.

Nach DUH-Angaben fanden Wissenschaftler des Münchner Helmholtz-Zentrums und der Berliner Charité statistische Belege für den Geburtenschwund bei Mädchen. So seien seit der Einlagerung der ersten Castor-Behälter mit hochradioaktiven Abfällen 1995 fast 1000 Mädchen weniger zur Welt gekommen als nach den Statistiken der Vorjahre zu erwarten gewesen sei, sagte Hagen Scherb, Biomathematiker am Helmholtz-Zentrum München - und das, obwohl die radioaktive Strahlenbelastung weit unter den zulässigen Grenzwerten liegt.

Die Autoren der Studie führen das Phänomen auf die unterschätzte Wirkung radioaktiver Niedrigstrahlung zurück. Der Humangenetiker Karl Sperling von der Berliner Charité vermutet, dass radioaktive Strahlung - auch unterhalb der Grenzwerte - das väterliche X-Chromosom schädigen kann. Weibliche Embryonen, die durch dieses Chromosom entstehen, könnten deshalb vermehrt absterben.

Über den statistischen Befund gibt es keinen Streit, wohl aber über die Schlüsse, die die Verfasser ziehen. Die herkömmliche Strahlenwissenschaft bezeichnet die Ursachen des Mädchendefizits als spekulativ. „Um daraus den Schluss zu ziehen, dass Niedrigstrahlung geringere Geburtenraten bei Mädchen verursacht, fehlen noch entscheidende Daten“, sagte ein Sprecher des Bundesamtes für Strahlenschutz. Wesentliche Parameter wie das Alter der Mütter, die Kinderzahl oder das sekundäre Geschlechterverhältnis (das Geschlechterverhältnis bei der Geburt) seien in der Studie nicht berücksichtigt worden. Die Deutsche Umwelthilfe forderte eine umfassende wissenschaftliche Aufklärung der statistischen Auffälligkeiten.

Auch das niedersächsische Landesgesundheitsamt kam im September 2011 zu dem Ergebnis, dass sich seit der ersten Castor-Einlagerung das Geschlechterverhältnis in der Umgebung verändert hat. Davor wurden auf 100 Mädchen rund 101 Jungen geboren - danach auf 100 Mädchen 109 Jungen. Der statistische Mittelwert liegt bundesweit bei 100 Mädchen auf 105 Jungen.

Der Berliner Epidemiologe Christoph Zink kritisiert, dass die zur Berechnung von Grenzwerten verwendeten Modelle viele Erkenntnisse der modernen Strahlenbiologie und die klinischen Erfahrungen seit Tschernobyl nicht berücksichtigten. So wisse man heute, dass Ungeborene und Kinder sensibler auf radioaktive Strahlen reagierten als Erwachsene. Das müsse in die Grenzwerte einfließen. Das Wissen der Strahlenbiologie sei weit kleiner als bisher geglaubt, aber es sei groß genug, um viele gültige Annahmen als falsch zu erkennen, sagt Zink.

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