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Der Norden Lokführermangel: Tausende Züge fallen aus – Personalsuche jetzt auch im Ausland
Nachrichten Der Norden Lokführermangel: Tausende Züge fallen aus – Personalsuche jetzt auch im Ausland
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18:44 08.08.2019
Zugausfälle führen oft zu langen Schlangen am Informationsschalter – wie hier Ende 2018 am Hauptbahnhof Hannover. Quelle: Christian Behrens
Hannover

Zug fällt aus – von dieser Nachricht werden Bahnfahrer in Niedersachsen immer häufiger unangenehm überrascht. Allein zwischen Januar und Mai dieses Jahres sind fast 7900 Nahverkehrszüge ungeplant ausgefallen, wie sich aus einer Antwort des Verkehrsministeriums auf eine Anfrage der Grünen im Landtag ergibt. Grund ist vor allem der Lokführermangel. „Das spitzt sich immer mehr zu“, sagte Rainer Peters, Sprecher der Landesnahverkehrsgesellschaft, der HAZ. Dieser spiele eine maßgebliche Rolle bei den Zugausfällen, die nach 2017 um mehr als acht Prozent zugenommen haben. Insgesamt fielen demnach 2018 schon 2,7 Prozent aller Regionalverkehre in Niedersachsen aus. Dazu zählten auch die geplanten Ausfälle, meist aufgrund von Baustellen.

Verkehrsminister Bernd Althusmann (CDU) bedauerte die Zugausfälle. „Damit noch mehr Menschen auf die Bahn umsteigen, muss diese pünktlich und zuverlässig, sein“, sagte er der HAZ. „Da sind auch die Verkehrsunternehmen gefragt, attraktive Bedingungen für den Lokführerberuf und die dazugehörige Ausbildung zu schaffen.“

Negativ aufgefallen ist nicht zuletzt die Nordwestbahn, die 2022 das S-Bahn-Netz in Hannover übernehmen soll. Pendler klagen besonders auch über die Lammetalbahn im Raum Hildesheim, die DB Regio im Harz sowie über Ausfälle beim Metronom. Der Betreiber aus Uelzen hat zuletzt im Raum Hamburg zwei Verbindungen gleich über Wochen gestrichen. Grund waren hier zu wenig einsatzbereite Züge. Defekte Fahrzeuge sind landesweit Ursache für gut jeden fünften ungeplanten Zugausfall. Etwa jeder zehnte geht auf Vandalismus zurück, beispielsweise nach Fußballspielen, zunehmend auch wegen Graffitischäden. Weitere Gründe sind Probleme mit Weichen und Bahnsignalen. Externe Einflüsse, wozu das Wetter zählt, waren der Grund für 7,5 Prozent der Ausfälle.

Nordwestbahn hört sich in Serbien nach Lokführern um

Die Verkehrsunternehmen bemühen sich auf der Suche nach Lokführern inzwischen verstärkt um Quereinsteiger, suchen aber auch schon im Ausland nach Nachwuchskräften. So hat sich die Nordwestbahn kürzlich im serbischen Belgrad nach Bewerbern umgehört, wie ein Sprecher der HAZ sagte. Außerdem sei die Zahl der zehnmonatigen Schulungen für Branchenfremde deutlich erhöht worden, auf in diesem Jahr bereits zehn mit insgesamt mehr als 150 Teilnehmern: „Die Weichen sind gestellt, dass es nächstes Jahr besser läuft.“

Weiterbildungen zum Triebwagenführer bietet auch Metronom in diesem Jahr verstärkt an, wie Sprecher Björn Pamperin berichtet: „Das nutzen vor allem Menschen aus gewerblichen Berufen, die beispielsweise vom Strukturwandel in der Autoindustrie betroffen sind.“ Das Unternehmen werbe gezielt auch Menschen an, die umziehen: „Viele reizt am Beruf des Triebwagenführers die Mischung aus Technik, Verantwortung und dem Umgang mit Menschen.“

Grüne: Unzuverlässigen Bahnunternehmen Auftrag entziehen

Seit dem vergangenen Jahr verpflichtet das Land in neuen Nahverkehrsverträgen die Betreiber zu höheren Ausbildungsquoten und Personalreserven. Bei einem Treffen im Verkehrsministerium in Hannover haben sich im Juli zudem die elf Nahverkehrsbetreiber verständigt, sich nicht mehr ungehemmt gegenseitig Personal abzuwerben. DB Fernverkehr allerdings, die nach Berichten von Branchenkennern mit hohen Wechselprämien lockt, ist der Übereinkunft nicht beigetreten.

Den Grünen im Landtag geht das Bemühen nicht weit genug. Sie fordern, unzuverlässigen Bahnunternehmen den Auftrag zu entziehen. Die Bahnen müssten zum Vorhalt einer Personalreserve für die Urlaubszeit und Krankheitsausfälle verpflichtet werden, sagte der Verkehrsexperte der Grünen im Landtag, Detlev Schulz-Hendel. „Wir wollen zusätzlich eine Ausbildungsoffensive für geflüchtete Menschen auf den Weg bringen“, ergänzte er. Dabei sollte das Land die Verkehrsunternehmen finanziell bei den Sprachkursen unterstützen. Baden-Württemberg habe mit einem Modellprojekt gute Erfahrungen gemacht. Die Mittel könnten aus den eingesparten Zuschüssen in Millionenhöhe kommen, die das Land den diversen Bahnbetreibern aufgrund der Zugausfälle weniger auszahlt.

Ausgefallene Züge gelten als pünktlich

Björn Gryschka vom Fahrgastverband Pro Bahn setzt darauf, dass auch die aktuelle Digitalisierung der Stellwerke die Lage verbessert. Die vermehrten Zugausfälle, sagt er, kämen den Betreibern in einer Hinsicht sogar zupass: „In der Verspätungsstatistik gelten ausgefallene Züge als pünktlich.“

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