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06:16 24.03.2015
Von Jutta Rinas
Dirigent Daniel Cohen.
Dirigent Daniel Cohen. Quelle: Benjamin Ealovega
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Hannover

Es wimmelt ganz am Schluss dieser Partitur noch einmal von Vortragsbezeichnungen: Molto espressivo (sehr ausdrucksstark) und zugleich amoroso (liebevoll) soll die Sologeige hier klingen. „Morendo“ (ersterbend) schreibt Alban Berg in seinem berühmten Violinkonzert der Solovioline wenig später als Klangbild vor. Das tut er, kurz bevor das Orchester am Ende im dreifachen Piano „wie aus der Ferne“ verklingt.

Alban Berg, selbst todkrank, widmete sein berühmtes Konzert der 18-jährig an Kinderlähmung gestorbenen Manon Gropius - und er legte eine berührende Expressivität in sein Werk, obwohl er es zwölftönig komponierte. Es sind zutiefst traurige biografische Details, die seinem Violinkonzert zugrunde liegen. Und es liegt eine große Verführung darin, all der Dramatik, dem spätromantischen Gestus in diesem Bekenntniswerk in einer Interpretation den Vorrang vor der komplex und dicht gearbeiteten Struktur zu geben.

Umso bemerkenswerter war es, im 5. Sinfoniekonzert des Niedersächsischen Staatsorchesters mit dem Solisten Michael Barenboim und dem Dirigenten Daniel Cohen jetzt eine Version zu hören, die den Gegensatz zwischen sperrigen Intervallstrukturen und klangprächtigem Orchesterklang nicht aufzuheben versuchte, sondern gleichberechtigt in der Spannung hielt. Dazu trug bei, dass Michael Barenboim - Sohn des Dirigenten Daniel Barenboim und Bruder des Musikproduzenten KD-Supier - auf eine zwar expressive, oft aber eher nach innen gerichtete Klangschönheit der Töne setzte. Das charakterisierte auch seine Zugabe: das Adagio aus Bachs Solosonate für Violine Nr. 1 in g-Moll.

Daniel Cohen hielt das Staatsorchester in Hannover zu duftiger Klangpracht an und arbeitete zugleich dennoch sensibel die vielen motivischen Vernetzungen von Sologeige und Orchester heraus. Gefühl und Moderne gingen an diesem Abend eine reizvolle klangliche Verbindung ein.

Das war umso erstaunlicher, weil Daniel Cohen als Dirigent eigentlich gar nicht vorgesehen war. Der aus Israel stammende Musiker, in der Saison 2013/14 Gustavo-Dudamel-Stipendiat beim Los Angeles Philharmonic Orchestra und ab der Spielzeit 2015/2016 Kapellmeister an der Deutschen Oper Berlin, sprang Anfang der vergangenen Woche spontan für die erkrankte Karen Kamensek ein. Er habe am Dienstag bei den israelischen Parlamentswahlen noch sein Kreuzchen gemacht und dann am Mittwoch - allen Pilotenstreiks zum Trotz - ganz unbeschadet Hannover erreicht, war zu Beginn des Abends von Orchesterdirektor Joachim Schwarz zu hören.

Dass Daniel Cohen auch Romantik kann, war nach der Pause eindrucksvoll zu erleben. Johannes Brahms’ Sinfonie Nr. 4 in e-Moll op. 98 stand auf dem Programm, eine Art Quintessenz seines Schaffens, dramatisch im Charakter, formvollendet und strukturell hochkomplex. Dass es eine ebenso leidenschaftliche wie transparente Interpretation werden würde, wurde schon mit dem Thema des ersten Satzes deutlich, jener berühmten Kette fallender Terzen, die wie Seufzer voneinander getrennt sind, und die Dirigent Cohen mit dem Staatsorchester ebenso klang- wie schwungvoll nahm.

Am Ende gab es für den Einspringer großen Applaus.

Das nächste, das 6. Sinfoniekonzert im Opernhaus mit Olivier Messiaens „Éclairs sur l’Au-Delà ...“ findet statt am 3. Mai (17 Uhr) und 4. Mai (19.30 Uhr), Stefan Asbury dirigiert.

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