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Kultur überregional Der Wow!-Hit-Schreiber
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21:20 28.04.2015
Von Mathias Begalke
Foto: Sunnyboy aus Kalifornien: Albert Hammond.
Sunnyboy aus Kalifornien: Albert Hammond. Quelle: dpa
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Wie viele Hits braucht man, um von den Tantiemen leben zu können? „15“, sagt Albert Hammond. 15 Songs, die alle paar Minuten irgendwo auf der Welt im Radio laufen oder immer wieder von Interpreten aufgenommen werden, ermöglichten ein angenehmes Leben. Würde auch ein einziger Superhit reichen? „Das bezweifele ich.“ Hammond, 70 Jahre alt, ist ein Welthit-Lieferant. Seit Ende der Sechzigerjahre hat er weit mehr als 15 solcher Titel komponiert – und blieb dabei häufig im Hintergrund.

„Wonderful“, sagt Hammond oft während des Interviews, das er anlässlich seiner Deutschlandtournee gibt. Besonders wundervoll findet er es, die Menschen lächeln zu sehen, wenn er und seine Band ihnen „den Soundtrack ihres Lebens“ vorspielen. Diese Dienstleistung kann er bedenkenlos versprechen. Denn nahezu jeder Song, den er im Programm hat, ist so bekannt, dass er als Nostalgie-Anzünder taugt.

Hammond lebt in Los Angeles. Auch dort, an der US-Westküste, sei das Leben nicht sorgenfrei, heißt es in „It Never Rains in Southern California“. Dass der Soft-Rock-Oldie von Albert Hammond ist, wissen viele. Denn er hat das Lied selbst gesungen. Zum Wow-Erlebnis aber wird ein Konzert des gebürtigen Londoners wegen der Titel, die er komponierte und anderen Künstlern überließ, die sie dann populär machten. Mit Hammonds „When I Need You“ landete Leo Sayer 1977 sowohl in England als auch in den USA einen Nummer-eins-Hit. Wow! Zehn Jahre später triumphierte Whitney Houston mit „One Moment In Time“.

Auch von Hammond? Wirklich? Wow! Julio Iglesias schaffte 1975 den Durchbruch auf dem amerikanischen Markt im Duett mit Willie Nelson. Der Playboy und der Cowboy sangen Hammonds „To All The Girls I’ve Loved Before“. Der Songschreiber verhalf Chicago mit „I Don’t Wanna Live Without Your Love“ 1988 zu einem Charts-Comeback. „I Don’t Wanna Lose You“ kennt man von Tina Turner und „Nothing’s Gonna Stop Us Now“ von Starship, komponiert aber hat die Stücke Hammond. Zusammen mit Roy Orbison schrieb er „Careless Heart“. Danach gingen beide im Meer bei Malibu schwimmen.

Viele Hits, viele Geschichten. Auch die folgende erzählt der 70-Jährige in seinen Konzerten: „Boy, do you think you can write a song for me?“, fragte ihn einst Johnny Cash. „Sure, Johnny.“ Hammond leitet so „Praise The Lord“ ein. Seine Fans reagieren auf die großen Namen mit entzücktem Staunen und finden das Paket aus Songs und Anekdoten einfach nur wonderful.

Man stellt sich vor, wie der Songwriter am südkalifornischen Strand steht und der Pazifik die Tantiemen wie Seetang anspült. Man stellt sich auch vor, wie er seinem Sohn, der Albert heißt wie er und Gitarrist der Indie-Rock-Superband The Strokes ist, als Kind die Grundformel für Pophits ins Ohr geflüstert hat: „Pass gut auf, Albert! C-Dur, G-Dur, a-Moll, F-Dur.“ Sein Traum ist es, eines Tages einmal mit dem heute 35-Jährigen auf einer Bühne zu stehen.

Notenlesen hat der Vater nie gelernt, er sei „eher ein Drei-Akkorde-Gitarrist“. Um diese vermeintliche Schwäche auszugleichen, habe er immer versucht, die Melodien perfekt zu formen. Darin ist Hammond Experte. Die Songtexte lässt er andere schreiben. Der 70-Jährige arbeitete mit Diane Warren, John Betis und Hal David zusammen – und besonders gerne mit dem 2001 gestorbenen Mike Hazlewood. Der Hollies-Hit „The Air That I Breathe“ stammt von den beiden. Der Song ist ein Soft-Rock-Klassiker.

Nicht unwahrscheinlich ist, dass die jungen Alternative-Rocker von Radio-head die Allgegenwärtigkeit dieses etwas naiven Lovesongs dermaßen nervte, dass sie ihr selbstzerstörerisches „Creep“ als Antwort schrieben. Zumindest erzählten sie im BBC-Radio, der Hollies-Titel habe sie inspiriert. „Ich hätte sie nicht verklagt“, sagt Hammond. Aber sein Verleger, der die Sendung hörte, tat es, und deshalb muss Radiohead wegen der ähnlichen Akkordfolge ein Drittel der Tantiemen an ihn abgeben. Wow!

Hammond hält nichts von Plagiatsprozessen, wie ihn gerade die Tochter von Marvin Gaye gegen Pharrell Williams gewann, der das Feeling eines Songs ihres Vaters geraubt haben soll. „Gosh!“ sagt Hammond. Ach du meine Güte! Lächerlich! Denn er weiß: Eine Inspirationsquelle von Musikern ist Musik. „Oder eine schöne Frau, die die Straße entlanggeht.“

30 Jahre lang war er nach der Geburt seines Sohnes nicht mehr auf Tour. Er wollte ihn aufwachsen sehen, es anders machen als bei seinen Töchtern Debbie und Paula. Nun, seit er wieder unterwegs ist, spielt er seine Lieder auch in der Provinz, wie zuletzt im Herbst in Bad Salzuflen, Worpswede oder Peine. Er befreit dort, weit weg von Southern California, manchen Oldie auch ein bisschen vom Kitsch, der sich im Laufe der Jahrzehnte abgelagert hat.

In dem 70-Jährigen scheint bis heute etwas von dem Hippie zu leuchten, der 1972 mit „Down By The River“ einen der ersten Songs über Umweltverschmutzung sang. „Hast du schon einmal einen Film ohne Musik gesehen? Erst durch Musik funktioniert er“, sagt er dann. Dies gelte auch für das Leben an sich. „Wir brauchen Musik in der Welt. Sie hilft beim Überleben“, sagt er. „Musik heilt.“
Albert Hammond tritt am Mittwoch, 6. Mai, um 20 Uhr im Capitol auf.

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