Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Kultur überregional Die neue Kunstlinie
Nachrichten Kultur Kultur überregional Die neue Kunstlinie
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:16 30.04.2015
Von Daniel Alexander Schacht
Zeichen aus der dritten Dimension: Werke von Fred Eerdekens.
Zeichen aus der dritten Dimension: Werke von Fred Eerdekens. Quelle: Marek Kruszewski
Anzeige
Wolfsburg

Kupferdrähte kriechen aus der Wand und wieder hinein, ein wirres, scheinbar sinnloses Durcheinander – doch das darauf gerichtete Licht bildet als Schattenwurf darunter die Worte „I prefer some ideas not to be expressed in words“. Worte also, die einen Sinn ergeben, der in der Ablehnung von Worten als Ausdrucksmittel liegt.

Das Werk des belgischen Künstlers Fred Eerdekens befindet sich im ersten Raum der neuen Ausstellung des Kunstmuseums Wolfsburg. Noch davor ist die Neoninstallation von Christian Jankowski zu sehen – mit dem plakativen Schriftzug „Was geht Leute?“. Eine Frage, auf die die viel subtilere Draht- und Lichtinstallation von Fred Eerdekens schon eine erste Antwort gibt. Es „geht“ erstaunlich viel mehr in dieser Ausstellung, als ihr bescheidener Untertitel „Neue Wege der  Zeichnung“ ahnen  lässt. Schon deutlicher weist der Titel „Walk The Line“ darauf hin, was zu erwarten ist. Denn hier wird nicht nur das von Ausstellungskurator Holger Broeker betonte Zeichnen als „Denken mit dem Stift“ geboten. Wer der Linie der Ausstellungsräume  folgt – die sich auf der Empore um die seit März laufende, spektakuläre Ausstellung mit Werken des österreichischen Bildhauers Erwin Wurm im Erdgeschoss des Kunstmuseums herumzieht –, bekommt starke Eindrücke davon, was mit Linien alles möglich ist.

„Hier werden nicht nur andere Bildträger als Papier oder Leinwand erprobt und neue zeichnerische Perspektiven eingenommen“, sagt Ralf Beil, seit diesem Frühjahr Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg, über die Schau mit 105 Arbeiten von 37 internationalen Künstlern. „Hier erleben wir auch die Ausdehnung der Zeichnung in den Raum – und zeigen, wie sie installativ und performativ wird.“

Weitere Informationen

„Walk The Line. Neue Wege der Zeichnung“. Bis 16. August im Kunstmuseum Wolfsburg, Hollerplatz.

Wie das? Weitaus raumgreifender als bei Eerdekens ist der Aufbruch der Linie in die dritte Dimension bei der Installation „spatien“ zu erleben, für die die saarländische Künstlerin Katharina Hinsberg viele Hundert dünne Seidenpapierstreifen von der Decke hängen und sich auf dem Boden aufhäufen lässt. Dieser dichte Linienwald füllt einen ganzen Raum, durch den die Besucher sich – fast unvermeidlich kunstzerstörerisch – einen Weg bahnen müssen. Pia Linz muss dagegen für ihr Werk „Gehäusegravur“ lange Reglosigkeit ertragen haben. Denn sie hat sich ins Innere dieses bauchnabelhohen Plexiglasgehäuses begeben, um dessen Umwelt aus der Innensicht mit der Gravurnadel auf der Fläche festzuhalten – eine Innensicht, die von außen als seitenverkehrte Außensicht erscheint.

Weitaus bewegter sind die Linien zweier Magnetbandschleifen, die der aus Litauen stammende und in New York lebende Zilvinas Kempinas für seine Installation „Double Zero“ verwendet: Zwei gegeneinander blasende Ventilatoren halten die Magnetbandschleifen dazwischen zitternd in der Luft. Subtiler greifen die filigranen Cut-Outs des gebürtigen Quedlinburgers Mario Bierende ins Dreidimensionale aus: Er hat die Umrisslinien der einsturzgefährdeten Kathedrale von Beauvais, einer zerstörten Brücke in Quebec und auch des 1937 abgestürzten Zeppelins „Hindenburg“ aus Tonpapier ausgeschnitten, lässt sie in den Raum hängen – und weist so auf die Zerstörung oder Verletzlichkeit solcher Werke hin.

Sanft bewegen sich diese Arbeiten im Luftzug der Vorbeiflanierenden, ansonsten finden sich Bewegtbilder in einem Videoraum mit animierten Zeichnungssequenzen von William Kentridge, Katie Armstrong und dem Punkkünstler Raymond Pettibon. Sie loten mit dem Zeichenstift die Grenzen zeichnerischer Mittel aus. Einen Film hat auch die Wahlleipzigerin Christine Gensheimer  beigesteuert. Er heißt schlicht „Walk The Line“, wird als Trailer zur Ausstellung präsentiert und ist auch im Internet zu besichtigen (www.kunstmuseum-wolfsburg.de/1927/Walk_The_Line/). Und er ist eines von mehreren Werken, die eigens für diese Kunstschau gefertigt wurden.  

Aber natürlich bietet eine Ausstellung über Zeichnungen auch diese im klassischen Sinne: Bildergeschichten, Fantastisches, Surreales und Experimentelles, etwa Jorinde Voigts Versuch, Beethovens Sonaten zeichnerisch in Wellenlinien umzusetzen. Wer sieht, dass die Sonate Nr. 23 („Appassionata“) da kaum anders aussieht als die 17 („Der Sturm“), wird Zweifel an diesem Experiment haben ...

Nicht alles, was hier zu sehen ist, kann also überzeugen. Alles aber ist anregend, und Vieles zeugt davon, dass die Zeichnung über ihre ursprünglichen Mittel – Stift und Papier – hinauswächst. Das liegt freilich auch daran, dass diese Ausstellung zwischen Zeichnung und Malerei keine allzu strikten Grenzen zieht.

Vielleicht deshalb bietet sie nicht nur einen Kontrapunkt zu Erwin Wurms skulpturalen Arbeiten, sondern  auch Beispiele dafür, dass künstlerische Installationskonzepte statt von dicken Autos auch von feinen Linien ausgehen können.

Rund um die Linie

„Draw The Line“: Ein Activity-Parcours rund um die Linie mit Angeboten zum Experimentieren und Ausprobieren begleitet die Ausstellung in der Zaha-Hadid-Lounge des Museums.
„Talk The Line I“: Der Zeichenkunstexperte Andreas Platthaus hält am Donnerstag, 4. Juni, um 18.30 Uhr einen Vortrag über die „Magie der Linie“.
„Talk The Line II“: Friederike Feldmann und Jorinde Voigt, die zu den hier ausgestellten Künstlern gehören, sind am 25. Juni ab 19.30 im Gespräch mit Ausstellungskurator Holger Broeker.

Kultur überregional 15. A-cappella-Woche Hannover - Spiel ohne Grenzen
Uwe Janssen 27.04.2015
Kultur überregional Lang Lang im Kuppelsaal - Der Gipfelstürmer
Jutta Rinas 29.04.2015
26.04.2015