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07:47 16.01.2015
Persönliche Freiheit, politisches Manifest: „Nu“ (2014)
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Saint Emilion Grand Cru, ein feiner Wein, steckt in dieser Flasche. Doch sie selbst steckt in Beton, der mal eine Einwegplastikflasche ausgefüllt hat. Und im Beton steckt außerdem ein abgesägter Knochen mit roten Spritzern. So zerstört die Kombination mit billigen und blutigen Zutaten die edle Aura dieses Traditionsweins. „Sans titre“ hat der Franzose Jean-Luc Moulène diese Installation genannt, ohne Titel. Wer sich vor Augen hält, welche Knochenarbeit die Weinernte etwa für illegale Einwanderer in Frankreich ist, versteht die blutige Botschaft auch ohne Worte - ein Kunstwerk als politisches Manifest.

Das ist eines der vielen Statements, die jetzt im Kunstverein zu besichtigen sind - in der Jean-Luc-Moulène-Ausstellung „Documents & Opus (1984-2014)“. Das ist nicht nur die erste Kunstvereinsschau im neuen Jahr, es ist auch die erste Ausstellung, die die neue Kunstvereinschefin Kathleen Rahn in Hannover kuratiert hat. Und es ist die erste Werkschau in Deutschland für den Franzosen, dessen Arbeiten schon in Australien und Taiwan, in den Arabischen Emiraten, Brasilien und den USA gezeigt wurden - und später in der Villa Medici in Rom sowie 2016 im Centre Pompidou in Paris zu sehen sein werden. Kein Wunder, dass Kathleen Rahn stolz ist, den Künstler nach Hannover geholt zu haben. Diese Ausstellung ist in den Augen von Annette Schwandner, Kulturabteilungsleiterin im Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK), ein klares Indiz dafür, dass sich der Kunstverein jetzt tatsächlich „viel stärker auf gesellschaftlich relevante Themen“ orientiert, wie Schwandner bei einem Besuch im Kunstverein sagte - unter Hinweis darauf, dass das MWK diese Orientierung 2015 mit einer um 20 000 auf 163 000 Euro erhöhten Förderung honoriert.

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Neben der inhaltlichen gibt es auch eine architektonische Öffnung des Kunstvereins: In den Ausstellungsräumen wurden die Milchglas- durch Klarglasscheiben ersetzt. Das öffnet den Blick auf die industriell geprägte Welt draußen und die künstlerische Welt drinnen zugleich - was zur neuen Ausstellung besonders gut passt. Denn genau darum geht es bei Jean-Luc Moulène: um die Verbindung individuellen Handwerks mit industrieller Produktion - was nach den Worten des Künstler „eher ein Kampf als eine Kooperation“ ist. Der 60-Jährige kennt individuelle und industrielle Produktion aus eigener Praxis. In den Siebzigerjahren war er Performance-Künstler, in den Achtzigerjahren hat er als Designer in der Visualisierungsabteilung des Thomson-Konzerns gearbeitet.

Wer sich in der Ausstellung umschaut, kommt rasch darauf, dass es Moulène nicht lange bei dieser französischen Rüstungsschmiede aushalten konnte. Ein ganzer Raum des Kunstvereins ist - wenn auch erst auf den zweiten Blick erkennbar - dem Thema Streik gewidmet. Da gibt es etwa das Foto einer Gauloises-Schachtel, die von Tabakarbeitern mit dem Schriftzug „Hergestellt für die streikenden Arbeiter“ versehen und orthodox-rot eingefärbt ist. Da prangt auch ein in Moulènes Notizbuch eingeklebtes Bild der nackten Leiche von Holger Meins, der 1974 durch Hungerstreik zu Tode kam. Oder eine Titelseite der „International Herald Tribune“, die streikbedingt nur ohne Bilder erscheinen konnte.

Wo der Mensch zum Darstellungsobjekt wird, verstört Moulène voyeuristische Erwartungen - und stellt etwa in „Nu“ eher die Sonnenanbeterei einer Frau als deren Körper aus. Und selbst wo die politische Stellungnahme nicht so manifest ist, zieht sich ein Bauprinzip wie ein roter Faden durch das Werk dieses Künstlers: Jean-Luc Moulène spürt den metaphorischen Bedeutungen von Objekten nach, greift an sich banale Gegenstände auf, um ihre symbolische Aufladung sichtbar zu machen.

Das ist schon im ersten der sieben Ausstellungsräume spürbar, wo eine riesige Kunststoffskulptur wie ein brutal missratener Automobilentwurf die Besucher empfängt - „Body Versus Twizy“ heißt das für die Sammlung Renault entwickelte Werk, das am Mythos des Autos als Lustobjekt kratzt. Ein paar Meter weiter kann man sich den Kopf an „Enfant“ stoßen, einem von der Decke hängenden Betonklumpen. Die Ironie ist hart - denn der Klumpen ist der Abguss eines Kinderschutzhelms. Und durch die ganze Ausstellung zieht sich eine Fotoserie mit Betonabgüssen von Kopfmasken - womit Moulène wiederum künstlerische Unikate aus industrieller Massenware fertigt.

Wenn man Kathleen Rahn folgt, ist es übrigens kein Zufall, dass weder die Maskenköpfe noch die anderen Skulpturen auf einem Sockel stehen. Jean-Luc Moulène holt die Kunst sozusagen runter vom Sockel - und zeichnet in seinen Werken Spuren sozialer Bewegung nach.

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