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07:04 07.01.2015
Von Martina Sulner
Robert Seethaler
Robert Seethaler
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Er hatte, heißt es über Andreas Egger, während seines Lebens Vorstellungen und Träume in sich getragen. „Manches davon hatte er sich selbst erfüllt, manches war ihm geschenkt worden. Vieles war unerreichbar geblieben oder war ihm, kaum erreicht, wieder aus den Händen gerissen worden.“ Das kann man so oder so ähnlich wohl über nahezu jede Biografie sagen. Autor Robert Seethaler erzählt in seinem neuen Roman „Ein ganzes Leben“ von Andreas Egger, dessen Träume dem Leser klein vorkommen mögen, die ihn aber auch anrühren. Der Mann, der in einem abgelegenen österreichischen Tal lebt, wünscht sich vor allem eine Hütte mit einem Zaun drumherum - und mit einer Gartenpforte: Die möchte er, so stellt er es sich vor, für Besucher weit öffnen.

Es ist ein bescheidener Traum, und das passt zu Egger, der als Vierjähriger bei seinem Onkel, einem Bauern, einquartiert wird. Der gewalttätige Mann schlägt den Jungen einmal so heftig, dass Andreas Oberschenkel bricht. Er bleibt ein Krüppel, ein Hinkebein, wie die Dorfbewohner sagen. Mit einem Gleichmut, der den Leser oft irritiert, erträgt er Armut und harte Arbeit. Nur der frühe Tod seiner Frau Marie bei einem Lawinenunglück bringt ihn aus der Fassung.

Seethaler, geboren 1966 in Wien und mittlerweile in Berlin ansässig, erzählt in all seinen Romanen unaufgeregt, in einfacher Sprache von liebenswerten Außenseitern.

In „Die weiteren Aussichten“ zum Beispiel geht es um den schüchternen Endzwanziger Herbert, der mit seiner Mutter eine Tankstelle führt und als Dorfdepp gilt. In „Jetzt wird’s ernst“ erzählt der Autor von einem jungen Mann, der die Kleinstadt verlässt, um Schauspieler zu werden. Robert Seethaler hat selbst eine Schauspielschule besucht und am Theater und fürs Fernsehen gearbeitet. 2006 erschien sein Debütroman „Die Biene und der Kurt“. Dafür und auch für weitere Bücher und Drehbücher hat er zahlreiche Preise und Stipendien erhalten. Vor vier Jahren etwa war er einige Monate Heinrich-Heine-Stipendiat in Lüneburg. 2012 erschien sein erfolgreicher Roman „Der Trafikant“ über einen jungen Mann aus der Provinz, den es 1937 nach Wien verschlägt, wo er sich mit Sigmund Freud anfreundet.

In „Ein ganzes Leben“ bleibt Seethalers Ton manchmal etwas bedächtig, der Erzählfluss ein bisschen gleichförmig - passend zum Rhythmus von Eggers Leben. Die Geschichte spielt Anfang, Mitte des 20. Jahrhunderts. Der Leser allerdings hat den Eindruck, dass diese Welt, in die erst spät Elektrizität und noch später etwas Wohlstand einziehen, schon viel länger vergangen ist. Erst als eine Seilbahn gebaut wird und bald darauf die (Ski-)Touristen kommen, kehrt die Moderne in dieses Tal ein.

Der Leser staunt über die Demut, mit der Andreas Egger Schicksalsschläge annimmt, über seine Bescheidenheit. Er will weder Millionär noch berühmt werden, kommt nicht auf die Idee, dass er etwas Besonderes sein könnte. Die Geschichte dieses Mannes ist an einigen Stellen etwas rührselig geraten. Doch dieser Egger, so deutet Seethaler an, ist eine Gegenfigur zu den Schwätzern und Blendern der Gegenwart, zu denen, die immer nur wollen und verlangen.

Robert Seethaler: „Ein ganzes Leben“. Hanser Berlin. 155 Seiten, 17,90 Euro. Die hannoversche Lesung des Autors am 15. Januar bei der LiteraTour Nord ist bereits ausverkauft.

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