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Kultur überregional Dunkle Worte, helles Sehnen
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21:22 13.11.2013
„Zweistimmig“: Giora Feidman und Ben Becker im Theater am Aegi. Quelle: Küstner
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Hannover

„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland / er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft.“ Ben Becker spricht die Worte der „Todesfuge“ langsam, ruhig – und so bedächtig, als hätte er sie soeben selbst ersonnen. Dann schwillt ein leiser Hauch zu einem dunklen Ton an. Dessen Länge wird in der Pause Debatten über die Atemkünste des Interpreten auslösen: des virtuosen Tonkünstlers Giora Feidman.

Der präsentiert bei „Zweistimmig“, dem gemeinsamen Programm mit dem Schauspieler Ben Becker, wieder einmal, welche Klänge er der Klarinette, aber auch dem Saxofon zu entlocken vermag. Und im Hintergrund laufen Bilder des Hauses der Wannsee-Konferenz, wo 1942 die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen wurde, also die planmäßige Ermordung der europäischen Juden.

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Das Pathos der Präsentation passt zu dem der Worte – so wie die zum tragischen Leben ihres jüdischen Schöpfers Paul Celan. Dessen bekanntestes Gedicht ist die 1945 verfasste, auf Deutsch erst 1952 publizierte „Todesfuge“.
Als Ben Becker sie vorträgt, ist dieser Abend schon fortgeschritten. Denn er schildert das kurze Leben Celans und seine noch kürzeren Phasen dichterischer Publikation in chronologischer Reihenfolge.

Den Anfang macht er dabei mit einem Liebesbrief Ingeborg Bachmanns, die mit Celan einige Jahre liiert war, und mit Celans Zeilen an sie im Gedicht „Corona“ („Wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis“). Doch auch frühere Gedichte sind schon vom Kummer über den Verlust der Eltern durchdrungen – der Vater starb nach der Deportation in die Ukraine an Typhus, die Mutter wurde von den Nazis erschossen. „Mein Mutterherz ward wund von Blei“, zitiert Becker den Dichter. „Meine sanfte Mutter kann nicht kommen.“ Da ist es totenstill im gut gefüllten Theater am Aegi.

Doch die Düsternis der Texte wird mit der oft tänzerisch jauchzenden Leichtigkeit der Musik kontrastiert – durchaus passend. Denn schließlich repräsentiert Celan, 1920 im bis 1918 noch zu Österreich gehörenden Czernowitz geboren, die versunkene Welt des jüdisch-deutschen Osteuropa ebenso wie Feidman. Dessen  Familie floh aus derselben Welt vor Pogromen nach Buenos Aires und gab an den dort 1936 geborenen Sohn die Tradition der jüdischen Klezmer-Musik weiter.

So variiert Feidman Klezmer-Klassiker wie „Papirossen“, „Nigun“ oder „Freilach“, aber auch Motive jüdischer Gettomusik. Die Begleitung durch Reentko Dirks an der Gitarre und Guido Jäger am Bass schafft dabei eine Liaison von Jazz und Klezmer, zu der Feidman auch durch den Wechsel zwischen Klarinette und Saxofon beiträgt.

Das wirkt erst nach der Pause bisweilen zu leicht. Denn da springt Becker mit seiner Textauswahl in die sechziger Jahre, in denen sich der Horizont des seit 1948 in Paris lebenden Celan weiter verdüstert. „Denk dir: der Moorsoldat von Massada bringt sich Heimat bei“, notiert zwar noch der Psychiatriepatient Celan nach Israels Sieg im Sechstagekrieg. Doch fast zeitgleich schreibt er auch „Komme Tod, komm heute“.

Immer weniger sieht er in den Jahren vor seinem Freitod 1970 die Sprache noch als angemessenes Gefäß zum Transport seiner Erfahrungen, immer stärker experimentiert er mit Wortneuschöpfungen, immer hermetischer wird dabei sein Schreiben. Das transportiert Becker wiederum immer weniger durch Zitate und immer mehr durch Zusammenfassungen. Harte Kost für ein Publikum, das Beckers Worten trotzdem gebannt folgt, am Ende des zweistündigen Programms aber auch erleichtert applaudiert.

Die längste Zeit wird auf der Bühne ein Bild mit Celans freundlichem und doch unendlich traurigem Lächeln gezeigt. Er ist der erklärte Star dieses Abends. Dessen eigentlicher Star ist aber Giora Feidman. Als der als Zugabe George Gershwins „Summertime“ anspielt, brandet schon in den ersten Takten Beifall und bald danach auch Jubel auf.

Das Publikum kennt natürlich das sehnende Schluchzen von Feidmans Klarinette. Ein wohlfeiler und nicht ganz passender Abschluss eines anspruchsvollen Abends? Durchaus nicht. Schließlich hat Gershwin das Motiv aus einem ukrainischen Wiegenlied entwickelt. Da wären wir also wieder in der versunkenen Welt des alten Europa.

„Zweistimmig. Eine Hommage an Paul Celan“ gibt es auch als Audio-CD: Random House, 70 Minuten, 19,99 Euro.

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