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00:15 07.09.2013
Von Johanna Di Blasi
Porträtbild aus einem Stasi-Verkleidungsseminar. Quelle: Simon Menner: „Top Secret. Bilder aus den Archiven der Staatssicherheit“
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Berlin

Die Stasi versuchte ein ganzes Land bis in die kleinsten Ritzen hinein zu kontrollieren. Sogar Jugendzimmer wurden von den Gesinnungsspionen observiert. Wehe, es hingen Madonna-Poster an der Schranktür. Der Bürgerrechtler Jens Reich verglich die Stasi einmal mit einem „kratzenden Unterhemd“, sie sei ein „stets vorhandenes Unbehagen“ gewesen.

Der Berliner Künstler Simon Menner ist für sein Buch „Top Secret. Bilder aus den Archiven der Staatssicherheit“ tief in die Depots der Stasi-Unterlagenbehörde abgetaucht. In den Archiven lagern neben zahllosen Akten – aufgestapelt ergäben diese einen 111 Kilometer hohen Turm – auch 30 000 Tondokumente, knapp 3000 Filme sowie 1,7 Millionen Fotos. Wahrscheinlich war tatsächlich der Blick eines Künstlers nötig, um in der Fülle und auch Monotonie geheimpolizeilicher Unterlagen aus der SED-Diktatur die Aufmerksamkeit für das besondere Bild zu wahren, das aussagekräftige visuelle Dokument.

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Ein Schwarzweißbild zeigt einen Mann mittleren Alters in Arbeiterkluft. Er wendet den Rücken zur Kamera und hat die rechte Hand locker auf den Hinterkopf gelegt, so als würde es dort jucken. Das Foto, das so kryptisch ist, das es in einer Avantgardekunstgalerie hängen könnte, stammt aus einem Geheimsignaleseminar für angehende Agenten. Die Bedeutung der einzelnen Handzeichen ist nicht mehr bekannt. Auch wird man wahrscheinlich nie mehr aufklären können, wofür ein Mitarbeiter der Abhörabteilung zum Ritter geschlagen wurde: richtig mit Schwert, Niederknien und dämlichem Grinsen.

Merkwürdigerweise fanden auch Bilder geselliger Abende der Schlapphüte Eingang in die geheimen Archive. Lachend prosten sich Spitzel und Bespitzelte bei einer Kostümparty zu. Den Stasi-Mitarbeitern gefiel es, zum Spaß mal in die Rolle von Bürgerrechtlern zu schlüpfen, sich „Entrüstet Euch!“-Buttons anzuheften und „Schwerter zu Pflugscharen“-Sticker an den Hut zu kleben, deren ursprüngliche Besitzer sie womöglich hinter Gitter gebracht hatten. Aus weinseligen Minen ist abzulesen, dass zumindest einigen der Narren der Zynismus der Maskerade dämmerte.

Auf 180 DDR-Bürger kam ein sogenannter „Tschekist“, in anderen Ostblockstaaten kam auf fünf- bis zehnmal so viele Bürger ein Geheimdienstler. Allein 2000 Mitarbeiter waren bei der Stasi abgestellt, um Briefsendungen zu untersuchen. Mielkes Truppe traktierte nicht nur Bürgerrechtler und potenzielle Republikflüchtlinge, sondern kümmerte sich auch um Havarien in Industriebetrieben oder um Engpässe der Versorgung der Bevölkerung mit Damenbinden.

Nach der Wende sei die Organisation zu einem Mythos überhöht worden, meint der 1967 in Ostberlin geborene Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, der mit seinem 2013 erschienen Buch „Stasi konkret“ eine kontroverse Debatte angestoßen hat. Wenn man die publizierten Bilder aus der Stasi-Unterlagenbhörde anschaut, in der Kowalczuk tätig ist, mag man gerne glauben, dass die Mielke-Truppe womöglich doch nicht so omnipräsent und omnipotent war, wie sie vorgab. Die weitgehende Öffnung der Stasi-Unterlagen sei „einzigartig unter den Ländern des ehemaligen Ostblocks“, schreibt Menner im Vorwort. Aber auch im Westen existiere bis zum heutigen Tag nichts Vergleichbares. Auf Bildbände von CIA, NSA, KGB oder BND braucht man also nicht zu warten.

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