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Kultur überregional Blick ins Innere der Künstler
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20:58 04.06.2015
Von Daniel Alexander Schacht
Mit ganz eigener Note: Dan Perjovschi zeigt seine minimalistische Hommage an Timm Ulrichs.
Mit ganz eigener Note: Dan Perjovschi zeigt seine minimalistische Hommage an Timm Ulrichs. Quelle: Michael Wallmueller
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Hannover

„Ich kam zur Welt, als die Berliner Mauer errichtet wurde“ ist da auf Englisch zu lesen - und weiter: „Ich stehe noch.“ Wohl wahr. Dan Perjovschi steht vor der weißen Wand des Kunstvereins, auf der seine schwarzen Graffiti prangen, lächelt und plaudert über seine Arbeiten. Die zeugen vom Wortwitz und der Wachheit des rumänischen Künstlers. Die Buchstabenfolge „Mafifa“ etwa, mit der aktuellen Ergänzung „Sepp forever out“. Ein umgekippter „China“-Schriftzug mit einer Wellenlinie und dem kleinen Hinweis „capsize“, der an die jüngst gekenterte „Stern des Orients“ im chinesischen Meer erinnert. Oder ein Ku-Klux-Klan-Duo mit der Sprechblase „Things are not so black’n’white“.

Bei Dan Perjovschi aber sind sie es eben doch. Denn gleich nach dem Studium an der Kunstakademie Bukarest hat er beschlossen, für sein weiteres Künstlerdasein mit Schwarz und Weiß auszukommen. Wie er seine Wandzeichnungen vorbereitet, demonstriert der Kunstverein jetzt mit Einblicken in seine Skizzenbücher. Punktgenau passt der 54-jährige Rumäne damit zu „Mental Diary“, wie die neue Ausstellung im Kunstverein heißt. Denn um Tagebücher geht es hier stets - zumindest in metaphorischem Sinn. Und dass „mental“ auf Deutsch auch übergeschnappt bedeuten kann, stört gar nicht bei dieser von Kunstvereinsdirektorin Kathleen Rahn und Kuratorin Ute Stuffer locker und assoziativ zusammengestellten Gruppenschau.

Dabei kombinieren sie jüngere, etablierte und ältere Künstler von teils internationalem Rang aus Europa und den USA. Auf den ersten Blick eine wilde Mischung. Doch die Tagebuch-Metapher deutet auf einen roten Faden hin. Ebenso wie Tagebucheintragungen haben auch die hier ausgestellten Werke stets eine sehr persönliche Note - der Kunstverein bietet damit fast in stärkerem Maße eine Künstlerausstellung als eine Kunstschau.

Dabei sind die künstlerischen Techniken vielfältig, die Werkformate oftmals opulent, die Blickwinkel bisweilen eklektizistisch. Ketuta Alexi-Meskhishvili, die aus Georgien stammende, in Berlin lebende und mit 36 Jahren Jüngste im hier versammelten Künstler-Sextett, verarbeitet in ihren Fotografien vorgefundene Bildwelten, kompiliert gealterte oder herrenlose Imaginationen, die sie „Waisen-Bilder“ nennt. Christiane Möbus, in Hannover wohlbekannte Künstlerin, füllt beide Räume beiderseits des Treppenaufgangs - mit ihren (Selbst-)Porträts der Fotoserie „Gestiefelte Katze“ und einer Holz- und Druckguss-Installation, die sie „Ansichtssache“ nennt. Sol LeWitt, vor acht Jahren verstorbener Vordenker der Konzeptkunst, hat seinen analytischen Blick in „Autobiography“ dokumentiert, einem Künstlerbuch von 1980, das Fotografien mit Details aus seinem Atelier präsentiert - sechsmal Holzboden, sechsmal Stuckatur, sechsmal Musikkassetten, sechsmal Uhren und so weiter. 45 von 60 Doppelseiten dieses Dokuments sind im Kunstverein zu sehen.

Jonas Mekas, gebürtiger Litauer des Jahrgangs 1922, ist nach den Kriegswirren in New York gelandet, wo er zum Paten des amerikanischen Avantgardekinos wurde. Vierdreiviertel Stunden braucht, wer sich seine experimentelle Filmkompilation „As I was moving ahead occasionally I saw brief glimpses of beauty“ komplett anschauen will. Viel Platz beanspruchen die 21 bunten Acrylbilder von Dietmar Lutz. Darunter ist eines, das „Maschsee“ heißt und 2014 dort entstanden ist - eine vorgezogene Reverenz an den Ausstellungsort.

Zahlreicher sind solche Reverenzen bei dem Rumänen Perjovschi. Der Künstler, der Einzelausstellungen auch schon im New Yorker Museum of Modern Art und in der Londoner Tate hatte, ist zwar erst seit wenigen Tagen in Hannover. Doch seine Arbeiten zeugen davon, dass er seinen persönlichen Zugang zu der Stadt gefunden hat. Zu entdecken ist da etwa die Zeichnung eines kleinen Sprengel-Museums. „Darin ist der Merzbau“, sagt er und fügt begeistert hinzu: „Geht es besser?“ Zu sehen ist auch ein in wenige Striche gefasstes Lob für Künstlerhaus und Kunstverein, wenn auch mit der kleinen Sprechblase „I miss football“. Und geradezu minimalistisch hat Perjovschi eine Mischung aus Reenactment und Hommage für Timm Ulrichs verfertigt, der ihn bei der Arbeit im Kunstverein besucht hat. Timm Ulrichs Performance „Ich kann keine Kunst mehr sehen“ findet sich dort auch an der Wand wieder. „Tim is great“ steht daneben. „But I can’t see art anymore.“

Nun, im Kunstverein kann man sie jetzt sehen. Und auch fast alle noch lebenden Künstler. Aber so muss das bei einer Künstlerausstellung ja auch sein.

Ausstellungstipp

„Mental Diary“. Bis 23. August. Eröffnung am Freitag um 20 Uhr, im Kunstverein, Sophienstraße 2. Erstes Künstlergespräch mit Dan Perjovschi am Sonnabend um 17 Uhr, weitere mit Alexi-Meskhishvili, Möbus und Lutz folgen. Weitere Informationen unter kunstverein-hannover.de

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