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00:31 15.11.2014
"Ich seh dich - und ich seh mich": Zwischen Publikum und der Band Bonaparte stehen drei durchsichtige, aber auch spiegelnde Glaselemente.
"Ich seh dich - und ich seh mich": Zwischen Publikum und der Band Bonaparte stehen drei durchsichtige, aber auch spiegelnde Glaselemente. Quelle: Wallmüller
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Hannover

Zu Beginn blicken die Zuschauer der ersten Reihen auf ihr Ebenbild. Denn zwischen Publikum und der Band Bonaparte stehen drei durchsichtige, aber auch spiegelnde Glaselemente. Roger Waters von Pink Floyd hatte einmal Riesensteine aus Styropor zwischen sich und Fans stellen lassen, um so die Entfremdung darzustellen. Hier, bei Bonaparte, ist das anders, hier gilt. „Ich seh dich – und ich seh mich“. So kann nicht nur der Fan im Bärenkostüm in der ersten Reihe sich und die Band gleichzeitig abfeiern.

„Me So Selfie“ vom neuen, selbstbetitelten Album „Bonaparte“ ist das Lied zum Bühnenbild. Es ist eine Zusammenarbeit mit Tim Fite, der schon das Vorprogramm besorgte. So süß sei er, dass er sein digitales Spiegel am liebsten essen möchte, singt Bonaparte-Frontmann Tobias Jundt. Es sind Songs wie diese, oder auch das ironische „Two Much“, die zeigen, dass hier keine reine Spaßkapelle spielt. Jundt geht es stattdessen um die Verbindung von Intellekt und Ausrasten, so nennt er das jedenfalls. Warum man über Spaß nicht nachdenken könne, das habe er ohnehin nie verstanden.

Mit „Into The Wild“ hat es sogar eine wunderbar zurückgenommene Ballade auf das Album geschafft. Hinter dem Horizont, da gebe es etwas Schönes, ein Ort, wo auch der Angekettete frei wie ein Vogel sein kann. Bonaparte hat sich vor acht Jahren um den Schweizer Jundt versammelt. Seitdem zieht dieses Kollektiv von Künstlern von Berlin aus durch die Welt, sorgt in wechselnder Besetzung für ordentlich Zirkus und wird mit ihren stilbildenden Hits wie „Anti-Anti“ so gerne als Abziehbild für das neue, coole, multinationale, spannende und manchmal auch abgerockte Berlin hingestellt.

Wie sich hier, wie im Pavillon, die Stile, die Alben, die Phasen der Band zusammenfügen zu einem cleveren Spektakel, das ist schon etwas sehr feines. „You Know Tolstoi / I Know Playboy“ singt Jundt in „Too Much“. Er springt und robbt und tanzt dabei über die Bühne, als würde er gleich Funken schlagen. Zwei Tänzerinnen tragen mal einen mit Songtext beschriebenen Morphsuit, mal fratzenhafte Masken, mal einen vorne offenen Jeans-Overall. Der selbsternannte Anführer Jundt singt in „Manana Forever“, dass er, wenn er richtig was zu sagen hätte, Sex befehlen würde und nicht Töten. Das singt dieser kleine Bühnenwahnsinnige mit einer schnoddrig-lässigen Stimme, als hätte er sich (wie Marlon Brando für seine Rolle als „Der Pate“) ordentlich Watte in die Backe gestopft.

Bei „Wir Sind Keine Menschen“ stellt sich Jundt an den Bühnenrand, er tippt jemandem auf die Schulter. Ehe der Fan weiß, was hier los ist, da sitzt der Sänger schon wie ein tobendes Kleinkind auf den Schultern und treibt ihn an, in Kreisen durch die Menge, die diesem Polonäsenanführer folgt. Jundt lässt sich in die liegende Crowdsurfing-Position fallen – ein paar Sekunden später hat ihn die pogende Masse so wieder auf die Bühne gebracht, da schrammelt er wieder auf der weißen Gitarre.

Beim vergangenen Besuch in Hannover spielten Bonaparte im größeren Capitol. Man dachte damals, dass diese Band bald so richtig durch die Decke gehen würde. Aber Szenen wie im Pavillon, ohne Bühnengraben, ohne breitschultrige Männer in schwarz, die für Ordnung sorgen, solche Szenen zeigen, dass es gut ist, dass nicht jede Band in die Großarena strebt – auch wenn sie das Zeug dafür hätte.

Von Gerd Schild

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