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Kultur überregional Bruce Springsteen – der gute Mensch von Amerika
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00:15 30.05.2013
Von Mathias Begalke
Bruce Springsteen, der Superrocker, tritt am Dienstag in Hannover auf.
Bruce Springsteen, der Superrocker, tritt am Dienstag in Hannover auf. Quelle: dpa (Archiv)
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Hannover

Er kann das. Eine Verbindung herstellen, scheinbar mühelos, auch mit ein paar Tausend Menschen, deren Sprache er nicht einmal spricht. „Es ist schön, in Ost-Berlin zu sein“, liest Bruce Springsteen mit großer Sorgfalt auf Deutsch vor. „Ich bin nicht für oder gegen eine Regierung, ich bin gekommen, um Rock-’n’-Roll für euch zu spielen, in der Hoffnung, dass eines Tages alle Barrieren abgerissen werden.“ Die größte „Barriere“ dort, in Berlin, ist die Mauer.

Die Anreise der Fans zum ersten und einzigen Konzert Bruce Springsteens in der DDR soll den größten Stau in der Geschichte des Landes verursacht haben. 160.000 Menschen erlebten den damals 38-jährigen Amerikaner auf der Radrennbahn Weißensee. „Born in the U.S.A.“ sangen sie, jenseits der Mauer, einen Song über das Lebensgefühl eines in der Seele gebrochenen Vietnam-Veteranen. Fremd, dieses Lebensgefühl. Aber irgendwie passte es doch, besonders die Zeile „nowhere to run, ain’t got nowhere to go“ – es gibt keinen Ort, an den ich mich flüchten könnte.

Springsteen singt die Freiheit herbei

Wen hat sich die FDJ da ins Land geholt? Den Superrocker des US-Imperialismus – oder vielleicht doch den Arbeitersänger, der sich für die Armen und Entrechteten einsetzt? Auf jeden Fall hat das bedrängte Regime an diesem 19. Juli 1988 Westrock spendiert, um die unzufriedenen Massen ruhigzustellen. Es misslingt.

Springsteen spielt seine Hymnen des Aufbruchs. „The Promised Land“ und „Badlands“, auch „Born to Run“. Lieder über Menschen, die in der Falle sitzen, über gebrochene Versprechen, zerplatzte Träume, über die Sehnsucht nach Freiheit und Leichtigkeit. Die DDR-Bürger tanzen und tanzen und tanzen, egal, wie schlecht der Sound hinten in den letzten Reihen auch ankommt. Optimismus liegt in der Luft. 16 Monate später ist die Mauer weg.

Bruce Springsteen singt immer noch über die Gestrauchelten. Und über Amerika, dieses Land, das ihn immer wieder enttäuscht und das er trotzdem so liebt.

Springsteen und seine E Street Band füllen bis heute die Stadien; in den USA vor allem an der Ostküste, wo er selbst zu Hause ist. Diesseits des Atlantiks scheint er sogar noch beliebter zu sein. Schon im vergangenen Sommer ist er ausgiebig durch Europa getourt, um sein aktuelles Album „Wrecking Ball“ vorzustellen, jetzt ist er noch einmal für 33 Konzerte zurück. Heute abend spielt er in Hannover im Stadion, die meisten Auftritte aber, fast ein Drittel, hat „The Boss“ in Skandinavien. Die schwedischen Fans gelten als besonders enthusiastisch. Der Legende nach haben sie 1985 so sehr mitgerockt, dass die Tribünen im Göteborger Ullevi-Stadion beinahe einstürzten. Die Sanierung soll mehrere Millionen Euro gekostet haben.

Wer ganz oben sitzt, unter dem Dach einer der Multifunktionsarenen, in denen Springsteen für gewöhnlich auftritt, der sieht das am besten: Wie Tausende von Menschen zu einem einzigen Wir werden. Wie alle plötzlich „Born to Run“ sind, tanzen und schreien. Und beim nächsten Song stehen sie alle still und selig da. Es ist vielleicht die Ballade „Racing in the Street“: Die große Liebe ist verwelkt, während sie sich in den Schlaf weint, erledigt er den Abwasch. Und alles wäre längst aus, wenn es nicht die Nacht gäbe, in die die beiden immer wieder flüchten.

Springsteen ist ein Entertainer mit Elvis-Qualität, vielleicht der letzte, auf jeden Fall derzeit der größte Rocker des 21. Jahrhunderts. Einer, der Zehntausende in einer Arena von den Sitzen reißen oder zu Tränen rühren kann. Dreistündige Konzerte sind nicht selten. Keiner spielt länger als er. Dem, der ein Ticket kauft, verspricht er, alles zu geben. „Ich will ein extremes Erlebnis. Das Publikum soll die Arena verlassen mit schmerzenden Händen, schmerzenden Füßen, schmerzendem Rücken, rauer Stimme und erregten Geschlechtsorganen.“

Als wolle er jeden Abend aufs Neue beweisen, dass er etwas taugt, verausgabt sich der inzwischen 63-Jährige bis an die Grenze der Selbstausbeutung. Er komme dabei dem Soulsänger James Brown um 1962 nahe, findet David Remnick in seinem Buch „Über Bruce Springsteen“: Zumindest so nahe, wie es einem Weißen im Rentenalter möglich ist, ohne einen Bandscheibenvorfall oder ein kaputtes Becken zu riskieren.

Wahre Fans nennen ihn beim Vornamen. Anna reist „Bruce“ seit dem legendären Auftritt in Ost-Berlin hinterher. Die 51-Jährige aus Stralsund an der Ostsee hat ihn mehr als 50-mal live erlebt. Die genaue Zahl will sie nicht sagen, will nicht in Verdacht geraten, eine Springsteen-fixierte Verrückte zu sein. Als er im Jahr 2000 zehn Mal hintereinander im Madison Square Garden in New York auftrat, war sie auch dabei, und zwar bei jedem der zehn Konzerte. Warum immer wieder Bruce? Was sucht sie dort? „Euphorie, Trost, Hoffnung“, sagt sie. „Man kann sich auf Bruce verlassen.“

Er will, dass sich seine Fans locker machen in seinen Konzerten, ihren Alltag ausblenden. Es soll denen, die zu ihm kommen, gut gehen. Für drei Stunden gilt: Twist and Shout! Die schon von den Beatles gecoverte Nummer war der erste Song, den er jemals vor Publikum spielte. Er bringt sie heute noch gerne als Zugabe. Erfunden hat er das Konzept der Befreiung durch Rock’n’Roll nicht, aber er hat es über Jahrzehnte perfektioniert – in New York, in Göteborg oder in Spanien, wo 56 Prozent der Jugendlichen arbeitslos sind. So wie der 19-Jährige in „The River“, der desillusioniert fragt: „Ist ein Traum eine Lüge, wenn er nicht wahr wird – oder ist es noch schlimmer?“

In seinen Liedern schildert Springsteen viele solcher Einzelschicksale. Er gibt seinen Helden Namen: Mary, Sandy, Janey, Eddie, Wayne oder Magic Rat. Das hat er schon in seinem ersten Album getan. Im Song „Spirit of the Night“ von 1973 trifft sich eine Gruppe von Teenagern zu einer nächtlichen Sause am See. Die Charaktere vom Greasy Lake tauchen in späteren Songs immer wieder auf. Sie altern mit dem Songschreiber. Sie werden erwachsen, verabschieden sich von ihrer jugendlichen Vorstellung von Liebe und Freiheit. Sie erleben, dass nicht jeder amerikanische Highway überall hinführt. Manche haben das Gefühl, ein gestohlenes Auto zu steuern, weil alles falsch läuft. Andere fallen im Irak oder kommen im Treppenhaus des einstürzenden World Trade Centers um. Bruce Springsteen kümmert sich.

Er schafft es, dass man an das Gute glaubt

Er ist der gute Amerikaner. Weil er immer wieder das Gute in Amerika herausfordert. Und es schafft, Millionen von Menschen glauben zu lassen, dass es dieses Gute tatsächlich gibt. Dass es zu finden ist, wenn man es nur richtig sucht.

Im Song „Youngstown“ von 1995 erzählt er die Geschichte einer Stahlstadt im Rust Belt, der früher größten Industrieregion der USA: Die Männer von Youngstown schuften über Generationen in den Walzwerken. Sie produzieren nicht nur den Stahl, aus dem die Kanonen, Panzer und Bomben für Amerikas Kriege gebaut werden. Sie opfern auch ihre Söhne, die in Korea und Vietnam fallen. Und dann verlieren sie ihre Jobs, als die Schwerindustrie in billiger produzierende Entwicklungsländer abwandert. Die Arbeiter machen die „Big Boys“ dafür verantwortlich, die Bosse und Politiker. Die Big Boys schafften das, singt Springsteen, „was Hitler nicht gelungen war“: die Fabriken zu zerstören, eine ganze Stadt niederzuschmettern.

Den Blick von unten auf die Kluft zwischen dem amerikanischen Traum und der Realität entwickelte er in seinem Elternhaus. Den Vater beschreibt Springsteen-Biograph Peter Ames Carlin als „gequälte Seele“, als Hilfsarbeiter, der nachts oft stundenlang in der dunklen Küche saß, rauchte, soff und grübelte. Kein Licht, keine Hoffnung. Das Album „Darkness on the Edge of Town“ von 1978 spiegelt dieses triste Leben im Abseits wider. Die Werte, an denen sich der Songwriter zeit seines Lebens orientiert, entstammen, wie er, diesem Milieu: Arbeit, Familie, Glaube.

Springsteen protestiert in vielen Songs gegen soziale Ungerechtigkeit – aber er geht dabei kein Risiko ein, wie etwa die Frauenpunkband Pussy Riot in Putins Russland. Seine Kapitalismuskritik ist unscharf, seine Kunst familienfreundlich. Liberal eben. „Er pflegt die Ideologie eines Demokraten, das Vokabular eines Republikaners und das Auftreten eines Populisten“, sagt der Springsteen-Experte und Politikprofessor Christopher Borick. Die meiste Zeit seiner 40-jährigen Karriere hat er sich herausgehalten aus der Tagespolitik. Dadurch, dass er nie Partei ergriff, wurde er „zum Präsidenten eines imaginären Amerikas – des anderen Amerikas, sodass die Welt das Land bewundern konnte, ohne an Reagan oder George Bush zu denken“, formulierte es der Historiker und Journalist Eric Alterman.

Springsteen als moralische Instanz

Springsteens Amerika ist großzügig und gerecht, ein Land, wie es einmal gedacht war und wie es wohl auch Barack Obama vorschwebte, als er vor seiner Wahl zum US-Präsidenten den Wandel versprach. Ein Land, wie es die Unabhängigkeitserklärung von 1776 als Vision und als Anspruch beschreibt. Das Land, von dem Martin Luther King träumte. Das Land, das die Amerikaner in ihrer inoffiziellen Nationalhymne „America the Beautiful“ bei jeder Gelegenheit besingen. Im Lied glänzen bernsteingelbe Kornfelder, Städte aus Alabaster und die Freiheit. Von Barmherzigkeit und Brüderlichkeit ist die Rede. Nur sieht die Realität zuweilen ganz anders aus. Bruce Springsteen will, dass sie dem Ideal ähnlicher wird. Obama sagt über ihn: „Ich bin der Präsident, aber er ist der Boss.“ Es ist nur ein Scherz, aber es sagt viel über die Selbstverständlichkeit, mit der der Sänger als moralische Instanz akzeptiert ist.

Seit den Terroranschlägen am 11. September 2001 mischt sich der Musiker deutlich mehr in die Politik ein. Die Kriegslust der Bush-Regierung und deren dilettantisches Krisenmanagement nach Hurrikan „Katrina“ veranlassten ihn dazu, für die demokratischen Präsidentschaftskandidaten John Kerry (2004) und Barack Obama (2008) zu werben. Auch im Wahlkampf 2012 trat er an der Seite Obamas auf – schließlich hat der die Jobs der Schrauber in der US-Autoindustrie gerettet, die Truppen aus dem Irak zurückgeholt und die Krankenversicherungspflicht eingeführt. Ganz glücklich ist Springsteen mit seinem Präsidenten trotzdem nicht.

Gegen Profitgier und rücksichtsloses Verhalten

Das neue Album „Wrecking Ball“ (Abrissbirne) ist seine Abrechnung mit dem Amerika der Abzocker. „We take care of our own“ singt er, und das ist sarkastisch gemeint. Kümmern wir uns wirklich umeinander? Wo bleiben Barmherzigkeit und Brüderlichkeit? Was ist mit Fairness? Das Lied prangert Profitgier und rücksichtsloses Verhalten an. Es soll Obama daran erinnern, Wort zu halten und etwas gegen die Exzesse an den Finanzmärkten zu unternehmen, die viele Amerikaner ihre Jobs oder Häuser oder beides gekostet haben. Der Titelsong betrauert  sowohl den Abriss des alten Footballstadions der New York Giants als auch den Verfall uramerikanischer Werte. „Hold tight to your Anger“, singt er und klingt dabei genauso zornig wie ein junger Occupy-Wall-Street-Aktivist.

Als Springsteen, der wohlhabende Held der Arbeiterklasse, vor Jahren in einer Sinnkrise an seiner Glaubwürdigkeit zweifelte, half ihm sein Gitarrist und Blutsbruder Stevie Van Zandt auf die Sprünge. „Dein Leben interessiert doch kein Schwein“, sagte dieser: „Die brauchen dich für ihr Leben. Das ist dein Ding. Dass du dieser kalten, fragmentierten, verwirrenden Welt ein bisschen Logik, Vernunft, Anteilnahme und Leidenschaft gibst.“
Springsteen hat sich den Rat zu Herzen genommen.