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Kultur überregional Die Sprengkraft der Worte
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09:59 08.03.2014
Von Jutta Rinas
Foto: Nahm ihre Skandelrede teilweise zurück: Sibylle Lewitscharoff.
Nahm ihre Skandelrede teilweise zurück: Sibylle Lewitscharoff. Quelle: dpa
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Dresden

Sibylle Lewitscharoff hat eine eigenwillige Vorstellung von Literatur und Stil. Das weiß man spätestens seit ihren Poetikvorlesungen von 2011. Von der Bedeutung dessen, wie etwas erzählt wird, ist dort die Rede, von „winzigen messianischen Sprengkapseln“, die jede Literatur braucht, um gut zu sein – und von der Erlösung von „Schmutz und Schuld“, die jede gute Literatur biete.

Von der Sprengkraft ihrer Skandalrede über moderne Reproduktionstechnik am Dresdener Staatsschauspiel war die 59-Jährige, immerhin Trägerin des Büchnerpreises, des bedeutendsten deutschen Literaturpreises, dann aber wohl doch überrascht. Als „absolut widerwärtig“ und „abartig“ hatte sie die künstliche Befruchtung bezeichnet, das moderne „Fortpflanzungsgemurkse“ in den Kontext der Eugenik der NS-Zeit gerückt und dazu Retortenbabys „Halbwesen“ genannt. In einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ beharrte sie danach zunächst auf ihren Positionen: „Darf ich nicht sagen, was ich denke?“

Am Freitag im ZDF-„Morgenmagazin“ aber ruderte sie zumindest teilweise zurück. Der Satz über die kindlichen „Halbwesen“ sei zu scharf ausgefallen, sagte Lewitscharoff. „Das tut mir wirklich leid.“ An ihrer grundsätzlichen Kritik an der künstlichen Befruchtung aber hielt sie fest. Sie könne nicht alles zurücknehmen, weil sie in vielen Dingen so denke, wie sie es geschrieben habe.

Zuvor war ein Sturm an Kritik über die Autorin hereingebrochen. Nicht nur der deutsche Lesben- und Schwulenverband und die Berliner Akademie der Künste reagierten schockiert. Aus der Netzgemeinde schlug Lewi-tscharoff heftige Kritik entgegen.

So weit, so erwartungsgemäß. Aber auch Lewitscharoffs eigener Verlag, Suhrkamp, distanzierte sich: Die Haltung in ihrer Rede sei „nicht mit der des Verlags zu verwechseln“. Selbst Vertreter der katholischen Kirche protestierten scharf. Die katholische Kirche stehe der künstlichen Befruchtung sehr skeptisch gegenüber, sagte Heiner Koch, Bischof des Bistums Dresden-Meißen. „Zutiefst abzulehnen und zu verurteilen“ sei es jedoch, wenn einem Kind „die volle Achtung seiner von allem Anfang an unverlierbaren und unantastbaren Würde als Mensch und Person“ verweigert werde. Jedes Kind sei „ein Geschenk Gottes“.

Lewitscharoff behauptete demgegenüber, sie habe nur von ihr als zweifelhaft bezeichnete medizinische Methoden diskutieren wollen. Bei einer Rede komme einem „als Würzmittel doch auch mal ein scharfer Satz unter, um die Leute aufzuwecken“. Schaut man sich ihre 15 Seiten starke Rede aber genauer an, stellt man ein eklatantes Missverhältnis von Speisen und Würze fest. Lewitscharoff betont zwar ihre subjektive Perspektive, erzählt von ihrem depressiven Vater, einem Gynäkologen, der sich erhängt, als sie noch ein Kind ist. Mit einer auffälligen Akkumulation von Adjektiven – „ungeheuerlich“, „abscheulich“, „verstörend“ oder „grauenhaft“ sind nur einige – rückt sie zentrale Gedanken immer wieder in Bereiche, die sich jeder rationalen Betrachtung entziehen. Statt der klugen Analyse ethischer Fragen hatte die Schriftstellerin wohl doch vor allem Provokation im Sinn. 

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