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Kultur überregional „Comedown Machine“ von The Strokes: Ein tanzbares Missverständnis
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19:06 22.03.2013
Von Karsten Röhrbein
Foto: Bleiben gern im Dunkeln: The Strokes um Julian Casablancas (Mitte).
Bleiben gern im Dunkeln: The Strokes um Julian Casablancas (Mitte). Quelle: Sony
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Hannover

Wer aber denkt, dass The Strokes auch zwölf Jahre später aufs gleiche Pferd setzen, hat sich zu früh gefreut. Nachdem Albert Hammonds Finger auf dem Hals seiner E-Gitarre verheißungsvoll nach oben gequietscht sind, kippt die Stimmung abrupt: „Tap On“, der Opener, entpuppt sich nach dem Fünf-Sekunden-Intro als lässig groovende Synthiepopnummer. Die einstigen Rock-Revivalisten lassen nostalgisch gestimmte Fans in die Röhre gucken.

Die Röhrenjeans, die The Strokes mit ihren straighten Dreiminütern vom Mief von Metal befreit haben, sind der Band offenbar zu eng geworden. Nach einem etwas überambitionierten dritten Album und einer fünfjährigen Auszeit hatte die Band um Sänger und Hauptsongschreiber Julian Casablancas auf „Angles“ 2011 erstmals Synthesizer- und andere stilistische Experimente gewagt, gemeinsam kleine, feine Skizzen geschrieben, statt selbstbewusster breitbeiniger Rocksongblaupausen. „Ich forderte die anderen ständig auf, sich einzubringen. Und was kam? Nichts“, hatte Casablancas zuvor immer wieder geklagt. „Stattdessen nahmen sie Soloalben auf ...“

Strokes-Drummer Fabrizio Moretti etwa verguckte sich zusammen mit Freundin Binki Shapiro bei seinem Nebenprojekt Little Joy in Indiesongs mit Copacabana-Flair. Albert Hammond jr., Sohn von Komponist Albert Hammond („It Never Rains in Southern California“), entdeckte bei der Arbeit zu seinen beiden Soloplatten, dass er nicht nur hervorragend Gitarre spielen, sondern auch selbst fragile Sehnsuchtsmelodien schreiben kann. Etwas genervt zog schließlich auch Casablancas nach und veröffentlichte 2009 sein Solodebüt „Phrazes for the Young“.

„Comedown Machine“, das kommentarlos veröffentlichte neue Studioalbum der Band, greift nun all diese Einflüsse auf. Die Synthesizer sind nicht ganz so quietschig wie bei Casablancas’ Alleingang, dafür wechselt der Sänger jetzt aber öfter als früher in seine feminine Kopfstimme. The Strokes spielen Funk, sie spielen Disko-Plastikpop und sie spielen mit der provokant leiernden Out-of-bed-Stimme von Julian Casablancas. Die ist oft so weit nach hinten gemischt, dass man das Genuschel noch schwerer versteht als früher. Mit „All the Time“ und „50/50“ gibt es unter den elf Titeln aber immerhin noch zwei schweißtriefende Garagenrock-Reminiszenzen. Die Strokes 2013 sind im popkulturellen Recycling noch effektiver als zu „Is This It?“-Zeiten: Zum neuen Album legt Sony eine Presseinformationen von 2005 bei, die jüngsten Fotos der Plattenfirma sind von 2011.

Die Bandmitglieder haben also noch immer Spaß in ihrer Rolle als Rockrevo-luzzer: Das geht mittlerweile ziemlich gut, indem man den Spießer gibt. Mit Hinweis auf ihre Kinder verzichten die New Yorker auf lange Tourneen. Gelassen sieht Casablancas auch den frühen Ruhm: „Meinetwegen waren wie die Retter des New-York-City-Rock“, grummelte er bei seinem letzten großen Interview im „Musikexpress“, „in den Augen von jemandem, der nicht aus New York City kommt.“

The Strokes: „Comedown Machine“ (RCA/Sony)