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Kultur überregional Das Dunkel der Liebe
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20:25 04.09.2013
Von Martina Sulner
„Come back (to me)“, die neue Produktion des finnisch-schwedischen Choreografen Kenneth Kvarnström. Quelle: Jens Sethzman
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Hannover

Noch einmal die Hände des anderen greifen - und dann einfach nicht loslassen können. Hunderte Male selbst erlebt, Tausende Male gesehen - und doch gibt es Momente, in denen einem solche Gesten und Berührungen plötzlich ganz neu vorkommen. In denen sie besonders intensiv, innig oder auch verzweifelt wirken. So wie bei „Come back (to me)“, der neuen Produktion des finnisch-schwedischen Choreografen Kenneth Kvarnström. In der hannoverschen Musikhochschule war die Arbeit jetzt als deutsche Erstaufführung beim Festival Tanztheater International zu erleben.

„Come back to me“, „Komm zurück zu mir“: Die verzweifelte Bitte der oder des Verlassenen setzt Kvarnström in eine betörende Choreografie um. Es ist eine Arbeit, in der nichts von der Bewegung und der Musik ablenkt. Der Bühnenboden ist weiß und leer, es gibt keine Requisiten, die Tänzer tragen einfache schwarze Kostüme, am Bühnenrand sitzen zwei Musiker. In immer neuen Konstellationen tanzen Cilla Olsen, Kenneth Bruun Carlson und Janne Marja-aho Situationen des Verlassens und Verlassenwerdens. Was manchmal mit einer einfachen Geste wie einem Streichen über den Kopf beginnt, geht dann über in fließende Bewegungen der Arme, dann in immer wieder andere Tanzschritte und Hebefiguren.

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Mal steht Cilla Olsen mit einem der beiden Tänzer im Mittelpunkt, dann wieder bilden die beiden Männer ein Paar, und die Frau steht am Rande oder versucht, sich ihren Platz in der Mitte zu ertanzen. So wie die Konstellationen stetig wechseln, verändern sich auch die Stimmungen. Jonas Nordberg an der Barockgitarre und Laute spielt eher wehmütige Melodien; bei Ola Hjelmberg (E-Gitarre und Soundeffekte) wird es düster, manchmal fast schon rotzig-punkig. Die Bewegungen des Tänzertrios bleiben jedoch, auch in den Momenten von Aggressivität, immer ungeheuer weich und fließend.

Manchmal hat man das Gefühl, als sei das alles ein trauriger Traum. Das liegt vor allem daran, dass Jens Sethzman, der für Bühne und Licht zuständig ist, eine verwunschene Stimmung erzeugt. Zu Beginn der gut einstündigen Choreografie ist der Bühnenraum nur schwach ausgeleuchtet; es wirkt, als liege Nebel über der Szenerie. Richtig hell wird es an diesem Abend überhaupt nicht: Es bleibt lange düster, wird später dämmrig, und selbst gegen Ende - wenn im Bühnenhintergrund Lichter angehen - bleibt die Beleuchtung gedämpft. Liebesschmerz ist nun mal dunkel.

Dennoch hat man in der letzten Viertelstunde das Gefühl, dass sich in dem Liebesdrama etwas ändert und löst. Zu dem Zeitpunkt wird auch der Vorhang, der lange fast zur Hälfte heruntergelassen blieb, hochgezogen. Das Trennungsdesaster wird nicht weniger schmerzhaft, dennoch atmet der Zuschauer auf: Die Weite der jetzt vollständig sichtbaren Bühne löst ein Gefühl von Befreiung aus. Jetzt ist es auch, als schaue man nicht mehr privaten Liebesdramen zu, sondern als sehe man ein Tanzstück über das Leben an sich - schmerzhaft schön.

Kvarnström ist, ähnlich wie sein französischer Kollege Heddy Maalem, fast schon Stammgast bei Tanztheater International. Von 1999 an hat der Starchoreograf, der hauptsächlich in Stockholm und Helsinki arbeitet, mehrmals Produktionen beim Festival präsentiert. In diesem Jahr gehörte er zudem - neben Festivalchefin Christiane Winter und dem hannoverschen Ballettdirektor Jörg Mannes - zur Jury, die die Nachwuchschoreografen für das Künstlerresidenz-Programm „Think Big“ ausgewählt hat. Im Vorjahr war der 1963 geborene Kvarnström zu Gast beim Movimentos-Festival in Wolfsburg, wo seine Arbeit „play“ zu sehen war.

„Come back (to me)“ ist puristischer als „play“: weniger Tänzer, weniger Musiker, weniger bunte Kostüme. Extrem dicht und tänzerisch erstklassig ist der Abend an der hannoverschen Musikhochschule. Das Publikum ist begeistert, und auch Kenneth Kvarnström, der sich die Aufführung angeschaut hat, scheint zufrieden zu sein: Ausdauernd applaudiert er seinen Tänzern und Musikern.

Tanztheater International geht heute und morgen, jeweils 20 Uhr, in der Orangerie Herrenhausen weiter mit „Borderline“ von Sébastien Ramirez & Honji Wang. Karten unter (05 11) 16 48 12 22.

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