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Kultur überregional ... und wenn sie doch gestorben sind
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16:10 21.12.2014
Von Ronald Meyer-Arlt
Der Nackte und die Tote: Heino Sellhorn tanzt mit der Knochenfrau. Quelle: Fleige
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Hannover

Schließlich geht es bei „Graus & Grimm“ – der Titel sagt es klar – um Märchen, und in denen spielt der Tod oft eine wichtige Rolle. Nicht immer tritt er persönlich auf, aber viele Märchenfiguren machen Bekanntschaft mit ihm. Sie werden aufgeschlitzt, ertränkt, im Backofen geröstet. Märchen sind grausam und unheimlich, deshalb passen sie auch gut auf die Bühne.

Die fünf Darsteller vom Theater Fenster zur Stadt spielen nicht ein einziges Märchen nach, sie erzählen von vielen. Sie sind mehr an Stimmungen interessiert als an Inhalten. Sie haben verschiedene Märchenmotive genommen und miteinander verwoben. Nicht alles kommt von den Brüder Grimm; die drei jungen Leute, die sich im Wald verirren, sehen zuerst wie die Bremer Stadtmusikanten aus, später aber, fast wahnsinnig vor Angst, erinnern sie an die Figuren aus dem amerikanischen Horrorfilm „Blair Witch Project“.

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Die Produktionen der freien Theatergruppe Fenster zur Stadt, deren Bühne in den Räumen der alten Tankstelle an der Striehlstraße liegt, zeichnen sich meist durch erhebliche Formstrenge aus. So ist das auch hier. Bühne und Wände sind mit grünem Teppich ausgelegt, vier große Leitern im Raum deuten an, dass es um Auf- oder Abstiege in andere Welten geht. Die drei Darsteller (Norman Grüß, Carsten Hentrich und Heino Sellhorn) tragen Schulunifomen, die sie ein bisschen wie die Musiker von ACDC, aussehen lassen, die beiden Darstellerinnen (Alexandra Faruga und Anna-Bonny Krause) wirken in ihren weißen Kleidchen und mit ihren weißen Häubchen wie unheimliche Schwersternschülerinnen.

Geräusche spielen eine wichtige Rolle. Der großartige Musiker Heino Sellhorn lässt die Lippen ploppen, schmatzt und summt ein bisschen ins Mikrofon, das geht dann durch die Loop-Maschine und kommt als See-Idyll wieder aus den Boxen. Sehr schön, wie auf diese Weise fremde Märchenwelten entstehen. Sehr schön ist auch der Gesang: Mehrstimmig mit großem Können und viel Gefühl singen sich die drei im Wald verirrten Männer verschiedene Volkslieder.
In „Graus & Grimm“ geht es vor allem ums Atmosphärische. Ruth Rutkowski und Carsten Hentrich (die für Regie und Produktionsleitung verantwortlich sind) wollen Grusel und Zauber, Märchenwaldromantik und Verlorenheitsgefühl. Dabei vereist das Spiel manchmal auch zu einer Art Märchenhochamt – dann wird eher zelebriert als gespielt (und die neunzig Minuten Spieldauer scheinen sich doch ganz schön zu ziehen).

Am Ende nimmt Heino Sellhorn das Skelett in den Arm, tanzt mit ihm, singt ihm etwas und versucht ihm Leben einzuhauchen. Und siehe da: Das große, rote Herz, das Carsten Hentrich zuvor wie eine schwere Bürde durch den Wald geschleppt hat, beginnt zu schlagen. Wenn jemand den Tod besiegen kann, dann ein Künstler. Das ist natürlich sehr bedeutungshuberisch und ziemlich dick aufgetragen, aber im Märchen ist ja vieles möglich. Und im Theater auch: das Herz ist aus rotem Samt, doch man spürt, wie es schlägt.

Uwe Janssen 24.12.2014
21.12.2014
21.12.2014