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Kultur überregional Unruhe im Luxusresort
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11:51 24.05.2014
Von Stefan Koch
Zukunftsprojekt? Antoine-Olivier Pilon in einer Szene aus „Mommy“. Quelle: dpa
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Hübsche Anekdoten kursieren in Cannes über Juryentscheidungen früherer Jahre. Isabel Adjani soll ihren Mitjuroren ein makrobiologisches Frühstück auf Radieschenbasis aufgezwungen haben – was die Kollegen so sehr in Rage brachte, dass sie sich am Ende gegen ihre Präsidentin stellten. Gérard Depardieu begann seine Jury-Tätigkeit demnach mit einem „Frühstück Tricolore“ – je ein Glas Weiß-, Rotwein und Rosé. Und die Schriftstellerin Françoise Sagan kämpfte so lange für Volker Schlöndorffs „Blechtrommel“, bis die Minibar ihres Hotelzimmers leer war. Mit Erfolg: Francis Ford Coppola („Apocalypse Now“) musste sich die Palme 1979 mit Schlöndorff teilen.

Bislang ist Ähnliches von der entspannt auftretenden Jury um die Regisseurin Jane Campion nicht überliefert. Dreimal wolle man sich treffen, um vorzufühlen, um welche Filme es sich am Ende zu kämpfen lohne, hat Campion eingangs gesagt. Heute ist es so weit: Die Preise werden schon am Sonnabend vergeben, weil Cannes nicht einer anderen Wahl, nämlich der politischen in Europa, ins Gehege kommen möchte.

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Der Rückzug in die zweite Reihe ist in Cannes unüblich. Wie ein Staubsauger hat das Palmenfestival wieder die großen Namen angezogen – auch wenn für die Konkurrenz in Venedig Ende August offenbar ein paar übrig geblieben sind: Gehandelt werden bereits David Fincher, Tim Burton und auch Fatih Akin, dessen Film „Cut“ in Cannes nicht auf die nötige Gegenliebe gestoßen war.

An preiswürdigen Palmenkandidaten herrscht am Ende eines soliden Wettbewerbs 2014 kein Mangel. Das eröffnet der Jury die Chance, eine programmatische Entscheidung zu treffen: Welchen Drive will sie der Goldenen Palme mit auf den Weg geben?

Setzt sie auf einen wahren Filmkunstbrocken wie den türkischen Beitrag „Winter Sleep“ (Regie: Nuri Bilge Ceylan)? Auf das gute, alte Erzählkino, wie es im packenden US-Ringer-Drama „Foxcatcher“ (Bennett Miller) geboten wird? Vielleicht preisen Campion und Co. aber auch den Nachwuchs. Sie könnten die hysterische Mutter-Sohn-Geschichte „Mommy“ des 25-jährigen Kanadiers Xavier Dolan küren. Das käme einem Abwatschen der Altherren-riege gleich, wäre aber eine zukunftsweisende Entscheidung. Und dann ist da der weibliche Blick auf die Welt, den Campion eingefordert hat. In diesem Fall würde sich „Still the Water“ von Naomi Kawase empfehlen, die traumverloren schön von Leben und Tod erzählt.

Heute Abend wird Cannes stolz die siebente Kunst und sich selbst lobpreisen, aber vielleicht hat sich auch ein klein wenig Nervosität im gut abgeschotteten Luxusresort breitgemacht: Denn während drinnen gefeiert wird, tobt draußen schon die Revolution. Das machte der Guerilla-Coup rund um Abel Ferraras „Welcome to New York“ deutlich: Den Film, der dem Aufstieg und Fall des IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn nachempfunden ist, hatte das Festival abgelehnt. Die Produzenten wollten den Sexthriller zeitgleich auf Internetplattformen herausbringen. Mit viel PR-Getöse zogen sie in ein provisorisches Zeltkino am Strand um.

Die Botschaft hinter der Aktion war klar: Wozu braucht es noch die große Leinwand, wenn sich Filme auch auf dem Handy schauen lassen? Und wozu braucht es noch Cannes, jenes Festival, das in den vergangenen 67 Jahren ganz selbstverständlich bei jedem potenziellen Meisterwerk das Recht auf den ersten Blick für sich beansprucht hat?

Von der Côte d’Azur aus traten die Filme ihren Siegeszug auf den Leinwänden der Welt an. Daran wird sich auch in diesem Jahr nichts ändern, und doch scheint diese Auswertungskette kein Naturgesetz mehr zu sein. Die Folgen der Bilderdigitalisierung erreichen mit Verzögerung Cannes – sie beschränkt sich eben nicht auf die Spielerei mit Bild- und Wortschnipseln in 3-D, wie sie der 83-jährige Godard in beinahe kindlicher Art in „Adieu au Langage“ gezeigt hat.
Gewiss, Cannes hat 2014 seinen Ruf als wichtigstes Filmfestival der Welt bestätigt. Doch was, wenn Festivals irgendwann gar nicht mehr so wichtig sind?

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