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Kultur überregional Debatte im Wilhelm-Busch-Museum bleibt zahm
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00:19 22.02.2015
Von Daniel Alexander Schacht
Mit dem Bild des Anstoßes: Museumschefin Gisela Vetter-Liebenow und die Zeichnung von Friedrich Karl Waechter. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Was darf die Satire? Im Jahr 2015 fällt die Antwort bemerkenswert weniger rückhaltlos aus als 1919 bei Kurt Tucholsky („Alles!“). Die Hanns-Lilje-Stiftung und die Evangelische Landeskirche hatten zum „Aschermittwoch der Künste“ diesmal ins Wilhelm-Busch-Museum geladen, also in eine Hochburg der Satire mit dem Zeichenstift, um sich der alten Frage mit einer neuen Bildkritik zu widmen.

Am Thema vorbei

Die soll da in doppeltem Sinne stattfinden, als Kritik am Bild und Kritik des Bildes, und zwar anhand der gar nicht gotteslästerlichen, sondern kirchenkritischen Karikatur „Pfarrer Holthusen trägt heute wieder sehr dick auf“ von Friedrich Karl Waechter (1937–2005). Doch der Dialog zwischen Kunst- und Kirchenexperten verläuft so, wie Susanne Rode-Breymann, Präsidentin der Musikhochschule und Kuratoriumsvorsitzende der Hanns-Lilje-Stiftung, dies vorab für die Lutherzeit in Erinnerung gerufen hat: Kirchen- und Kunstexperten reden zwar in aller Freundlichkeit – doch oft aneinander vorbei. Und leider auch an der Brisanz des Themas, nur Wochen beziehungsweise Tage nach den Anschlägen von Paris und Kopenhagen.

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Gisela Vetter-Liebenow, Direktorin des Wilhelm-Busch-Museums, Gastgeberin des Abends und Kunsthistorikerin, lobt Waechters Zeichnung – auf der Tiere fliehen, ein Totenschädel dräut und selbst Jesus sich ob der Predigt die Ohren zuhält –, als „ein Kratzen am Selbstverständnis der Kirche“ und zitiert auch noch einmal Waechters Selbstverständnis: „Zeichnen heißt das Schwarze im Auge auf einer weißen Fläche verteilen.“ Doch Philipp Stoellger, Theologieprofessor in Rostock und demnächst in Heidelberg, mag Waechters Werk nicht als derart schwarzen Humor gelten lassen und kritisiert die zeichnerische Vision von homogener Gemeinde und pastoraler Langeweile. „Waechter kapert das Bild, um seine Ressentiments zum Ausdruck zu bringen – er bleibt damit unter den Möglichkeiten der Karikatur.“

Der Schlagabtausch fehlt

Bildkritik oder Kritik am Bild, Kritik an der Kirche oder an antikirchlichen Vorurteilen – das hätte man jetzt diskutieren können, das lohnt den Wortwechsel, den argumentativen Schlagabtausch. Doch Moderator Stephan Schaede will es offenbar nicht so genau wissen und fragt kaum nach. „Manche fühlen sich getroffen“, widerspricht Vetter-Liebenow noch Stoellger und bekennt, dass Waechters Werk bei ihr Lachen hervorrufe, in diesem Fall, weil sie die Langeweile kirchlicher Predigten aus eigener Erfahrung kenne. Mit einem lapidaren Eingeständnis von Landeskirchenamtspräsidentin Stephanie Springer („Wir haben auch Schwächen“) ist die Bildkritik dann schon erledigt.

Trifft Gisela Vetter-Liebenows Vermutung zu, dass der Katholizismus einfach ein leichteres Opfer für Karikatur und Satire ist? „Beim Österreicher Gerhard Haderer ist die Auseinandersetzung mit der Religion besonders bissig – und am Ende kann man in der katholischen Kirche ja beichten.“ Ist also der so aufgeklärte und bildenthaltsame Protestantismus eher kein Gegenstand für Satire? Wolfgang Ulrich, Kunsthistoriker an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung, nimmt die Protestanten gegen den Vorwurf in Schutz, blind gegenüber Bildern zu sein. „Das Verbot von Bildern an Gottes Stelle hat zu einem großen Reichtum innerer Bilder geführt – ohne den Protestantismus ist etwa das Werk Caspar David Friedrichs undenkbar.“ Das stimmt gewiss, geht aber am Thema vorbei. Denn Friedrich war wohl Protestant, Romantiker und ein großer Allegoriker. Aber halt kein Karikaturist.

Satire darf doch nicht alles

Und die Kritik am Bild? Stephanie Springer fordert, Karikatur und Satire müssten stets „im Stil empfängerorientiert sein“. „Das tote Bild kann durch die Ausdeutung unheimlich lebendig werden und uns entlaufen“, sagt PhilippStoellger unter Hinweis auf die Gewalt gegen Karikaturisten, weshalb die Satire eben nicht „unter ihren Möglichkeiten bleiben“ dürfe.

Jesus als Klorollenhalter zu zeigen, wie es das Satiremagazin „Titanic“ vor zehn Jahren getan hat („Jesus spielt wieder eine Rolle“), oder Mohammed als Bombe wie im dänischen Karikaturenstreit vor fünf Jahren – all das wäre also nicht erlaubt? Die Experten tun sich schwer mit der Definition von Spielräumen und Grenzen. Außer Frage steht für Stephanie Springer, dass die Kunstfreiheit ihre Grenzen im Persönlichkeitsschutz des Grundgesetzartikels 2 findet – der auch die von Artikel 5 garantierte Freiheit der Presse, der Kunst und der Wissenschaft begrenze. Eine weitere Grenze sieht sie im Strafrechtsparagrafen 166 zum Schutz von Religionsgemeinschaften vor Beschimpfungen. „Dieser Blasphemieparagraf schützt den öffentlichen Frieden“, sagt Springer in Anspielung auf den Anschlag von Paris.

Die entgegengesetzte Konsequenz aus diesem Terrorakt zieht übrigens die Giordano-Bruno-Stiftung. Der Gesetzgeber müsse „unmissverständlich klarstellen, dass der Freiheit der Kunst höheres Gewicht beizumessen ist als den verletzten Gefühlen religiöser Fanatiker“, heißt es in einer Petition zur Abschaffung des „Gotteslästerungsparagrafens“.     

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