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00:15 17.03.2015
Von Jutta Rinas
Foto: Shavleg Armasi hat Erfahrung mit dem Teuflischen. Er spielte den Mephisto schon vor knapp drei Jahren.
Shavleg Armasi hat Erfahrung mit dem Teuflischen. Er spielte den Mephisto schon vor knapp drei Jahren.
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Hannover

Er hat nichts als seine Stimme zur Verfügung. Denn die Staatsoper Hannover bringt ihre neue Produktion, Arrigo Boitos „Mefistofele“ nach Goethes „Faust“, konzertant heraus. Ein schwarzer Bühnenvorhang, drei Stehpulte mit Noten: Mehr ist es nicht, was am Abend der Premiere den Pakt zwischen Faust und dem Teufel im Studierzimmer illustriert. Aber mit welcher Ausdruckskraft macht Shavleg Armasi die vielen Facetten dieser zentralen Szene sichtbar! Er lacht. Höhnt. Zischt, brüllt, singt, umgarnt sein Gegenüber mit einem lockenden Unterton in der Stimme, um ihn dazu zu bringen, ihm zum Preis eines Augenblicks vollkommenen irdischen Glücks seine Seele zu überschreiben. Ganz wie es die komplexe Partitur verlangt.

Der aus Tiflis stammende Bass hat Erfahrung mit dem Teuflischen. Er zeigte an der Staatsoper schon vor knapp drei Jahren in einer – ebenfalls konzertanten – Aufführung von Charles Gounods „Faust“ in der Rolle des Mephisto, wie gut er auf der Bühne böse sein kann. Dass der Georgier einer Inszenierung auf überwältigende Weise seinen Stempel aufdrücken kann, bewies er außerdem in der vergangenen Spielzeit, als er in Benedikt von Peters radikalem „Don Giovanni“ als Diener Leporello seinen auf der Bühne nicht sichtbaren Herrn auf die Plätze verwies.

An diesem Abend ist Armasi auch offiziell – der Name der Oper sagt es schon – der Titelheld. Mit seinem hochkultivierten, selbst in schwierigsten Passagen noch klangschön und differenziert artikulierenden Bass gibt er den diabolischen Verführer, verleiht dem Teufel auch ohne Kostüm oder Bühnenbild raumgreifende dämonische Wucht. Lediglich das Pfeifen auf zwei Fingern in der berühmten Arie „Son lo spirito che nega“ muss er vielleicht noch ein bisschen üben, damit es wirklich durchdringend und durchtrieben wirkt.

Wer in diesem Stück die zweite Hauptrolle spielt, ist an diesem Abend in Hannover schon beim allerersten Auftritt Mephistos im „Prolog des Himmels“ zu merken. Es ist nicht Gott, der wird bei Boito mit kaum einem Wort erwähnt. Es ist auch nicht Faust, der spielt in Boitos „Mefistofele“ – anders als im „Faust“ – trotz vieler anspruchsvoller Soli eher die zweite Geige. Es ist der Chor, den der junge italienische Revoluzzer in der einzigen Oper, die er je vollendet hat, mit klanggewaltigen Auftritten bedenkt. Ätherisch, sphärisch, im Wortsinn überirdisch schön klingt gleich zu Beginn der „Chor der himmlischen Heerscharen“ mit einem berührenden „Ave Signor“. Volkstümliche Lebensfreude versprühen die Sänger mit ihren Jubelrufen beim Osterspaziergang im ersten Akt, mit ausgelassener Sinnenfreude betören sie das Publikum danach in der Walpurgisnacht beim Treffen der Hexen mit ihrem teuflischen Herrn. Der von Dan Ratiu wieder einmal glänzend präparierte Chor der Staatsoper mitsamt Extrachor ist zu Beginn noch hinter einem teilweise durchsichtigen Gazetuch verborgen. Erst im Verlauf des Abends sieht man ihn, je nach Szene in grünes (Osterspaziergang) oder rotes (Walpurgisnacht) Licht getaucht, in der Mitte der Bühne prangen. Musikalisch braucht er sich nicht zu verstecken. Im Gegenteil: Mit seiner Leistung fügt er sich wie ein weiteres Mosaikstück in das Bild von Hannover als Chorstadt ein.

Die übrigen Sänger in dieser auf deutschen Bühnen eher selten gespielten Oper tun ein Übriges, um diese Premiere nicht nur zu einem Höllenspektakel, sondern vor allem zu einem Fest der Stimmen zu machen. Rebecca Davis verleiht der göttlichen Elena die nötige Noblesse und Strahlkraft. Mareike Morr hat hörbar Spaß als Marta. Sara Eterno interpretiert die sehnsüchtige und zugleich leicht zu verführende Margherita zunächst mit berührend innigem lyrischem Ton, bevor sie in der Kerkerszene die berühmte Wahnsinnsarie in eine hochdramatische Verzweiflungsmusik verwandelt. Robert Künzli erweist sich als wandlungsfähiger Faust. Nur manchmal, in den italienisch tenoralen Steigerungen, merkt man ihm die stimmlichen Herausforderungen der Partie doch an. Das Staatsorchester unter Karen Kamensek schwelgt nach vorsichtigem Beginn in dem so vielschichtigen Kolorit dieser Oper: Tanz- und Volksmusikhaftes wechselt sich mit diabolisch-scherzohaften Passagen, mit norditalienischer Melodik und ausladenden romantischen Gesten ab.

Schade, dass sich für die Premiere im Opernhaus nicht ganz so viele Besucher wie sonst fanden. Das mag daran liegen, dass Arrigo Boito vielen Operngängern hierzulande nicht als Komponist, sondern vor allen als Librettist von Verdi-Opern wie „Otello“ oder „Falstaff“ bekannt ist. Dennoch: Die kommenden Aufführungen hätten mehr Zuhörer verdient.

Nächste Aufführungen sind am 25. und 29. März.

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