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Kultur überregional Der Macho als Fossil
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13:06 01.11.2013
Denn während am Herrentag zu Christi Himmelfahrt traditionell Männlichkeitsrituale wie kollektiver Alkoholkonsum zelebriert werden, widmet sich der Weltmännertag Themen wie Gesundheit und Zukunftsperspektiven.
Denn während am Herrentag zu Christi Himmelfahrt traditionell Männlichkeitsrituale wie kollektiver Alkoholkonsum zelebriert werden, widmet sich der Weltmännertag Themen wie Gesundheit und Zukunftsperspektiven. Quelle: dpa
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Berlin

Mit den leichtfüßigen Titel verkennt der Riva-Verlag den Charakter dieses Thementages, der seit der Jahrhundertwende unter der Schirmherrschaft des ehemaligen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow begangen wird. Denn während am Herrentag zu Christi Himmelfahrt traditionell Männlichkeitsrituale wie kollektiver Alkoholkonsum zelebriert werden, widmet sich der Weltmännertag Themen wie Gesundheit und Zukunftsperspektiven. Der Mann steht an diesem Tag also nicht als glorifiziertes starkes Geschlecht, sondern mit all seinen Problemen und Herausforderungen im Zentrum.

Zwei Neuerscheinungen widmen sich auf ganz unterschiedliche Weise der Suche nach männlicher Identität. Der Philosoph Luca Di Blasi strebt in „Der weiße Mann. Ein Anti-Manifest" (transcript Verlag) die schwierige Positionsbestimmmung einer Gruppe an, die aufgrund ihrer jahrhundertelangen Machtrolle generell misstrauisch beäugt wird, der „Neon"-Redakteur Christoph Koch stellt in Form eines ironischen Selbstversuchs („Chromosom XY ungelöst. Von einem der auszog, ein echter Kerl zu werden", Blanvalet) frei nach Herbert Grönemeyer die Frage: „Wann ist ein Mann ein Mann?"

Service

Luca Di Blasi: „Der weiße Mann: Ein Anti-Manifest", Trancript Verlag; 112 Seiten, 18,99 Euro

Christoph Koch: „Chromosom XY ungelöst: Von einem, der auszog, ein echter Kerl zu werden", Blanvalet; 320 Seiten, 14,99 Euro

Di Blasi beschreibt die komplizierte Ausgangsposition so: „Weil mit den weißen Männern eine Geschichte der Dominanz verbunden ist, erscheint jede Selbstreflexion, die sich nicht auf eine Selbstkritik beschränkt, per se problematisch und verdächtig." Zusammenschlüsse von Männern seien meist negativ besetzt, was sich an Begriffen wie Stammtisch, männliche Seilschaften, Männerbünde und Herrenriege ablesen ließe. Um diesem Dilemma als Autor zu entkommen, wählt er den Untertitel „Ein Anti-Manifest", weil sich Manifeste für die durch Hautfarbe und Geschlecht doppelt privilegierten weißen Männer verböten. Nimmt man die Kategorie sexuelle Orientierung noch hinzu, ist Di Blasis zentrale Figur des „WHM", des weißen heterosexuellen Mannes, sogar in dreifacher Weise bevorzugt.

Kurzweilig, prägnant und leicht nachvollziehbar beschreibt der Autor, weshalb sich aus dieser (einstigen) Vormachtstellung beinahe zwangsläufig die zunehmende Verdammung des weißen Mannes in der Wissenschaft, der Populärkultur und in den Medien ableitet. Als Beispiele nennt Di Blasi die Brüderle-Affäre, die den typischen weißen Macho als gesellschaftliches Fossil brandmarkte, und den Wahl-Sieg Barack Obamas über Mitt Romney, der mit Schlagzeilen wie „Weißer Mann, was nun?" begleitet wurde.

Der Autor warnt vor der Versuchung weißer Männer, Privilegienabbau mit Diskriminierung zu verwechseln und sich selbst zum Opfer der Opfer zu stilisieren.

In gewisser Weise passt Di Blasis Vorwurf der „Selbstviktimisierung" auch auf Christoph Koch. Er beklagt in Erinnerung an seinen Großvater, dass seiner Generation der Cowboy-Geist abhandengekommen sei. Weil er „Coke Zero" lieber mag als Bier, zweifelt Koch an seiner Männlichkeit. Also begibt er sich auf eine Abenteuertour, um Männerklischees abzuarbeiten. Beim Fußballspiel, Boxkampf, Schlammlauf, Angeln und im Gespräch mit Porno-König Hugh Hefner sucht Koch nach einem neuen Rollenbild zwischen Macho und Softie. Der selbstironische Unterton macht Kochs Buch trotz einer Reihe von Plattitüden zu einer unterhaltsamen Lektüre.

Di Blasi und Koch haben sich beide an der Krise des Mannes abgearbeitet. Während der Philosoph daraus den gesellschaftlich-idealistischen Schluss ableitet, die weißen Männer stünden in der Verantwortung, für eine weniger durch Ausschlüsse und Machthierarchien geprägte Gemeinschaft einzutreten, zieht der „Neon"-Journalist aus seinem Selbstversuch „Stahlbad im Testosteron" ein ganz persönliches Fazit. Er will für sich „den Kampf um das Lebendigsein, um das Leuchten des Moments, um ein kleines bisschen Abenteuer" annehmen. Ob das nun so spezifisch männlich ist?

Von Nina May

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