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19:48 23.11.2014
Statuengleich: Tänzer in einer Szene aus „Der Kuss“.
Statuengleich: Tänzer in einer Szene aus „Der Kuss“. Quelle: Weigel
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Hannover

Die erste Begegnung zwischen Camille Claudel und Auguste Rodin geht im Gewusel des Pariser Atelierbetriebs unter. Sie laufen aneinander vorbei. Man schreibt das Jahr 1883. Es ist Montag. Fleischbeschau. Künstler treffen auf junge Männer und Frauen und überlegen, wen sie am besten modellieren können. Rodin allerdings will nicht nur Körper nachbilden. Er biegt sich Menschen gern zurecht. Die junge, zielstrebige Camille ist eine besondere Herausforderung für den Bildhauer. Vielleicht ein Grund, warum Hannovers Ballettchef Jörg Mannes in seiner jüngsten Produktion „Der Kuss“ im gut besuchten Opernhaus fast den ganzen ersten Akt als Vorlauf braucht, um zum eigentlichen Thema zu gelangen: die von Leidenschaft und Tragik geprägte Liebesgeschichte des Künstlerpaars.

Mannes lässt eine gute halbe Stunde lang Männer in Malerkitteln und Modelle in hautfarbenen Korsetts über den mit einer marmorweißen Fläche ausgestatteten Bühnenboden (Bühne und Kostüme: Alexandra Pitz) wirbeln und Kunstwerke wie Rodins „Kuss“ nachstellen. Den Rand säumen überdimensionale weiße Kleider, die vom Schnürboden herunterhängen und von den Tänzern dann und wann in die Mitte verschoben werden. Was es damit auf sich hat, wird nicht so recht klar. Camilles Auftritte wechseln mit denen von Rodins Frau (Cássia Lopes) und seinem Sohn (Joseph Gray). Ein eindrucksvolles Duett, das auch nur ansatzweise von knisternder Erotik oder tiefen Gefühlen zwischen Camille (Catherine Franco) und Rodin (Denis Piza) zeugt, fehlt. So ist der erste Teil beinah eine Vergeudung von Erzählstoff, den diese hochemotionale Beziehung zwischen dem Meister der modernen Plastik und Skulptur und seiner ihm künstlerisch ebenbürtigen Schülerin zuhauf in sich birgt.

Den Zugang zum Stück erschwert im ersten Akt nicht zuletzt auch die Musik, die sich aus Kompositionen des vor allem für seine eingängigen Filmmelodien bekannten Michael Nyman zusammensetzt. Insbesondere das fließende, mollastige „The Piano Concerto“ (viel Beifall für Alexandra Goloubitskaia am Klavier) aus Jane Campions oscarprämiertem Drama „Das Piano“ lässt kaum klare Bewegungsmuster zu und verleiht der Szenerie etwas Monotones.

Bis zur Pause wirkt „Der Kuss“ unstrukturiert, ohne markante Höhepunkte. Möglicherweise ist es sogar gewollt - schließlich war unter anderem das „Non-finito“, das absichtlich Unbearbeitete, ein Markenzeichen von Rodin. Im zweiten Akt verleiht Mannes seinen Protagonisten deutlich mehr Kontur und arbeitet sich konsequent zum Kern der Geschichte vor. Es ist, als ob er dem Publikum seinen eigenen kreativen Schaffensprozess zu dieser Tanzproduktion vor Augen führen will. John Adams‘ „Shaker Loops“ und Sergei Rachmaninows „Die Toteninsel“ bestimmen die Musik (furios gespielt vom Orchester unter Leitung von Benjamin Reiners).

Camille tritt selbstbewusst auf, kommt jedoch zunächst nicht vom Maître los. Mit skulptural anmutenden Hebefiguren verdeutlicht Mannes, wie sich das Künstlerpaar in seiner Arbeit gegenseitig beflügelt. Doch je inniger die Beziehung wird, umso mehr wächst auch die Eifersucht in Camille. Rodin will sich nicht von seiner Frau trennen und hat zudem andere Geliebte. Da hilft auch das Einschreiten von Camilles Bruder, dem Diplomaten Paul (Demis Moretti), nichts. Camille trennt sich schließlich von Rodin. Es ist ihr Untergang. Sowohl in menschlicher als auch künstlerischer Hinsicht.

Piza, im Ensemble sonst eher auf den Part des jungen Helden festgelegt, findet einen geschickten Weg, den reifen, fast alten Rodin überzeugend darzustellen: nicht als übertrieben virile Künstlernatur, sondern als arroganten Machtmenschen. Seine Partnerin Catherine Franco beeindruckt einmal mehr in der Rolle einer starken weiblichen Persönlichkeit, die schließlich doch am Leben zerbricht. Es sind keine raffinerten Tanzschritte, mit denen sie Camilles Einsamkeit und letztlich ihren Wahn verdeutlicht, sondern eher kleine Gesten: Hochgezogene Schultern, Blicke von unten, Hände, die sich langsam zu Fäusten ballen.

Zum Finale hin bekommen die von der Decke wallenden Gewänder einen Sinn: Camille reißt die Stoffbahnen herunter - ein Symbol für ihre Zerstörungswut. Sie macht ihr Werk zunichte. Übrig bleiben Oberteile mit sehr langen Ärmeln. Sie ähneln Zwangsjacken. Paul lässt Camille in die Psychiatrie einweisen. Dreißig Jahre, bis zu ihrem Tod, verbringt sie dort. Eingesperrt in ihrem Kopf sind die Erinnerungen an Rodin. Mit leerem Blick kauert Camille schließlich auf dem Boden und deckt sich nach und nach mit einer der weißen Stoffbahnen zu. Von blauem Licht umgeben, sieht sie aus, als würde sie auf einer Wolke schweben. Ein poetisches Schlussbild.

Am 8. Dezember jährt sich Camille Claudels Geburtstag zum 150. Mal. „Der Kuss“ ist ein schöner Anlass, diese besondere Künstlerin neu zu entdecken.

Nächste Vorstellung am 28. November von 19.30 Uhr an im hannoverschen Opernhaus. Karten unter www.staatstheater-hannover.de.

Von Kerstin Hergt

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