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18:55 15.06.2015
Von Martina Sulner
Weit gereist: Ulla Lenze. Quelle: Menand
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Sie wünsche sich, sagte Ulla Lenze vor Kurzem bei einer Lesung, dem Fremden unvoreingenommen begegnen zu können. Einfach nur zu schauen, zu fühlen, zu riechen. Eigentlich hatte man erwartet, dass die 41-Jährige gerade das kann: Seit sie als 16-Jährige für einige Monate in Indien gelebt hat, ist die Autorin viel auf Reisen. Ulla Lenze lebte mehrere Monate in Mumbai und Istanbul, sie hatte ein Aufenthaltsstipendium in Venedig und war Stadtschreiberin in Damaskus. Doch auch diese weit gereiste und offen wirkende Frau kennt das Problem, dass es schwer ist, sich von Erwartungen und Klischees zu lösen.

Das ergeht Holle und Theresa, den Hauptfiguren aus Ulla Lenzes aktuellem Roman „Die endlose Stadt“, ähnlich. Die Berliner Fotografin Holle lebt als Stipendiatin in Istanbul – „wurde wie ein Pflegekind mit anderen Künstler-Pflegekindern in ein Heim für Künstler gesteckt“. Schlecht geht es ihr da nicht, zumal sie sich in einen jungen Türken („der schönste Türke der Welt“) verliebt. Doch wie kann man leben und arbeiten in dieser 14-Millionen-Einwohner-Stadt, wie den Klischees über Orient und Okzident begegnen, wie dem „Problem des Schwärmens“ über diese „Brücke zwischen Ost und West“?

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„Kein Text wird jemals dem gerecht, was wirklich ist“

Die Fragen, die Theresa sich in Mumbai stellt, sind durchaus ähnlich. Die engagierte Journalistin lebt zeitweilig in der Wohnung von Holle in Indien und arbeitet dort für deutsche Zeitschriften. Die junge Frau fragt sich, wie weit ihre Texte nur das Bild, das sich Mitteleuropäer von Indien machen, reproduzieren. „Indien kommt von seiner Rolle, den Abendländer mit Wundern zu beliefern, nicht los“, schreibt die Autorin. Und wenn es nicht Wunder sind, dann eben Schreckensbilder: Menschen in Slums, bettelnde Kinder, dürre Greise in jener Metropole, die um die 14, 15 Millionen Einwohner hat. Vielleicht sind es sogar mehr; verlässliche Zahlen gibt es nicht.

„Kein Text wird jemals dem gerecht, was wirklich ist“, sagt ein altgedienter Auslandskorrespondent zu Theresa, als sie mit ihrer Arbeit hadert. Als sie wieder das Gefühl hat, die Menschen, die sie in Mumbai interviewt, irgendwie auszunutzen. Schließlich verleihen deren Sätze Theresas Artikeln erst die nötige Dramatik und die passende Gefühlslage, um in deutschen Frauenzeitschriften gedruckt zu werden. Mit anderen Worten: Man will in Deutschland etwas über Indien lesen – doch das Fremde sollte in unsere Vorstellungswelt eingepasst sein, nicht zu disparat erscheinen.

Die Frage nach dem Verhältnis von Nähe und Ferne, von Bekanntem und Unbekanntem durchzieht den Roman. Auch bei der Liebesgeschichte zwischen Holle und dem schönen Celal stellt sich die Frage, wie diese unterschiedlichen Menschen miteinander klarkommen können. Hier die weltläufige Künstlerin, dort der Dönerbudenbetreiber, der leidlich Englisch spricht. Ist gerade das Fremde am jeweils anderen anziehend? Oder macht die Fremdheit ihrer Lebenswelten eine Beziehung unmöglich?

Kunst und Realität vereint

Auch wenn es in dem Roman viel um Ferne und das Leben in Megastädten geht – entstanden ist der Anfang des Buches in Niedersachsen. Hier, im Lüneburger Heinrich-Heine-Haus, hat die Autorin 2012 drei Monate als Stipendiatin gelebt. Im vergangenen Jahr war die gebürtige Mönchengladbacherin ebenfalls in Niedersachsen – als Stipendiatin im Künstlerdorf Schreyahn. Lenzes Hauptwohnsitz jedoch ist Berlin. In Köln hat sie vor Jahren Schulmusik und Philosophie studiert; beim Kölner Verlag Dumont erschien 2003 ihr Debüt, der Roman „Schwester und Bruder“. Die Geschichte des ungleichen Geschwisterpaares spielt in weiten Teilen in Indien. Für einen Auszug aus diesem Roman hatte die Autorin zuvor den Ernst-Willner-Preis beim Klagenfurter Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten. Es folgten die Romane „Archanu“ und „Der kleine Rest des Todes“.

„Die endlose Stadt“ ist Ulla Lenzes komplexester Roman; kunstvoll verbindet sie die Geschehnisse in Istanbul und Mumbai. An einigen Stellen übertreibt die Autorin es mit dem Sinnieren über Nähe und Ferne etwas; doch immer wieder findet Lenze zu einem ruhigen, eindringlichen Erzählen zurück. Dieses Buch berührt den Leser – und bringt ihn dazu, über einige Fragen nachzudenken: Was wollen wir auf Reisen eigentlich? Und: Können und wollen wir die Fremde – jenseits des Blicks von der Dachterrasse eines Hotels aus – wirklich aushalten?

Ulla Lenze: „Die endlose Stadt“. FVA. 317 Seiten, 19,90 Euro. 
Am 23. September ist Lenze beim Literaturfest Niedersachsen zu Gast im Literaturhaus Hannover.

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