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Kultur überregional „Das ist ein Geschenk“
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18:28 01.09.2014
Von Martina Sulner
Genießt den Moment: Probe beim „Think Big“-Residenzprogramm Quelle: Michael Thomas
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Hannover

Erst ist die warme, dunkle Stimme von William Shatner zu hören, und kurz darauf die von Robert Przybyl. „Star Trek“-Schauspieler Shatner singt - mit einer eigentümlichen Mischung aus Pathos und Lässigkeit - den Song „You’ll Have Time“, den er mit Musiker Ben Folds eingespielt hat. Immer wieder läuft Przybyl im großen Ballettsaal der hannoverschen Oper zur Musikanlage und spielt das Stück noch mal an. Und immer wieder gibt er, freundlich und gelassen, den Tänzern Tipps und Anweisungen. „Enjoy the moment!“, genießt den Augenblick, ruft er „versucht einfach, den guten Moment zu finden, bevor ihr euch auf die Seite rollt.“

Mit sechs Tänzerinnen probt er eine Sequenz einer neuen Choreografie: Eine Frau bewegt sich im Vordergrund, eine andere liegt hinter ihr auf dem Boden. Dann kommt eine dritte, tippt die Liegende an, und die windet sich - genieß den Augenblick! - mit weichen Bewegungen in die Höhe. Irgendwann tanzen alle sechs Frauen zu Shatners Sprechgesang. „Okay, girls“, ruft Przybyl, „jetzt mal schneller und etwas dynamischer.“

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Es ist kurz vor 14 Uhr, und gleich geht die Probe des polnischen Choreografen zu Ende. Przybyl gehört zu den drei Gästen, die seit Anfang August in Hannover als Gäste des Künstlerresidenzprogramms „Think Big“ arbeiten. Das ist ein gemeinsames Projekt des hannoverschen Festivals Tanztheater International und des Balletts der Staatsoper. Seit 2012 sind jeweils Ende des Sommers drei junge Choreografen eingeladen, um hier Stücke zu proben und während des Festivals zu zeigen. In diesem Jahr kann man die Arbeiten der Gäste am 6. und 7. September im Pavillon sehen.

„Think Big“ ist ein ambitioniertes und aufwendiges Projekt, dessen Etat bei 50.000 Euro liegt. Aus gut 100 (Video-)Bewerbungen hat eine Jury die drei Choreografen ausgewählt; die wiederum haben sich bei einem Casting mit 100 Tänzern für neun entschieden, mit denen sie hier arbeiten. Tänzer und Choreografen sind in den Gästewohnungen der Staatsoper untergebracht; die Oper stellt den Probenraum zur Verfügung und hilft ebenso wie das Festival bei Technik, Kostümen, Probenplanung, Dokumentation.

Arbeiten unter Profibedingungen

„Das Residenzprogramm ist ein großes Geschenk“, sagt die New Yorkerin Shannon Gillen, die mit Robert Przybyl und dem Spanier Miquel G. Font nach Hannover eingeladen wurde. Vom Typ her und von ihrer Bewegungssprache sind die drei ganz unterschiedlich - doch sind sie gleichermaßen glücklich darüber, hier mit einem vergleichsweise großen Ensemble arbeiten zu können.

Mit ausgearbeiteten Konzepten haben die drei ihr Stipendium angetreten. Font, der - wie bei Tänzern üblich - in verschiedenen Ländern gelebt und gearbeitet hat, zeigt eine Choreografie über Immigration, darüber, wie man sich auch innerlich von der Heimat entfernt und sich nach einem Traumland sehnt. Eingebettet ist das in eine Castingshow. In kleinerer Besetzung hat Font diese Choreografie schon mal gezeigt, doch jetzt, mit neun Tänzern, habe er eine „perfekte Konstellation“ gefunden, sagt Font, der auch die Musik für sein Stück komponiert hat.

Shannon Gillen hat bislang nur mit Tänzerinnen gearbeitet. Dass bei „Think Big“ auch zwei Tänzer zum Ensemble gehören, sei für sie eine interessante Erfahrung. In ihrer Arbeit spürt die Amerikanerin Momenten und Konfliktsituationen nach, in denen der Einzelne mit gesellschaftlichen Konventionen aneinandergerät. Für David-Lynch-Verehrerin Gillen spielen dabei Träume eine große Rolle. Und Przybyl geht es vor allem darum, wie einzelne Bewegungen eine Kette von Reaktionen auslösen können.

Auf eine Kette von Reaktionen hofft man auch bei Tanztheater International: „Think Big“ sei, so Festivalchefin Christiane Winter, ein Förderprogramm, um dem Nachwuchs das Arbeiten unter Profibedingungen zu ermöglichen. Zudem solle es helfen, Projekte zu präsentieren und Kontakte zu knüpfen.

Für die neun Tänzer, sagt Robert Przybyl, sei die Arbeit besonders anspruchsvoll. Sie müssten schließlich mit drei unterschiedlichen Choreografen arbeiten, sich schnell umstellen können.

Am späteren Nachmittag proben die Tänzer mit Miquel G. Font. Von einer Ecke des Ballettsaals bewegen sie sich in die Mitte. „In einer perfekten Welt“, sagt Choreograf Font und zeigt auf verschiedene Punkte am Boden, „müsstet ihr hier, hier und hier angekommen sein.“

Die Welt ist nicht perfekt - doch bis zur Aufführung sind noch ein paar Tage Zeit.

Ronald Meyer-Arlt 01.09.2014
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