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Kultur überregional Ein Fest des Bösen
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19:42 11.01.2015
Von Jutta Rinas
Ein Teufel in Menschengestalt: Bryn Terfel als Scarpia. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Er ist zynisch, macht- und sexversessen. Er ist ein Beispiel für das personifizierte Böse. Der Polizeichef Scarpia aus Giacomo PuccinisTosca“ ist außerdem eine Paraderolle des Baritons Bryn Terfel, eine, die der Waliser so klanggewaltig, so dämonisch, wie kaum kein anderer singt. Berühmt ist Terfels Scarpia in Nikolaus Lehnhoffs Inszenierung in Amsterdam von 1998. 2009 trat er in London in der „Tosca“ am Royal Opera House, Covent Garden, auf. 2013 wurde sein Auftritt als Puccinis Polizeichef an der Deutschen Oper in Berlin umjubelt. Vor dreieinhalb Jahren gab Terfel bei einem Festlichen Opernabend in Hannover zudem einen überragenden Falstaff.

Kein Wunder also, dass der Weltstar in Hannover jetzt beim Festlichen Opernabend mit PuccinisTosca“ in der Inszenierung des jungen ungarischen Regieteams Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka für großen Publikumszustrom sorgte. Und das, obwohl das Konzert mit den berühmten Gaststars Bryn Terfel und Neil Shicoff nach der Open-Air-“Tosca“ im Maschpark und der seit Anbeginn der Spielzeit in der Oper laufenden (und fast ausschließlich mit Sängern aus dem Opernensemble besetzten) „Tosca“ in einem halben Jahr bereits die dritte Version des wohl berühmtesten Werkes von Puccini in dieser Stadt ist.

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Schon eine Stunde vor Beginn hat sich eine Schlange an der Konzertkasse aufgebaut. Eigentlich ist der Abend ausverkauft. Die Zahl derjenigen, die auf zurückgegebene Karten hoffen, ist trotzdem groß - und der eine oder andere schafft es tatsächlich noch in den Saal. Als der Vorhang zu Beginn länger als üblich unten bleibt, ist es deutlich spürbar: Die Erwartungen der Zuhörer in der Staatsoper sind hoch gespannt.

Sie werden nicht enttäuscht. Bryn Terfel singt mit wild aufleuchtendem Bassbariton-Timbre, gibt einen geilen Scarpia, der in all seiner Macht- und Kraftfülle nicht nur abstoßend brutal, sondern auch faszinierend wirkt. Schon sein erster Auftritt vor dem tristen Mietshaus, zu dem die beiden jungen Regisseurinnen die Kirche Sant’Andrea della Valle aus Victorien Sardous Libretto umgedeutet haben, zeigt, mit welcher außerordentlichen Bühnenpräsenz dieser Sänger agiert. Mit wenigen, wirkungsvollen Gesten verführt und vernichtet er, gibt Untergebenen wie dem Mesner (Michael Dries) oder seinem Schergen Spoletta (Gevorg Hakobjan) Befehle oder zeigt, wie sehr er die Sängerin Floria Tosca begehrt. Brian Davis’ Scarpia in der Premiere dieser Inszenierung im Oktober war ein brutaler militärischer Führer. Terfels Polizeichef dagegen ist von Begierde geprägt. Bedrohlich baut er sich immer wieder hinter Tosca auf, streicht ihr lüstern über den Körper, um sie einen Moment später rüde von sich zu stoßen. In der großartigen Schlussszene des ersten Akts spielt er mit ihrem Handschuh, riecht daran wie ein Tier, während im Hintergrund ein „Te Deum“ aus der römischen Liturgie erklingt.

Dass dieser Festliche Opernabend gelingt, hat auch mit Terfels Sängerkollegen zu tun. Allen voran Brigitte Hahn aus dem Ensemble der Staatsoper erweist sich als ebenbürtige Gegenspielerin des Weltstars. Ihre Tosca ist vor allem im zweiten Teil dramatisch, hochemotional. Voller Schmerz und Innigkeit singt sie das berühmte „Vissi d’arte“ und bekommt dafür einen Zwischenapplaus.

Der amerikanische Tenor Neil Shicoff als Mario Cavaradossi, neben Terfel der zweite Gaststar des Abends, hat allerdings streckenweise deutliche Mühe mit der enorm schwierigen Partie. Immer wieder nimmt der 65-Jährige das Tempo aus der Musik, um die hohen Töne sicher zu treffen. Immer wieder klingen die Anstrengungen, die Partie zu bewältigen, dennoch mit. Bemerkenswert ist, wie umsichtig Dirigent Mark Rohde den Altstar mit dem Staatsorchester begleitet. Er federt damit einiges an klanglichen Misslichkeiten ab.

„Teufel“ statt Terfel hat der langjährige Bayreuthchef Wolfgang Wagner den Waliser Bariton angeblich genannt. Das kann man als eine Anspielung darauf verstehen, dass Terfel die bösen Buben der Operngeschichte besonders liegen. In Hannover zeigte er, dass er diesen Namen nicht zu Unrecht trägt.

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